Der Reichtum inmitten des Slum

en de
Bericht über einen Besuch bei dem beeindruckenden Permakulturprojekt OTEPIC im Slum von Kitale

Ihr Lieben,

Ich bin voll von Eindrücken von meinen ersten Tagen in Kenia. Die Ankunft in Nairobi scheint schon ewig her zu sein. Schon in Amsterdam hatte ich Ulrike R. getroffen, seitdem sind wir zu zweit unterwegs. Die Reise steht unter einem guten Stern, alles klappt bestens. Die Busfahrt nach Kitale war unerwartet schön! Ich habe selten so eine bombastische Landschaft gesehen. Vulkane, leuchtendes Grün, exotische Bäume, wilde Bäche. So muss die Göttin sich das Paradies vorgestellt haben. Gleichzeitig die andere Seite: Zerstörung, Müll, Kloake in den Bächen, aus denen Mensch und Tier trinken, Kahlschlag und Aufforstungen mit Monokulturen. Überall und immer gehen, stehen, liegen, sitzen in diesem Land Massen von Menschen, schlafen, palavern, arbeiten. An den Straßen verkaufen sie Kleinigkeiten an die Reisenden, andere sitzen am Wegesrand und klopfen Steine für den Straßenbau, um ein paar Münzen zum Überleben zu verdienen. Fast alle Menschen hier sind Kommunikationstalente, und es kommt leicht zu liebenswürdigen Kontakten. Ich denke an die massige Frau in Nairobi, die über die Schicksalsschläge ihrer Familie gesprochen hat, im Krieg im Südsudan, Flüchtlingslager, Tod, Krankheiten… und sie bewegt zu allem Schlimmen ihr Gesicht wie ein Clown in alle Richtungen, manchmal sieht sie aus wie eine Verrückte, sagt aber sehr tiefe Dinge, und man möchte sie küssen, in den Arm nehmen, lachen, weinen, entsetzt weglaufen, alles auf einmal. Die Kreativität und Lebendigkeit ist auf jeden Fall ein Schatz in diesem Land, auch zur Bewältigung von Schmerz.

Kitale. Große Freude, Philip zu sehen! Heute waren wir mit ihm unterwegs – zu viert auf zwei Mopedtaxis, also einschließlich der Fahrer jeweils zu dritt auf einem. (Da wir das Hotel wechseln mussten, hatten wir teilweise zwischen uns auch noch Koffer bzw. Rucksack.) „Pule, pule“, sagt Philip sicher hundertmal zu den Fahrern: „Langsam, langsam.“ Neben den Fahrradtaxis sind diese Mopeds die häufigsten Verkehrsmittel, in der Regenzeit muss man aber auf Matatos (Lieferwagentaxis) umsteigen oder geht zu Fuß, was sowieso die meisten machen. Wir sind die einzigen Weißen auf den Straßen. Und so hört man oft den Ruf „musu“ – Bleichgesichter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Armut speziell in Philips Lebensumfeld und Stadtviertel kann man sich kaum vorstellen – aber auch nicht die Kreativität und den Zusammenhalt der Menschen. Hütten aus Lehm und Blech. Gassen, in denen das Abwasser rinnt. Alles ist braun und grau von dem Ruß und Dreck, der entsteht, wenn man Holzkohle und Lehmziegel herstellt – eine der wenigen Möglichkeiten, etwas Geld zu verdienen. Auf dem Boden sind alle möglichen Waren zum Verkauf angeboten. Dazwischen Kloaken, aus denen Schafe, Hühner, Gänse oder magere Rinder trinken. Auf Schritt und Tritt folgen uns zerlumpte Kinder. Begeistert nehmen sie einen Händedruck entgegen und rennen dann kreischend oder kichernd weg. (Ulrike hat eine wunderschöne Art, mit jedem Menschen Kontakt aufzunehmen, zu begrüßen, ins Gespräch zu holen, seien es die Nachtwächter in Hotels, die Fahrer oder die Kinder im Slum.)
Und dann – inmitten der Enge, des Gestanks und des Drecks – ein Stück grünes Paradies – Philips Garten.

P1114033j

Hier wird ein kleines Wunder wahr. Sonnenblumen leuchten, dazwischen Soja, Kohl, Kürbis, Süßkartoffeln, Cassava, Lablab und „irische Kartoffeln“ – also unsere normalen Kartoffeln und Blumen. Alles ordentlich mit Schildern gekennzeichnet. Der Zaun ist nur für die Tiere, denn vor Menschen wird hier nichts verschlossen. Bei all der Armut wird nichts geklaut. Philip ist hier so sehr ein Teil des Ganzen, dass man ihm hier nichts wegnehmen oder kaputtmachen würde. Die Nachbarn würden es nicht dulden. So bleibt auch ihr Zentrum mit Computer und allen Wertgegenständen immer offen. (Allein der Laptop wäre hier das Jahresgehalt eines Lehrers wert.) Auch die Kinder sind sehr genau darin, sich immer nur einen Buntstift auszuleihen und wieder zurück zu bringen. (Von so einem Sicherheitskonzept könnten all die Tausende hochsicherheitsgeschützter Eigenheime, Hotels und Supermärkte in Nairobi nur träumen. Sicherheit durch Gemeinschaft.)
Im Otepic-Zentrum (ein großer Raum, der Philip durch einen Nachbarn kostenlos zur Verfügung gestellt wurde) gibt es ein großes Wandgemälde mit der Vision eines nachhaltigen Kitale. „Jetzt, wo Leila da ist, müssen wir auch noch eine Wasserlandschaft draufmalen“, sagt Philip zu einem jungen Mann, dem Künstler. Es gibt dort als Heiligtum ein Bord mit fünfeinhalb Büchern, die sich jeder ausleihen kann – mitten drin Dieter Duhms “Die heilige Matrix” und das “Tamera”-Buch. Der Raum füllt sich bald mit Kindern und jungen Männern. Es ist eine Gang, vor der man Reißaus nehmen würde, wenn man sie auf der Straße abends sähe. Aber sie sind alle Mitglieder von Philips Organisation, es ist eine Musik-, Tanz- und Theatergruppe. Man kann ihr ein Thema geben, z.B. Aids oder Aufforstung, dann entwickeln sie ein Stück dazu und führen es auf. (Ich hoffe, wir werden das noch sehen.) Ulrike und ich haben noch zwei Avocados und ein Tütchen Chips dabei, es ist klar, dass hier teilen angesagt ist. Wir schneiden die Avocados in kleine Stücke, und bald sind ein Dutzend Kinder und Halbstarke am Kauen, und oh Wunder, wir werden alle satt. Die wunderbare Brotvermehrung, Jesus im Slum.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Philip hat uns in einem Resort untergebracht. Hier leben wir in schönen, schlichten Unterkünften, die aber im Vergleich zu den Slums ein unerhörter Reichtum sind – die Stille, die Natur… so etwas ist eine Märchenwelt.
Ich habe heute vieles gesehen, wovor ich vor der Reise richtig Angst hatte – Straßen mit tausenden von schwarzen Menschen, erbärmliche Armut, Menschen, die im Dreck leben, und unser Freund Philip, der hier aufgewachsen ist, mitten drin, Tag für Tag für Tag. Aber ich habe auch die heilige Matrix gesehen, berührende, intakte menschliche Strukturen – kleine Kinder, die noch kleineren helfen – die sorgfältige und umsichtige Art, wie das Essen aufgeteilt wird.Was für einen Unterschied ein einziger entschlossener Mensch machen kann. Auch Philip war mal so wie eines dieser Kinder vor uns – und hat sich Energie und Wissen angeeignet, um zu helfen, um ein Modell aufzubauen. Man kann sich den Druck kaum vorstellen – von Familie und Nachbarn und Freunden, die nicht verstanden, dass er das Geld, das er aus USA und Europa zurückbrachte, nicht abgab oder selbst ausgab und bald mit dickem Auto herumfuhr, sondern davon Land kaufte und einer der ihren blieb. Mir war nicht klar, wie sehr er Teil dieses Slums, dieser Armut ist – und gleichzeitig Teil einer möglichen Heilung.
Übrigens hat Philip vor einem Jahr von der Spende der Firma Lush ein zweites, etwas größeres Grundstück gekauft, das auch schon voll bewachsen ist und auf dem sie schon ein traditionelles afrikanische Lehmhaus mit Strohdach gebaut haben. Das ist der Garten, von dem er träumt, eines Tages den Globalen Campus zu beherbergen.

Einstweilen alles Liebe und bis bald

Leila

Share your thoughts:

Your email address will not be published. Required fields are marked *