Die Mauer

en de 
geschrieben im November 1989, als die Berliner Mauer fiel… 

Die Mauer bricht. Sie war das Sinnbild eines Kampfes zweier Systeme. Wir danken allen Freunden aus der DDR und auch aus der BRD, die jetzt aus diesem Kampf ausgestiegen sind. Es ist eine Freude aufgekommen in unserem Land, an der wir alle teilhaben. Diese Freude liegt in dem Gefühl einer umfassenden menschlichen Zusammengehörigkeit, nicht im Triumph eines Sieges. Gesiegt hat da bis jetzt noch keiner, denn gesiegt haben wir erst dann, wenn alle Systeme und alle Mauern überwunden sind. Niemand wird das ersehnte menschliche Glück dadurch finden können, daß er von dem einen System ins andere überwechselt. Die Frage der menschlichen Freiheit liegt außerhalb aller bestehenden politischen Systeme. Sie ist drüben wie hier noch gleichermaßen ungelöst. Der Westen hat mehr Glanz, mehr Lebendigkeit und mehr Reichtum, aber auch er hat noch keine wirkliche Antwort auf die Hoffnung, mit der jetzt die Hunderttausende zu uns kommen, die zu lange hinter Mauern leben mußten. In diesem Zusammenhang möchten wir dem Neuen Forum in der DDR danken für die Ernsthaftigkeit seiner Betrachtungen.

Man hat immer Mauern gebaut. Man hat sie gebaut, um sich zu schützen. Man hat sie um Völker herum gebaut, um politische Systeme und um Glaubensbekenntnisse. Man hat sie sogar um menschliche Elementarbereiche gebaut: um Eros, Liebe und Partnerschaft. Jedes Stück Erkenntnis und jedes Stück Wahrheit, auch jedes Stück Liebe, das in dieser schwierigen Welt gefunden werden konnte, wurde sogleich durch eine Mauer, eine Ideologie, ein Gesetz geschützt. Dies war nach außen eine Demonstration der Stärke, aber es war immer auch ein Schutz vor der Angst. Die Freiheit aber, nach der sich alle sehnen, ist ohne Angst. Sie liegt in einer Verständigung und Solidarität, in einer Freundschaft und Wahrheit zwischen den Menschen, die sich vor nichts mehr schützen muß, weil sie allen gemeinsam ist. Wo Wahrheit, Menschlichkeit und Freiheit vor der Welt geschützt werden müssen durch Mauern, da besteht ein Widerspruch in sich. Denn der Mensch steht nur dort wirklich frei in der Welt, wo er keine Zäune und keine Mauern mehr braucht. Die Treue zu einem „System“, die mehr ist als ein Lippenbekenntnis, kann nur dann entstehen, wenn auch andere Systeme verstanden und anerkannt werden. Das gilt für die Politik wie für die Liebe: Du kannst nur treu sein, wenn du auch andere lieben darfst.

Die Berliner Mauer sollte vielleicht stückweise erhalten bleiben als Mahnmal eines menschlichen Irrtums, an dem wir allen teil hatten. Wir könnten von beiden Seiten her dieses Denkmal bemalen und beschriften mit den Zeichen unseres gemeinsamen Willens, für alle Zeiten solche Mauern zu überwinden. Berlin wäre dann wieder eine geistige Hauptstadt in neuem Sinn als Metropole und Symbol für ein neues menschliches und politisches Denken – im Sinne von Glasnost und Perestroika, im Sinne einer universellen Freundschaft, und im Namen der Wärme für alles, was in Zukunft leben möchte.

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Share your thoughts:

Your email address will not be published. Required fields are marked *