Nachtgedanken auf einer Pilgerreise in Nahost

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Die Idee, hier in Israel-Palästina ein Friedensdorf aufzubauen, in dem dieser Kulturwechsel exemplarisch verwirklicht wird, hat durch die Arbeit der vergangenen Wochen neue Nahrung bekommen. 

Tagebuchnotizen 

 Es ist 2.30 Uhr in der Nacht: Ich kann nicht schlafen. Die Eindrücke der vergangenen Wochen im Rahmen des Globalen Campus in Israel und Palästina arbeiten in mir nach.

Es war insgesamt eine erfolgreiche Zeit, ein erfolgreiches Seminar, eine erfolgreiche Pilgerschaft. Die Vision von Terra Nova hat kräftigere Flügel bekommen. Der Gedanke der Heilungsbiotope beginnt, sich auszubreiten. Auch das Verständnis über das, was mit „freier Liebe“ gemeint ist. Auch wenn wir oft in sehr schmerzliche Schicksale schauen mussten, waren wir immer auch begleitet von einer gewissen Leichtigkeit. So schwer individuelle Schicksale auch sein mögen, etwas beflügelt unsere Seele, wenn wir verstehen, dass „freie Liebe“ keine therapeutische Vokabel ist, sondern ein Kulturbegriff. Es dauert, bis das verstanden wird. Aber da, wo er hindurchleuchtet, entsteht eine große Kraft. Ja, wir können einen grundlegenden Kulturwechsel einleiten – von der Matrix der Gewalt zur Matrix des Lebens. Allein dieser Gedanke hat neue Kraft in den Seelen geweckt. Der Dank der Menschen war berührend und überwältigend!

Die Idee, hier in Israel-Palästina ein Friedensdorf aufzubauen, in dem dieser Kulturwechsel exemplarisch verwirklicht wird, hat durch die Arbeit der vergangenen Wochen neue Nahrung bekommen. Ein Teilnehmer will in den kommenden Monaten dafür sorgen, dass ein entsprechendes Gelände gefunden wird. Seine Kraft, Projekte umzusetzen ist unbestritten. Gleichzeitig steht die Trägergruppe dieses Projektes vor der Schwierigkeit, aus solchen kraftvollen Einzelpersonen eine Gemeinschaft aufzubauen, in der alle eingebettet sein sollen: auch die Schwächeren und Zögerlichen, denn auch sie haben Wichtiges beizutragen. Eine Gemeinschaft ist umso stärker, je heterogener sie ist. Da sind ganz neue menschheitliche Lernschritte zu bewältigen, die wir durch unsere über 30-jährige Erfahrung im Aufbau von Gemeinschaften unterstützen wollen.

Noch liegen einige Tage vor uns. Ein Teil der Gruppe wird die Zeit nutzen, um sich mit dem Gedanken der Wasser-Retentionslandschaft zu beschäftigen. Eine andere Gruppe arbeitet an der Idee, einen Steinkreis aufzubauen als eine Art Kunstwerk. Die einzelnen Steine sollen die verschiedensten neuen Kulturimpulse repräsentieren. Eine weitere Arbeitsgruppe wird den Kontakt zu den Beduinen herstellen, eine letzte schließlich eine Zisterne renovieren. Und über allem ist die Arbeit an der Vision für Terra Nova – die neue Erde. Wird es in Israel-Palästina einen Stützpunkt geben, wo diese Vision exemplarisch verwirklicht wird?

Am 9. November, dem Global GRACE Day, hat uns ein junger Palästinenser den Brief vorgelesen, den er an seine Freunde geschrieben hat, mit denen er noch bis vor kurzem im Gefängnis saß. Wir waren an genau diesem Gefängnis vorbeigefahren, das mitten in der Wüste liegt. Der Anblick des Gefängnisses hatte ihn aufgewühlt, erschüttert und nach Gesprächen mit uns dazu gebracht, diesen Brief zu schreiben. Er saß zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Damals, als er verhaftet wurde, war er gerade 17 Jahre alt. Bis heute weiß er nicht genau, wofür eigentlich. Die Richterin meinte, dies sei geheim. Er könne froh sein, dass er noch nicht volljährig war, weil er sonst noch länger hätte sitzen müssen. Einige seiner Kumpels sind inzwischen im Gefängnis gestorben.

Einige der anwesenden Israelis reagierten zunächst aufgebracht und meinten, wir seien einseitig und berücksichtige die Situation der Israelis nicht genügend. Es ist unglaublich, wie schnell an solchen Stellen die emotionelle Reaktion und der Kampf einsetzt, anstatt das übergeordnete Thema – Grace – zu sehen. Doch als sie den Brief dann hörten, legte sich der Tumult schnell. Alle waren berührt von seinen tiefen Worten, die er ohne Anklage formulieren konnte. Sein Brief ist ein echtes Dokument des Erwachens eines politischen Herzens, in tiefem Kontakt zur Seele dieses Landes und mit der Kraft von Grace.

Am Abend des gleichen Tages, am Global GRACE Day, kam ein Mann auf uns zu und meinte, er kenne einen passenden Ort für das geplante Friedensdorf. Es ist eine ehemalige Militärstation in der Nähe der Grenze zu Ägypten. Nicht weit davon entfernt stehe ein besonderer Baum.

Wir erinnerten uns an diesen Baum mitten in der Wüste. Wir nannten ihn damals die grüne Tara. Tara heißt wörtlich “grüne Befreierin”; sie ist ein weiblicher, friedvoller Buddha und Bodhisattva des tibetischen Buddhismus. 

Die Information hatte sofort eine sehr große Resonanz in meiner Seele. Als ich 2005 das erste Mal eine Grace-Pilgerschaft durch Israel und Palästina leitete, war unser Motto: Ein Friedensforschungsdorf statt eines Panzers. Wir sprachen damals immer wieder davon, dass die Gelder umgelenkt werden müssten, weg von der Kriegsindustrie hin in den Aufbau von Friedensprojekten. Im Spätherbst 2013 haben wir die Imagine-Kampagne ins Leben gerufen. Darin heißt es im neunten Zukunftsbild: „Die vielen Militärstationen haben sich verwandelt in Stationen der Friedensforschung.“ Beginnen unsere Visionen, sich so zu verwirklichen?

Bei der Vorbereitung auf unser Abschluss-Seminar war ich außerdem auf interessante Stellen in der Bibel gestoßen. Da steht:

“Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie erschrecken.” (Micha 4, 3 + 4)

Lukas, 21:24
Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden.

Und bei Hesekiel 36, 24-27 war zu lesen:

Ich (Gott – Red.) werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen. (…) Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.“

In diesem Land Israel-Palästina wird man wirklich dazu geführt, den großen kosmischen Geist aufzusuchen und die eigene Situation historisch einzuordnen!

Ja, wir stehen individuell und menschheitlich vor der Herausforderung, die höheren Gesetze des Lebens auf allen Ebenen zu entdecken.

Das scheint mir das Fazit dieser Reise zu sein. Erst dann kann und wird sich die große Liebessehnsucht erfüllen können, die wir alle in uns tragen.

One thought on “Nachtgedanken auf einer Pilgerreise in Nahost

  1. Danke für diese berührenden Gedanken, auf die ich durch deine/eure Ring-der-Kraft-Aussendung aufmerksam wurde.

    Speziell die letzten Zeilen erinnerten mich spontan an eine erst kürzlich in mir nochmal tiefer gerutschte Erkenntnis: “Ja, wir stehen individuell und menschheitlich vor der Herausforderung, die höheren Gesetze des Lebens auf allen Ebenen zu entdecken… Erst dann kann und wird sich die große Liebessehnsucht erfüllen können, die wir alle in uns tragen.”

    Ich war in den vergangenen Monaten zunehmend resigniert wegen der Art einiger Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die sich in der Öffentlichkeit für “eigentlich” doch sehr löbliche Themen wie Verbot von Pestizid-Einsatz, Umweltschutz,… einsetzen. Ich spürte, dass auf der Ebene keine wirkliche Lösung gefunden werden kann und in Kampf-Energie endet. Es ist ein Verschieben, eine Augenauswischerei. Ich zog mich noch mehr von der Welt und den Menschen zurück.

    Kürzlich ging mir daraufhin ein von Thomas Hübl verwendeter Begriff neu durch den Kopf und ich begriff ihn nochmal tiefer: eine neue WIR-Kultur, ein WIR, dass nicht mehr aus einer Ansammlung von ICHs besteht, sondern im WIR an sich begründet ist.
    Es ist also wohl ein Bewusstseinszustand, in dem ganz selbstverständlich alles zusammenhängt, eng verbunden… EINS… ist und trotz des gegebenen Dualismus der sichtbaren, grobstofflichen Welt die Identifikation mit der Trennung überwunden ist.

    Ich erahnte auf einer vertiefteren Schicht, dass der notwendige Evolutionsschritt wohl erst dann möglich ist, wenn eine gewisse Menge von Menschen das nicht nur im Kopf verstanden hat, sondern es ihrem Herzen, ihrem Bauch und ihrer Seele gelandet und zum realen Daseinszustand geworden ist.

    Im Kopf verstehen wir alle sehr vieles, aber es dann wirklich ganz innig drin zu vertiefen, immer mehr und mehr und mehr, das ist nochmal ein anderer Vorgang.

    Danke für deinen und euren Einsatz, der diesem Prozess einen sichtbaren Kanal bietet.
    Herzliche Grüße aus den winterlichen Bergen Südtirols.
    Angelika

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