Etty Hillesum, 1914-1943

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von Dina Awwad (Palästina) und Emma Sham-Ba Ayalon (Israel)
„Wir müssen als Menschen erst noch geboren werden. Das ist die große Aufgabe, die vor uns liegt.“

Etty Hillesum war eine niederländische Jüdin, die ihre Tagebücher während des zweiten Weltkriegs schrieb. Sie wurde am 15. Januar 1914 geboren; in diesem Jahr 2014 ist ihr 100. Geburtstag.

Sie wurde 1943 im Alter von 29 Jahren in Auschwitz ermordet. Ihre Tagebücher, geschrieben in ihren letzten beiden Lebensjahren, sind ein Zeugnis von Liebe und Mitgefühl, Vertrauen in das Leben und tiefer Spiritualität. In den Einträgen und Briefen, die sie aus dem KZ Westerbork sand, beschrieb sie ihr inneres Ringen um die Entscheidung für den Glauben an das Leben und die Solidarität. Etty ging in das KZ, obwohl sie die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätte. Sie bevorzugte es, mit ihren Verwandten und Freunden verbunden zu bleiben, anstatt sich selbst zu retten. Darüber hinaus aber bevorzugte sie es, ihr Herz lieben zu und frei von Bitterkeit, Hass und Rachelust zu sein. Sie schrieb: „Letztlich, ist es unsere einzige moralische Pflicht, große Gebiete des Friedens in uns zu erobern; mehr und mehr Frieden, die wir den Anderen zurückspiegeln. Und umso mehr Frieden in uns ist, desto mehr Frieden wird in unserer erschütterten Welt sein.“

Etty war eine Schriftstellerin, die ihre Tagebücher nutze, um tief ins Innere zu blicken, ihre Gefühle und Gedanken zu teilen und um kritisch auf sich selbst und ihre Umgebung zu schauen. Ihre tiefe Verbindung und Liebesaffaire mit ihrem Psychologen Julius Spier führte sie dazu, ihr Liebesbild zu hinterfragen und die inneren Konflikte einer Frau zu berühren, die sich auf die Suche nach ihrer eigenen Quelle und Unabhängigkeit begeben hatte: “Und ich darf ihn nicht als Ziel betrachten, sondern als Mittel, um weiter zu wachsen und zu reifen. Ich darf ihn nicht besitzen wollen.” Sie beschrieb auch die innere Arbeit, die man tun muss, um in der Liebe treu sein zu können: „Man kann sich nie genug vor Augen halten, dass man sich voll und ganz vom Anderen frei machen muss, aber auch dem Anderen Freiheit gewähren muss, indem man sich in seiner Phantasie keine bestimmte Vorstellung über ihn macht.“

Ihre Forschung in der Liebe kann eine gute Lehre für alle sein, die einen Menschen lieben und dabei gleichzeitig frei bleiben wollen. Schließlich findet sie ihre Aufgabe und ihr Bild der Liebe in der Welt – im Dienst an allen Menschen. Aus dem KZ schrieb sie: „Da die Leute seit Jahrhunderten sagen, dass der Mensch grundsätzlich egoistisch sei, fängt man an, es zu glauben und wird zum Egoisten. Es gibt so viele Seiten im Menschen, dass es schön wäre, zur Abwechslung mal etwas anderes auszuprobieren als dieser langweilige und unproduktive Egoismus.“

Während der ganzen Zeit, als die Situation der Juden immer furchtbarer wurde, weigerte sie sich, irgendjemanden als Feind anzusehen. Nach der Begegnung mit einem deutschen Soldaten schriebt sie: „In dem Gefühl, dass ich es immer noch mit Menschen zu tun habe und dass ich versuchen will, jede Äußerung zu verstehen, von wem sie auch sei… dass ich darüber keineswegs entrüstet war und eher Mitleid mit ihm hatte… wobei mir stark bewusst war, dass solche Burschen nur bedauernswert sind, solange sie nichts Böses anrichten können, aber lebensgefährlich, wenn sie auf die Menschheit losgelassen werden… Und wenn vom Ausrotten die Rede ist, dann sollte das Böse im Menschen und nicht der Mensch ausgerottet werden.“

Durch diese Zeiten des Leidens zu gehen, erlaubte es ihr, die größeren Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen, dass beide Seiten letztlich Opfer desselben Systems sind. In diesem Sinn war sie Botschafterin einer anderen Zukunft: „Ich weiß, dass ein neuer, menschlicherer Tag kommen wird. Ich würde so gerne weiterleben, um nur all die Liebe ausdrücken zu können, die in mir ist… Es gibt nur einen Weg, die neue Zeit vorzubereiten – indem wir sie sogar jetzt in unseren Herzen leben.“

Trotz allen Leidens, das sie umgab und selbst erlebe, vergaß sie niemals, das Leben zu genießen und mit Interesse zu begegnen. Sie schrieb: „Und trotzdem kommt es immer wieder: Das Leben bleibt so “interessant” inmitten von alledem. Allgegenwärtig in mir ist ein fast teuflischer Drang, alles zu beobachten, wie es geschieht. Ein Wunsch zu sehen und zu hören und präsent zu sein, allen Geheimnissen des Lebens auf den Grund zu gehen; mit Abstand zu beobachten, wie Menschen in ihren letzten Zuckungen aussehen. Auch auf einmal gezwungen zu sein, sich selbst zu begegnen und soweit man kann, von dem Spektakel zu lernen, das die eigene Seele in diesen Zeiten inszeniert. Und später fähig sein, die richtigen Worte dafür zu finden.“

Sie schaute auf das Leben und wusste, dass alles, was ihr im Äußerem begegnete, ein Aufruf zu innerer Arbeit und innerem Wandel war. „Das Elend ist wirklich groß, und dennoch laufe ich oft am Abend, wenn der Tag hinter mir in der Tiefe versunken ist, mit federnden Schritten am Stacheldraht entlang, und dann quillt es mir immer wieder aus dem Herzen herauf – ich kann nichts dafür, es ist nun einmal so, es ist von elementarer Gewalt -, das Leben ist etwas Herrliches und Großes, wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen – und jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selbst erobern müssen.“

Ihre größte Kraft kam aus ihrer authentischen Verbindung zu Gott und zur Spiritualität. Etty wuchs in einer säkularen Familie auf. Ihre Suche nach Gott war das Ergebnis tiefer Innenarbeit. „In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.”

Sie wollte ein Buch mit dem Titel: „Das Mädchen, das knien lernte“ verfassen. Sie lernte die Kraft des Gebets kennen, die stärker war als irgendwelche äußeren Umstände: „Die Bedrohung von außen wird ständig größer, der Terror wächst mit jedem Tag. Ich ziehe das Gebet wie eine dunkle, schützende Wand um mich hoch, ziehe mich in das Gebet zurück wie in eine Klosterzelle, und trete dann wieder hinaus, “gesammelter”, stärker und wieder gefasst. Mich in die abgeschlossene Zelle des Gebets zurückzuziehen, wird für mich immer mehr zur Realität und auch zu einer sachlicheren Angelegenheit. Die innere Konzentration errichtet hohe Mauern um mich, in denen ich zu mir selbst zurückfinde, mich aus allen Verstreutheiten wieder zu einem Ganzen zusammenfüge.“

Am Ende ihrer Tagebücher kommt sie zu einem Punkt, wo sie schreibt: „Wenn ich nachts auf meiner Pritsche lag, mitten zwischen leise schnarchenden, laut träumenden, still vor sich hinweinenden und sich wälzenden Frauen und Mädchen, die tagsüber so oft sagten: “Wir wollen nicht denken”, “Wir wollen nichts fühlen, sonst werden wir verrückt”, dann war ich oft unendlich bewegt, ich lag wach und ließ die Ereignisse, die viel zu vielen Eindrücke eines viel zu langen Tages im Geist an mir vorbeiziehen und dachte: Lass mich dann das denkende Herz dieser Baracke sein. Ich will es wieder sein. Ich möchte das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein.“

 

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