Wolken, Vögel und Menschentränen

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Die Liebe stärkte ihren politischen Willen. Porträt von Rosa Luxemburg

Wie  intensiv diese Frau in ihrem kurzen Leben gekämpft, geliebt, gelitten hat!

Mit welcher sprachlichen Brillanz, unerschrockenen Handlungskraft, mit welch scharfer Analyse des globalen Imperialismus und kühner strategischer Planung, aber auch mit welch leiden- schaftlicher Liebe zu Männern und zärtlicher Liebe zu aller Kreatur diese Frau agierte und ausgestattet war!
Und dann: wie brutal sie umgebracht wurde von den Soldaten der damals regierenden SPD, beschimpft, herumgestoßen wie Vieh, misshandelt, erschlagen und schließlich in den Berliner Landwehrkanal geworfen.

Wer war sie, diese kleine, äußerlich eher unscheinbare Frau, die mit ihrer Sprachkraft große Menschenmengen ebenso wie intime Freundeskreise rühren und begeistern konnte? Was gab ihr, deren Briefe aus dem Gefängnis eine solche Empfindsamkeit und seelischen Reichtum zeigen, die unerschrockene Kraft und die Radikalität, nein zum Krieg zu sagen, wo alles um sie herum jubelte? Was hoffte sie – und woran scheiterte sie schließlich?

Rosa Luxemburg wurde 1871 in einer wohlhabenden jüdischen Familie in Polen geboren. Bereits als 16-Jährige schloss sie sich einem illegalen sozialistischen Kreis in Warschau an, wurde verfolgt und schließlich außer Landes gebracht, um einer Verhaftung zu entgehen. Sie studierte in Zürich und wurde Journalistin. Ihr langjähriger Geliebter und Mentor Leo Jogiches stammte ebenfalls aus Polen. Rund 1000 ihrer Briefe an ihn sind überliefert und zeugen von einer leidenschaftlichen, fruchtbaren und problematischen Beziehung – meist waren sie getrennt durch verschiedene Aufgaben und Wohnorte. Er, der konspirative Organisator; sie, die charismatische Rednerin. Sie ergänzen und unterstützen sich in schwierigen Zeiten; sie liebt ihn mit aller Maßlosigkeit und Sehnsucht eines gerade erwachenden Frauenherzens; und er? Er schien eher kühl zu agieren. Kritisierte, lenkte, kontrollierte – und raste vor Eifersucht, als er ihre Liebe zu einem anderen entdeckte. Aber er hielt ihr die Treue weit über das Ende ihrer Beziehung und über den Tod hinaus. Er war es schließlich, der nicht rastete und nicht ruhte, bis ihr Mord aufgeklärt und veröffentlicht war.

Nach dem Studium entschied Rosa Luxemburg, nach Berlin zu gehen, ins Zentrum der damaligen Sozialdemokratie. Als die junge ungestüme Frau eintraf, muss die deutsche Sozialdemokratie bereits ein Club zufriedener alter Herren gewesen sein, denen Rosa mit ihrer rebellischen Kraft und ihrer spitzen Zunge versuchte, wieder Feuer unter dem Hintern zu machen. Sie übernahm zunächst Propaganda-Tätigkeiten auf dem Land und schulte ihre rhetorische Kraft, mobilisierte die Arbeiter und Arbeiterinnen für die bald kommende Revolution. Denn die musste kommen, daran ließ sie kein Zweifel. In Russland hatte es bereits angefangen, und für die jungen Sozialisten war dies das große Vorbild: Die Fabriken sollten den Arbeitern gehören, das Land den Menschen, die darauf lebten und arbeiteten. Das war die einfache Formel, die eine so fundamentale und tiefe Verän- derung aller Lebensbereiche herbeiführen sollte, wie sich Rosa und ihre Freunde und Genossen es in ihren schönsten Träumen hofften und sich gegenseitig ausmalten.

Heute – nach den gescheiterten sozialistischen Experimenten – greifen wir uns an den Kopf: Warum sollten Arbeiter untereinander gerechter sein? Wie konnte eine so intelligente und feinfühlige Frau glauben, dass das komplexe Wesen Mensch allein dadurch gut würde, dass man die Produktionsmittel kontrollierte! Vielleicht können wir diese heute naiv scheinende Hoffnung bes- ser verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, unter welchen Verhältnissen die meisten Menschen damals lebten. Unbegrenzte Arbeitszeiten, Kinderarbeit, keinerlei soziale Absicherung, acht- oder zehnköpfige Familien in einem einzigen Zimmer, Hungerlöhne, Dreck, Krankheiten und bittere Armut waren die Realität für den großen Teil der Menschen damals. Die sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich waren krass und für alle sichtbar – ohne Ablenkung durch Konsum oder Fernsehen.

Rosa Luxemburg vertrat einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Ihr Weltbild war alles andere als materialistisch. In ihren langen Gefängnisaufenthalten, allein in der Zelle oder im Gefängnishof, verband sie sich auf innigste Art und Weise mit dem Leben und der Kreatur. Ergreifend ihre Beschreibungen ihrer Gesprächspartner, der Singvögel; ansteckend ihre Lebensfreude, die ihr – allein in der nächtlichen Finsternis – ein Lächeln auf das Gesicht zaubert und „alles Böse in lauter Helligkeit und Glück wandelt“; ergreifend ihre berühmt gewordene Beschreibung des Büffels. In ihrem Mitgefühl für dieses geprügelte Wesen, für seinen sanften Blick, den „Blick eines verweinten Kindes“, finden wir Seelengröße und gebende, wahrnehmende Liebe für alles Lebendige. Wer so verbunden ist, sitzt an der Quelle zu einer unendlichen Macht.

Doch die Zeit für eine Revolution der Menschlichkeit war noch lange nicht gekommen.

Rosa Luxemburg durchschaute und analysierte die Gefahr des kommenden Krieges als eine der ersten. Die regierende SPD aber ließ sich mitreißen von der Begeisterung und stimmte dem Krieg zu. Unter den vielen Millionen jungen Männern, die im Krieg fielen, war auch Kostja Zetkin, den Rosa Luxemburg wie eine Mutter, eine Geliebte und eine Lehrerin geliebt hatte.

Pazifismus war gefährlich und deshalb verboten. Rosa Luxemburg verbrachte alle vier Kriegsjahre im Gefängnis. Nach dem Krieg wurde sie gemeinsam mit ihrem politischen Freund Karl Liebknecht zur Symbolfigur der Arbeiteraufstände. Wider besseren Wissens ließ sie sich überreden, gewalttätigen Auseinandersetzungen zuzustimmen. In Kiel und Berlin gehörten schon ganze Straßenzüge den Arbeitern, sie lieferten sich Schlachten mit der Polizei. Ein Bürgerkrieg stand kurz bevor. Die SPD griff durch. Nach wochenlanger Hetze gegen die „Rote Rosa“, die „Rote Sau“ oder „Kommunistensau“ wurde Rosa Luxemburg gemeinsam mit Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 entführt und in das feindliche Hauptquartier, das Hotel Eden gebracht.
Wir können aus verschiedenen, sich widersprechenden Aussagen der Täter nur ahnen, wie sie behandelt wurde, bevor sie sie erschlugen. Ein einziger ihrer Schuhe wurde nachher im Hotel gefunden. Ihre Leiche trieb Monate später im Landwehrkanal. Die Täter wurden nie bestraft, die Auftraggeber blieben im Dunkeln. Bald war die gesamte sozialistische Opposition umgebracht, die Aufstände niedergeschlagen. Die Weimarer Republik nahm ihren Lauf, bis sie im Nationalsozialismus mündete.

Was hat Rosa Luxemburg gedacht in ihren letzten Lebensminuten – sofern sie noch Zeit hatte, sich zu besinnen?
Wie sah wohl ihre eigene Bilanz aus? Hätte sie verschiedene Dinge anders gemacht?
Was heißt es für uns heute, ihr politisches und menschliches Erbe anzutreten – mit allem, was wir inzwischen wissen?

Wie sähe ein humaner Sozialismus aus, der Fragen des Zusammenlebens, ja, der Liebe und Partnerschaft nicht in den Privatbereich abdrängt, sondern mit einbezieht? Der die Fragen nach Schönheit, nach Sinn im Leben, die Sehnsucht und das Mitgefühl, die sie in ihren Briefen so bewegend beschreibt, tatsächlich auf die politische Tagesordnung bringt und ihnen Gehör und Autorität verleiht?
Ein solcher Sozialismus ist keine Angelegenheit von Parteien und Parlamenten. Es ist eine Angelegenheit von gelebtem Leben; dieses neue, anders gelebte Leben wird sich letztlich durchsetzen.

Auszug aus dem Buch von Leila Dregger: Ich bin noch nicht in Frieden Verlag Meiga, ISBN 978-3-927266-15-5

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