Frauenkraft in Afrika

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Ein Porträt von Visolela “Rosa” Namises, Namibia. Die Geschichte einer beeindruckenden Frau…

Wer auf Frauen in Afrika schaut, erlebt einen Widerspruch. In vielen Gemeinden und Familien scheinen sie tonangebend und selbstbewusst, Felse in der Brandung von Armut, Krankheit und Landflucht. Auch internationale Investoren und Helfer wissen inzwischen: Ohne Frauen geht nichts in Bezug auf die nachhaltige Entwicklung Afrikas. Sie sind das Rückgrat der Volkswirtschaften, vor allem auf dem Land.

Ihre Beteiligung in der Politik ist dagegen erschreckend gering. Noch erschreckender ist das Ausmaß der Gewalt an Frauen. Frauen werden immer noch in großer Zahl straflos geschlagen, vergewaltigt, genötigt. Doch wenn derart geschundene Frauen in Gesprächskreisen über ihr Leben sprechen, dann nennen sie als größten Schmerz oft: Ihr Mann hat sie verlassen. Tatsächlich besteht ein großer Teil der afrikanischen Gesellschaften aus weggelaufenen Männern und sitzengelassenen Frauen. Auf ihren Schultern lastet nicht nur der Druck, mit Gelegenheitsarbeiten eine Vielzahl von Kindern durchzubringen, sondern auch Einsamkeit und Depression. Warum – so könnte man denken – sind sie nicht froh, ihre prügelnden Männer los zu sein?

Visolela Namises, 55, aus Namibia antwortet: “Weil sie hinter einer Mauer des Schweigens leben, vor allem des Schweigens über ihren eigenen Körper, ihre Sexualität. Weil sie von klein auf indoktriniert und gehirngewaschen wurden, eine gute Ehefrau zu sein und dem Mann zu gehorchen.”

Die Hoch-Zeit dieser Indoktrination laufe während der Einweihung ins Frau-Sein, erklärt die ehemalige Politikerin, und die geschieht in allen Ethnien anders. “Es ist falsch, nur die Genitalverstümmelung anzuprangern. Viele Stämme haben andere schmerzhafte Rituale. Im Stamm meiner Mutter werden die Mädchen an den Schultern und den Seiten geschnitten, weil das angeblich die Libido des Mannes anregt. Und gleichzeitig hören sie sieben Tage lang von reifen Frauen dasselbe: Wie viel weniger sie wert sind als Männer, dass ihre höchste Pflicht das Gehorchen ist und der Dienst am Mann. Über die eigene Sexualität zu sprechen, sie überhaupt wahrzunehmen und eigene Entscheidungen zu treffen, ist dagegen ein Tabu. Am Ende der Woche gibt es einen Tanz, und den Männern – nicht nur den jungen – wird gesagt: ihr könnt euch eine aussuchen. Die traditionelle Initiation ins Frau-Sein ist eine Vorbereitung auf ein Leben der Unterwerfung.”

Wie anders ein Frauenleben verläuft, wenn Mädchen nicht mit Gewalt und Ideologie, sondern liebevoll und offen ihren Übergang ins Frau-Sein erfahren, hat Visolela selbst erlebt. Diese Erfahrung ermöglicht sie heute jungen Frauen und Mädchen, indem sie alternative Einweihungsrituale anbietet. Derzeit an verschiedenen Orten, aber in Zukunft in dem Frauenhaus, das sie derzeit in Windhuek aufbaut. Es soll eine Zuflucht für geschlagene Frauen werden, eine Schule für Frauenwissen und ein Ort für die Initiation junger Mädchen ohne Gewalt und Verachtung. “Komm herein, zieh die Schuhe aus, nimm Platz. Dies ist ein Haus der Liebe, hier bist du sicher.” Das möchte sie zu immer mehr Frauen und Mädchen sagen können.

Visolela Rosa Namises, Namibia: Ich liebe die Welt!

Das Auffälligste an Visolela Namises sind ihre Haare: Schwarzgraue Rasta-Locken ringeln sich bis zur Hüfte. Eine Provokation in Namibia und anderen afrikanischen Gesellschaften, wo man im öffentlichen Leben wie aus dem Ei gepellt erscheint. Doch dass Visolela seit 11 Jahren ihre Haare nicht gekämmt und geschnitten hat, ist keine Modeerscheinung, sondern ein Akt des politischen Widerstandes. Genauso wie der einzelne Clip, den sie am Ohr trägt. Im Jahre 2003 hatte Regierungspräsident und „Gründungsvater der namibischen Nation“ Sam Nujoma angekündigt, Truppen durch alle Dörfer und Städte zu senden und alle die festzunehmen, die Rasta-Locken und einzelne Ohrringe tragen. Das seien höchst unafrikanische Signale für Homosexualität, und die gehöre bestraft. Visolela, damals Parlaments-Abgeordnete der Kongressdemokraten, reagierte sofort: “Dann fangen Sie gleich mit mir an.” Sie schwor, sich Rasta-Haare wachsen zu lassen, bis diese Drohung vom Tisch ist. Der Fall erregte Aufsehen, und der Präsident musste sich belehren lassen, dass er Homosexualität nicht durch Strafen abschaffen konnte.

So war es ihr ganzes Leben lang: “Wann immer Minderheiten, Frauen oder Andersdenkende bedroht werden, stehe ich auf und muss etwas sagen. Irgendwas. Auch wenn ich mich machtlos fühle, aber allein dass es angesprochen wird, hilft schon. Schweigen im Angesicht von Gewalt und Ungerechtigkeit, das ist das Schlimmste.”

Dieses Muss begleitet sie ein Leben lang. Es bringt sie in Schwierigkeiten, in den Unabhängigkeitskampf, ins Gefängnis, ins Exil, ins Parlament. Es bringt ihr auch ihren Beinamen ein: die Rosa Luxemburg von Namibia. Trotz ihrer Bewunderung für die polnische Revolutionärin bleibt es der eigene Geburtsname, der ihr wichtig ist. Denn Visolela heißt: Ich liebe die Welt. Und sie erhielt ihn von dem Mann, von dem sie lernte, dass nicht Gewalt und Verachtung das Verhältnis von Männern und Frauen bestimmen müssen und Frau-Sein nicht Schmerz und Unterwerfung bedeuten. Dieser Mann war ihr Vater.

55 Jahre zurück: Ein Mann setzt seine Frau auf den Gepäckträger seines Fahrrades und macht sich auf den weiten Weg zum einzigen Krankenhaus in Windhuek. Sie kommen nie an. Am Fluss, unter einem Baum lässt Visolelas Mutter ihren Gatten anhalten und gebärt dort umstandslos die erste gemeinsame Tochter. Überwältigt von dem Vorgang nimmt dieser das kleine Bündel in dem Arm, presst es an sich und ruft seine Freude in den Fluss: Visolela!

Dass ihre Eltern sich später trennen, ist keine Besonderheit in afrikanischen Gesellschaften. Dass Visolela beim Vater bleibt, ist schon weniger normal. Ganz und gar nicht üblich ist die Art und Weise, wie er sie aufzieht. “Er machte mir Frühstück, er wusch meine Kleider, brachte mich zur Schule und abends ins Bett. Ich wurde so liebevoll umsorgt wie jedes Kind in einer geborgenen Umgebung, aber eben vom Vater. Ich hielt das für normal – und habe zeitlebens von Männern nichts anderes für normal genommen als Verständnis und Einfühlsamkeit.”

Als Visolela ihre erste Periode bekommt, organisiert der Vater sogar ein Fest. Das ist ihre Einweihung ins Frau-Sein, ganz ohne Gewalt und Erniedrigung. Sie ist in dieser Zeit ahnungslos, dass ihre Schwestern, Freundinnen und Altersgenossinnen völlig andere Initiationsrituale durchlaufen. Gewalt und Frauenunterdrückung waren nicht Teil des Weltbildes der heranwachsenden Visolela. Das musste zur Kollision führen in einem Land, das als “Fünfte Kolonie Südafrikas” die Gesetze der Apartheid damals ebenso streng befolgte wie die Besatzer.

Als schwarze Putzfrau, die die weißen Angestellten bittet, ihre benutzten Tassen selbst in die Küche zurückzutragen, wird sie zurechtgewiesen – man macht Weißen keine Vorschläge.

Als Krankenschwester, die nicht den Mund halten kann, wenn die weißen Ärzte ihre schwarzen Patienten verächtlich behandeln, bekommt sie ernste Schwierigkeiten.

Als sie sich in einen Arzt verliebt – und er in sie – und sie jung und übermütig Hand in Hand durch die Straßen Windhueks laufen, ist die Grenze endgültig überschritten. Er wird versetzt, sie wird entlassen – und zur Widerstandskämpferin. Für sie ist es klar: Ein System, in dem die Liebe nicht möglich ist, gehört abgeschafft. So beginnt sie, gegen die Apartheid und die Besatzung zu kämpfen, findet Gleichgesinnte, wird Mitglied der Swapo, der namibischen Unabhängigkeitsbewegung.

“Wir studierten allabendlich Kommunismus, Sozialismus und Anarchismus. Als die Swapo dann verboten wurde, luden wir zu Grillparties ein: während vor der Tür die Gäste feierten, trafen wir uns drin zu konspirativen Versammlungen.”

Visolela ist dabei, als die Konzepte für ein unabhängiges, gleiches und gerechtes Namibia entstehen. Aber nicht für lang: Sie wird verraten und gefasst und kommt ohne Verhandlung für 14 Monate ins Gefängnis. Anschließend zum Exil gezwungen, begibt sie sich auf Reisen, lebt, lernt und arbeitet in Europa und Amerika. Erst bei der Unabhängigkeit 1990 kehrt sie zurück, voller Vorfreude, beim Aufbau eines freien Namibia zu helfen. Ihr Erwachen ist hart.

“Im Gefängnis war mir die Situation der Frauen in unserem Land grell bewusst geworden. Jeden Tag werden Frauen geschlagen, vergewaltigt, umgebracht – und Schlimmeres, glaube mir. Das sollte jetzt alles anders werden im neuen Namibia. Ich erinnere mich so gut an den Abend, als in mir eine Welt zusammenbrach. Meine Schwester erzählte mir von den Verbrechen der Swapo gegenüber Frauen, die während meiner Abwesenheit ans Licht gekommen waren. Meine großen Vorbilder sollten all das getan haben? All die Gleichheit und die Solidarität, über die wir nächtelang gesprochen hatten – galt die nur für Männer? Doch die autoritäre Regierungspolitik der Swapo sprach für sich. Ich musste erkennen: Das sind nicht mehr meine Genossen. Die Swapo ist ein ignoranter Männerclub!”

Sie tritt aus der Partei aus und zieht sich aus der Politik zurück – nicht aber aus ihrem Engagement: Ab jetzt arbeitet sie für eine Menschenrechtsorganisation und studiert nebenher Jura.

“Anfangs hatte ich das Gefühl, den Frauen ganz konkret wirklich helfen zu können. Aber die Swapo blockierte Gesetze zum Schutz von Frauen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich wieder in die Politik musste.”

Gemeinsam mit anderen aufgebrachten ehemaligen Mitgliedern der Swapo-Jugend gründet sie eine neue Partei, die Kongressdemokraten, stellt sich zur Wahl und zieht ins Parlament ein. Drei Jahre lang versucht sie, möglichst viele Gesetzesvorlagen zum Schutz von Frauen und Minderheiten durchzubringen. Sie wird bekannt als unbequeme Stimme, als Sandkorn im Getriebe der immer diktatorischer arbeitenden Swapo – aber findet auch Anerkennung. Als es ihr zu viel wird und sie das Parlament verlässt, sagen selbst gegnerische Abgeordnete: Es ist einsam ohne sie.

Egal was sie sonst in ihrem Leben tut, ihre Wohnung ist stets offen für Kinder und junge Mädchen, die eine Heimat, einen Rat oder etwas zu Essen brauchen, ob aus der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft. Darauf konzentriert sie sich jetzt. Sie gründet die Organisation “Mauer des Schweigens brechen” und konzipiert mit ihren Mistreiterinnen alternative Einweihungsrituale für Mädchen.

“Fünf Tage reichen, warum sollten sie so lange in der Schule fehlen und wieder einen Nachteil gegenüber den Jungen haben? In dieser Zeit lernen sie ganz praktische Dinge über Frauenkörper, Hygiene und Verhütung. Sie lernen ihre Rechte kennen, und sie sprechen im Kreis unter Frauen über ihre Wünsche und Träume, in Bezug auf den Beruf und auf die Liebe. Natürlich gibt es am Ende auch ein Tanzfest mit jungen Männern, aber in diesem Fall dürfen sie die Jungen auswählen und nicht umgekehrt.”

Schon jetzt kann sie beobachten, dass sich Mädchen anders entwickeln, wenn sie an dieser Schlüsselstelle ihres Lebens eine andere Erfahrung machen.

“Wir können die Mauer des Schweigens aufbrechen und den Schatz und das Wissen bergen, das dahinter liegt. Komm herein, zieh die Schuhe aus, nimm Platz. Dies ist ein Haus der Liebe, hier bist du sicher. Das möchte ich zu immer mehr Frauen und Mädchen sagen können.”

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