40 Jahre nach der Nelkenrevolution

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Portugal als Modell für einen neuen Sozialismus?

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25-abril-cravo“In meinem Land gibt es ein verbotenes Wort.
Tausendmal haben sie es gefesselt, tausendmal wuchs es auf.
”
(Manuel Alegre)

“Es wird sich zeigen,
 dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt,
von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muss,
um sie wirklich zu besitzen.

(Karl Marx)

 

 Vorbemerkung:
In diesem Text werden die Worte Sozialismus und Kommunismus synonym benutzt. Ich halte ihre Unterscheidung und den Graben, der sich zwischen ihren Vertretern aufgetan hat, für nicht mehr zeitgemäß. Der Text richtet sich an alle, die an Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Freiheit Interesse haben.

Teil 1: Diktatur und Revolution in Portugal: Geschichte eines Traumes

Lissabon, Dezember 1960. Zwei Studenten stoßen in einer Bar an: A Liberdade – auf die Freiheit! Sie werden belauscht, angezeigt und schließlich zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt: In der portugiesischen Militärdiktatur ist das Wort Freiheit verboten. Eine Notiz über diesen Vorfall in der Londoner Times nennt der Anwalt Peter Benenson den Anlass zur Gründung von Amnesty International. In Portugal selbst sollte es noch über 13 Jahre dauern bis zum Ende der Diktatur. Am 25. April 1974 ziehen links gerichtete Streitkräfte in Lissabon ein und übernehmen in wenigen Stunden alle Schlüsselstellen des Landes. Staatschef und Geheimdienst geben nach kurzem Widerstand auf. 48 Jahre Diktatur sind vorbei. Der Traum von Sozialismus erwacht.

Heute leidet Portugal erneut unter einer Diktatur: der Diktatur des Geldes, wie es unzählige Graffitis an Wänden und Hausmauern bekunden. Sparmaßnahmen, Schulden und Steuerbestimmungen drücken vor allem Angestellte, Wirte, Handwerker und Bauern. Die Flut von Privatisierungen treibt Massen in die Arbeitslosigkeit. Die Auswanderungsrate der Jugend ist heute fast so hoch wie in der Diktatur – damals flohen sie vor Kriegsdienst und Gefängnis, heute vor Perspektivlosigkeit.
Aber ganz haben das Land und die Menschen den Traum von Freiheit, Gleichheit und Sozialismus nicht vergessen. Nach den großen Demonstrationen gegen die Troika gingen in den letzten Jahren erste vereinzelte Gruppen aufs Land, um Alternativen aufzubauen: Kooperativen für regionale Subsistenz und Nachbarschaftshilfe, “Ajudadas” (Aktionen gegenseitiger Hilfe), legale und illegale lokale Märkte zum geldfreien Warentausch, “Land-Banken” für die Vermittlung zwischen Grundbesitzern und Landlosen, Bürgerakademien für Wissenstransfer. So klein und vorsichtig ihre Versuche noch sind, sie tragen ein großes Potential in sich. Visionäre Denker sehen bereits eine neue Landkarte Portugals entstehen – eine Landkarte aus regionalen Wirtschaftskreisläufen, modernen Subsistenzen, selbstbewussten Ökoregionen und Modelldörfern, die der globalisierten Welt eine andere Wirklichkeit entgegensetzen.

In einer Zeit, wo der Traum von Sozialismus mit dem Untergang des Ostblocks und dem Fall der Berliner Mauer ausgeträumt schien, wo seine Aktivisten sich weltweit wieder in das kapitalistische System eingliedern ließen, zeigt sich: Sozialismus ist ein menschheitlicher Traum – und ein menschheitlicher Traum lässt sich nicht unterdrücken. Er wird immer wieder aufs Neue ans Licht kommen, bis er verwirklicht ist. Doch dies geschieht vielleicht auf andere Weise, als seine frühen Theoretiker vorhergesagt haben.

Kapitalismus ist nicht der Endzustand der Zivilisation: Ein auf Ausbeutung und Profit ausgerichtetes System kann auf Dauer keinen Bestand haben. Seine immanente Gewalt zerstört alles, was lebt und wertvoll ist, es vernichtet Ressourcen und Lebensgrundlagen. In allen Erdteilen erhebt sich die Jugend dagegen. Sein Zusammenbruch ist nur eine Frage der Zeit – einer kurzen Zeit.

Heute zeigt sich ausgerechnet in den Ländern, die am stärksten von der Krise betroffen sind, eine mögliche Alternative: Ein humaner Sozialismus in vernetzten und autarken Regionen und Gemeinden, in Selbstverwaltung und Kooperation mit der Natur. Ein Sozialismus des Vertrauens, in dem die Menschen die Erfahrung von Gemeinschaft machen können, bevor sie die Produktionsverhältnisse vergesellschaften. Ein Sozialismus der Selbstorganisation, der die Großsysteme unterläuft, weil er nicht mehr mit ihnen kooperiert, der keine Angriffsfläche für die Gegenkräfte bietet und der sich unter der Jugend der Welt ausbreitet wie ein Flächenbrand, wenn die ersten funktionierenden Beispiele sichtbar geworden sind.
Wie jede Bewegung wird auch diese ihr revolutionäres Potential in dem Maße entfalten, wie sie sich des Traums bewusst wird, der sie verbindet.

25. April 1974, der “längste Tag”

“An jeder Ecke ein Freund. In jedem Gesicht Gleichheit. Es ist das Volk, das bestimmt”, sang Zeca Afonso im berühmten, verbotenen Grandola-Lied. Seine Zeilen sprachen vor allem dem großen Heer der Landarbeiter im Alentejo aus dem Herzen, das lange unter dem feudalen Standesdünkel der Großgrundbesitzer gelitten hatte. Bei bitterster Armut mussten sie sich als rechtlose Tagelöhner verdingen. Zehntausende kamen ins Foltergefängnis der berüchtigten PIDE-Geheimpolizei, nur weil sie ihre Meinung äußerten. Versammlungsfreiheit gab es nicht: Wer mit mehr als einem Menschen auf der Straße ins Gespräch kam, war der Konspiration verdächtig. Portugal hatte die höchste Kindersterblichkeit Europas. Bildung blieb ihnen verwehrt, ein Drittel der Portugiesen waren Analphabeten. Die Söhne des Landes kämpften in harten und völlig unzeitgemäßen Kolonialkriegen in Mozambique, Angola und Guinea-Bissau, vier Jahre dauerte zuletzt der Kriegsdienst. Vertreter der letzten Soldaten-Generation sieht man heute noch auf Plätzen und vor Heimen in der Sonne sitzen – alte, vielfach traumatisierte, oft verstümmelte Männer.

Ohne alltäglich geübte Solidarität und gegenseitige Hilfe in den Dorfgemeinschaften, ohne den Traum von einem anderen Leben wäre angesichts von Unterdrückung, Bespitzelung und Hunger ein Leben und Überleben kaum möglich gewesen.

Als das verbotene Grandola-Lied kurz nach Mitternacht an jenem Donnerstag vor 40 Jahren im Radiosender Renascença erklang, waren die meist jungen Offiziere der linken “Bewegung der Streitkräfte” schon auf dem Weg in die Hauptstadt: Die “Operation Ende des Regimes” hatte begonnen. Sie besetzten am frühen Morgen zentrale strategische Einrichtungen des Staates. Anrückende Kompanien solidarisierten sich. Menschenmassen jubelten am Straßenrand, reichten den Soldaten Äpfel, Brot und rote Nelken: So erhielt der Putsch seine Legitimation vom Volk und die Revolution ihren Namen. Am späten Nachmittag gab Staatschef Caetano auf. Nur vor der Kommandozentrale der PIDE wurde auf Demonstranten geschossen, vier Menschen starben. Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei.

Sechs Tage später feierten eine halbe Millionen Menschen auf den Straßen von Lissabon zum ersten Mal in ihrem Leben den 1. Mai. Alles war auf den Beinen. Lastwagen voller Arbeiter fuhren aus den Vororten in die Stadt. Aus Bussen und Bahnen quollen rote Fahnen. Die Menschen tanzten auf der Straße. Endlich sollte das Land denen gehören, die es bewirtschafteten, sollten Arbeiter die Fabriken leiten. Hunger, Armut und würdeloses Schuften würden ein Ende haben. Solidarität und Gemeinschaft sollte einziehen, wo bisher Angst und Unterdrückung geherrscht hatten. Die Kolonien sollten bald in die Freiheit entlassen werden. Die Gefängnisse wurden geöffnet, die politischen Gefangenen befreit. Dissidenten, Wehrdienstflüchtlinge, sozialistische Führer kehrten in die Heimat zurück. Der Dichter und Widerstandskämpfer Manuel Alegre wurde mit Flugblättern seiner eigenen Zeilen begrüßt: “Wir kehren zurück im Mai, 
wenn die Stadt sich kleidet mit Verliebten 
und die Freiheit das Gesicht der Stadt sein wird.
”

Der Traum von Freiheit und Gerechtigkeit, von Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, von Gemeinschaftseigentum und gemeinsamer Verantwortung schien wahr zu werden. Für viele Menschen, die diesen Tag feierten, hatte der Traum einen Namen: Sozialismus.

Rückblick an den Anfang des 20. Jahrhunderts

Diese Idee rumorte bereits seit Anfang des Jahrhunderts in den Köpfen. Sie war mit den ersten Eisenbahnen, die Kork aus Portugal nach Nordeuropa transportierten, ins Land gekommen. Dort traf sie auf eine gärende Atmosphäre. Umbruch lag in der Luft. Noch während die Weizenbarone des Alentejo ihre rauschenden Feste feierten, gingen unter ihren Landarbeitern subversive Nachrichten über Revolution und Kommunismus, Anarchismus und Sozialismus von Hand zu Hand. Die Nachricht von einem Land, das von Bauern und Arbeitern regiert wurde und in dem jeder Mensch Anspruch auf Land hatte, klang wie die Kunde vom Paradies. Die Ahnung von einem besseren Leben erhielt einen konkreten Namen, eine Theorie, die den Menschen die Welt erschloss und sie mit einem globalen Vorgang verband. Wie überall, wo Menschen lange ausgenutzt und kleingehalten werden, war es Wissen, das ihre Situation und ihr Selbstbild zu ändern vermochte. Erkenntniswelten eröffneten sich. Katholizismus, Nationalismus und Feudalismus: die bisherigen gesellschaftlichen Grundlagen wurden als Herrschaftsideologien entlarvt. Ein Landarbeiter im damaligen Portugal sah sich auf einmal nicht mehr als das unterste Glied einer gesellschaftlichen Machtkette, sondern als Teil einer Weltbewegung. Es war ein Erwachen, das neue Kräfte, Mut und Kreativität zum Widerstand freisetzte. Arbeitergruppen entführten Erntetransporte und beanspruchten deren Erträge für sich. Anarchistische Lebensexperimente formten sich, sie probten Freiheit, Nacktkörperkultur und Selbstversorgung.

Doch es war zu früh. Die Oligarchie der herrschenden Familien war noch zu stark. 1926 putschte das Militär nach nur 16 Jahren Republik. 1932 setzte sich der asketische und menschenscheue Volkswirtschaft-Professor und Junggeselle António de Oliviero Salazar mit seinen Sparmaßnahmen an die Spitze der Militär-Diktatur. Sein “Estado Novo” – “neuer Staat” – propagierte Disziplin, Strenge und Frömmigkeit. “Einsam und stolz” war sein Motto: Es war, als hätten ganz und gar unportugiesische Eigenschaften die Macht ergriffen. Nationale Autarkie, absolute Zensur und erbitterte Verteidigung des Kolonialreiches waren die Kennzeichen des Einparteienstaates, der die Menschen mit “Fado, Fußball und Fátima” abspeiste. In den fast fünf Jahrzehnten wurden zahlreiche Widerstandsversuche vereitelt.

Aufbruch und Scheitern der Nelkenrevolution

Jetzt, 1974, sollte eine neue Gesellschaft entstehen, Hand in Hand, in Solidarität und Gerechtigkeit. Die heimkehrenden Führer der Sozialisten und Kommunisten zogen demonstrativ gemeinsam ins Stadion, begeistert begrüßt von den Menschenmassen: „O povo unido jamais será vencido!“ – „Das vereinigte Volk wird niemals besiegt werden!“

Ein ganzes Volk schien sich zu radikalisieren. Firmen und Banken wurden verstaatlicht. Studenten und Professoren, bis vor kurzem noch von ihren Direktoren bespitzelt und verfolgt, setzten diese kurzerhand ab und organisierten den Unterricht selbst. Gedanken, Ideen, Gruppierungen, ein halbes Jahrhundert verboten, explodierten wie ein geistiges Feuerwerk. Winzige linke Splittergruppen hinterließen ihre Ansichten und Parolen auf allen Wänden. Im ganzen Land entstanden Bürger- und Nachbarschaftskommitees und übernahmen in Selbstorganisation Feuerwehr, Straßenreparaturen und andere vernachlässigte Aufgaben. Arbeiter vertrieben repressive Fabrikbesitzer. Die Agrarreform nach sowjetischem Vorbild verstaatlichte den Landbesitz. Großgrundbesitzer wurden enteignet. Landarbeiter gründeten auf Herdades und in Dörfern vor allem im Süden Hunderte von Kooperativen. Felder wurden gemeinsam bewirtschaftet, ihre Erträge kollektiv vermarktet. Freiwillige aus vielen Ländern kamen, um mitzuhelfen. Portugal wurde für kurze Zeit zum Mekka für die Jugend Europas, die vom Sozialismus träumte.

Doch das portugiesische Volk hatte die Rechnung ohne die Welt gemacht. 1974 war ein Jahr, in denen auch die anderen Militärdiktaturen Südeuropas kriselten wie in Spanien oder zerbrachen wie in Griechenland. Es war der Höhepunkt des Kalten Krieges. Jeder Konflikt, jeder Aufstand wurde zum Stellvertreterkonflikt zwischen West und Ost. Der Westen hatte nicht vor, ein sozialistisches Land in Europa zu unterstützen oder zu dulden. Ein neues Kuba, ein neues Vietnam oder Chile musste unbedingt verhindert werden.

So trieb der Ost-West-Konflikt seinen Keil auch in die gepriesene Einheit des portugiesischen Volkes: Die Sozialisten wurden zunehmend von den Sozialdemokraten Europas geprägt und übernahmen deren Motto: Reformen statt Revolution. Die Sowjetunion unterstützte ganz offen die kommunistische Partei Portugals. Sie hatte ihre Anhänger im Süden. Im Norden dagegen rollte eine gut geölte antikommunistische Propagandamaschine, finanziert und organisiert, wie viele heute vermuten, von der USA.

Der andere Grund für das Scheitern der Revolution kam von innen: 50 Jahre Leben unter der Diktatur konnten nicht von einem Tag auf den anderen abgeschüttelt werden. Die inneren Verletzungen waren nicht aufgearbeitet und verheilt, sind es vielfach bis heute nicht. Die vielbesungene Einheit des Volkes zerbrach vor allem da, wo keine wirkliche Vorstellung und keine Erfahrung von einem gelebten Sozialismus, von tatsächlicher Gemeinschaft bestand.

Wie sollte man Kooperativen aufbauen und gemeinsames Eigentum verwalten, wenn man nicht wusste, wie man Vertrauen untereinander erzeugen konnte! Wie konnte man leiten, ohne zu herrschen? Wie traf man basisdemokratische Entscheidungen, ohne sich in tausend Diskussionen zu verstricken? Wie ging man mit durchaus menschlichen Themen wie Konkurrenz oder Eifersucht um und löste aufkommende Konflikte ohne Dominanz und Unterdrückung? Ungebildete Landarbeiter standen plötzlich vor Aufgaben, auf die sie in keiner Weise vorbereitet waren. Die rasch wechselnden Regierungen standen nicht hinter der Landreform. Und nach wie vor waren sie umgeben von Wirtschaftsgeflechten, die nach den Gesetzen des Kapitals funktionierten. Dieser Zerreißprobe waren Enthusiasmus und guter Wille auf Dauer nicht gewachsen.

Der auch heute noch bei Demonstrationen meist gehörte Slogan: “Fascismo nunca mais – Nie wieder Faschismus” war nach Jahrzehnten ohne freie Meinungsäußerung und Wissensaneignung der größte gemeinsame Nenner, auf den Portugal sich einigen konnte.

Nach einem letzten Aufbegehren im “heißen Sommer von 1976” kippte die portugiesische Gesellschaft wieder in die Bürgerlichkeit. Zwar war in der Verfassung Sozialismus als Staatsziel niedergelegt, aber das blieb eine leere Formel. Das Kapital eroberte sich Schritt für Schritt seine Macht zurück. Die Landreform wurde zurückgenommen. Bei der Rückgabe von Ländereien kam es zu bitteren Szenen und Prügeleien. Kleinbauern verloren die Früchte ihrer Arbeit und das gerade bestellte eigene Land. Den verbleibenden Kooperativen – Versammlungsstätten und kulturelle Wohnzimmer der Dörfer, in denen sich die Bewohner gegenseitig versorgen und ihre Produkte lokal anbieten konnten – wurden die steuerlichen Vergünstigungen und damit die Arbeitsgrundlage genommen. Damit ging ein Herzstück der Revolution verloren.

Endstation Kapitalismus

Der Westen hatte gesiegt. Dem portugiesischen Volk wurde der Beitritt zur EU 1986 als Weg zu Sicherheit und Wohlstand verkauft. Das immer noch arme Land wurde schnell zum Musterschüler Brüssels und erfüllte eifrig alle Auflagen. Dazu gehörte eine tiefgreifende Veränderung der Landwirtschaft. Diente sie bis dato vor allem der Lebensmittelversorgung Portugals, wurden nun die großen Weizenflächen in Forst-Monokulturen umgewandelt. Pinien und Eukalyptus sollten dem Export von Billigholz für Papier und Paletten dienen. Eine kurzsichtige Entscheidung, nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch, da nach dem Fall der Mauer osteuropäische Länder diese Aufgabe noch billiger übernehmen konnten. Da war Portugal aber schon abhängig vom Lebensmittelimport, der heute rund 80 % beträgt – und das in dem von Sonne und Regen verwöhnten Land mit dem milden Klima mit den “besten Wachstumsbedingungen innerhalb Europas”, so die Einschätzung von Ferry Enthoven von Atlantic Growers, einem der vielen ausländischen Agrarunternehmen in Portugal.

Die ehrgeizigen und zerstörerischen Großprojekte der Diktatur wie etwa die Staudämme wurden unter der Europäischen Union weitergeführt: Der 2002 gebaute Alqueva-Damm im Alentejo etwa – der größte Stausee Europas – überflutete Dörfer und historische Kulturstätten und zerstörte den einst prachtvollen Guadiana-Fluss mit seinen zahlreichen Uferfelsen und Brutstätten seltener Vögel. Sein durch die Agrarindustrie Spaniens bereits hoch kontaminiertes Wasser speist heute ein Kanalsystem, dessen mannshohe Betonrohre und Speicherseen sich durch den ganzen Alentejo ziehen. Von ihm profitieren fast ausschließlich ausländische Agrarkonzerne mit ihren gigantischen Oliven-, Gen-Maisanbauflächen oder Folientunneln. Statt Reichtum für die Region bringt er jährlich viele tausend Erntehelfer und Billiglohnkräfte aus Nepal, Bulgarien oder Thailand ins Land.

Alfredo Cunhal, Bio-Bauer aus Montemor-o-Novo: “In Bezug auf die Natur und die Landwirtschaft verfolgten Diktatur, Sozialismus oder Kapitalismus dieselbe Strategie: Zentralisierung und Spezialisierung. Das ist zerstörerisch für die Natur und fatal für die ländliche Entwicklung.” Seine Versuche, die traditionelle Wirtschaftsform Montado wieder zu aktivieren und einen Bauernhof der Vielfalt aufzubauen, verdienen jede Unterstützung.

“In den 90ern wurden wir dann mit Geld beworfen”, erinnert sich Geschichtsprofessor Antonio Quaresma. “Die Banken rannten uns geradezu nach mit ihren großzügigen Krediten.”
Der geliehene Wohlstand vernebelte den Menschen den Sinn für die Realität. Das Land war bald voller nagelneuer Autos, moderner Einfamilienhäuser und ungenutzter Autobahnen, hatte aber kaum noch Produktionszweige, die etwas erwirtschaften konnten.
Quaresma: “Wir ahnten, dass wir irgendwann die Rechnung dafür erhalten würden, nur noch nicht, in welcher Form. Jetzt wissen wir es.”
In Folge der Weltwirtschaftskrise schnappte die Schuldenfalle zu, staatlich und privat. Im März 2011 beantragte die portugiesische Regierung den europäischen Rettungsschirm. Die Folgen der Sparpolitik führen zu einer Verarmung großer Teile der Gesellschaft. So sind nach jüngsten Untersuchungen 600.000 Menschen über 65 unterernährt. Die Arbeitslosigkeit Portugals beträgt 18%, bei den unter 24-jährigen sogar 37%. Durch die Zinserhöungen konnten hier wie auch in den USA unzählige Menschen ihre Kredite nicht zurückzahlen. Sie mussten ihre auf Pump gebauten Häuser verlassen und in Sozialwohnungen ziehen. Zahllose Familien zerbrachen daran, versuchen aber nach außen noch, den Schein von Ordnung aufrecht zu erhalten.
“Sie schämen sich”, weiß Teresa Chaves, Leiterin der Caritas von Beja, der die Krise immer mehr Sozialfälle ins Haus schwemmt. Nach ihrer Meinung sitzt das Land auf einer sozialen Zeitbombe. Die Wähler präsentierten jetzt der Regierung eine erste Rechnung: Nach den letzten Kommunalwahlen 2013 haben im Alentejo wieder die Hälfte aller Gemeinden kommunistische Bürgermeister.

Vom Traum zum Systemwechsel

Welche positive Idee kann heute die Menschen und ihren Veränderungswillen nach all den Versuchen und Niederlagen aufs Neue entzünden? Welchen Traum träumt Portugal?
Fährt man übers Land, kehrt man in abgelegenen Dörfern ein, spricht mit den einfachen Menschen und teilt ihr Brot und ihre Gedanken, dann stellt man fest: Etwas in den Menschen dieses Landes ist erstaunlich unberührt geblieben von den wechselnden Herrschaftsansprüchen – einschließlich der heutigen Anforderungen der Globalisierung. Es gibt eine geradezu trotzige Verbundenheit mit dem Land, das sie umgibt, gegenseitige Hilfe und Nachbarschaft in den Dörfern, schweigende Nicht-Teilnahme an den Gepflogenheiten und Geschwindigkeitsvorstellungen der globalisierten Welt und oft feste Entschlossenheit zur Nicht-Kooperation mit wirtschaftlichen Megaprojekten wie Staudämme und Bergwerke.

Immer noch ist einer Kassiererin der Schwatz mit der Kundin wichtiger als der ungeduldige Beamte, der dahinter wartet. Immer noch hält ein Mechaniker bei der Arbeit inne, um einen streunenden Hund zu streicheln. Immer noch gibt es in der Eckkneipe den verbotenen Selbstgebrannten aus der Garage, das Selbstgebackene der Nachbarin – auch für den Polizisten, der ein Auge zudrückt. Schließlich gehört auch er zur Dorfgemeinschaft. Und die war es, die den Menschen in allen Zeiten half zu überleben. Sie ist vielen auch heute noch näher als Wirtschafts- und Arbeitsplatzargumente.
Es ist, als folge die Mehrheit der Menschen stillschweigend einem anderen Lebensentwurf als dem, den die Moderne als globales Allheilmittel anbietet. Einem Lebensentwurf, der sich nicht nur um Geld und Gewinn dreht, sondern um Gemeinsamkeit und Verbundenheit, um gegenseitige Verantwortung und Kontakt. Es ist, als habe in diesem Land ein Traum überlebt – durch Monarchie und Kolonialreich, Diktatur und Revolution hindurch. Vielleicht ist Portugal prädestiniert für die Wiederbelebung dieses Traums.

„Alles Wissen ist Erinnerung“, sagte einst Platon. Es gibt wenige Länder, die mit so vielen Kulturdenkmälern, Steinkreisen und Dolmen aus der Jungsteinzeit bestückt sind. An vielen abgelegenen Orten vertiefen sie den Eindruck einer zeitlosen, ja verwunschenen Welt. Erzählen uns diese Steinkreise möglicherweise die Geschichte von einem matriarchalen Friedenswissen, wo Gemeinschaft und Kooperation mit der Natur noch eine Selbstverständlichkeit waren? Es ist als würden diese Kulturdenkmäler die Geschichte dieses Landes mehr prägen als alle Domestizierungsversuche von Kirche und Staat.

In Zeiten des weltweiten Turbokapitalismus wurde diese Welt an den Rand gedrängt, zur Schwäche erklärt, belächelt, vergessen – doch sie ging nicht unter, nicht hier im ländlichen Portugal. Beobachter fragen sich: Könnte sie jetzt, wo das scheinbar so siegreiche kapitalistische System selbst Sprünge bekommt, wo es an seinen eigenen Kernfehlern erkrankt und kurz vor dem Kollaps steht, wieder zum Anziehungspunkt werden?

In dieser geschichtlichen Situation gehen erste junge Menschen aus der Protestgeneration aufs Land, um eine Lebensperspektive außerhalb der Troika aufzubauen. In diesem Klima, abseits der modernen Machtzentren atmen sie eine neue Freiheitsluft – und versuchen in Kontakt mit den alten Dorfgemeinschaften Projekte zur Regenerierung der Landschaften und die Reaktivierung der verlassenen Dörfer. Angesichts der Sparmaßnahmen und Auflagen der Troika entstehen Projekte für Nachbarschaftshilfe und eine moderne Subsistenz. Sie vernetzen sich, gründen alternative Kooperativen für regionale Produkte, unterlaufen mit Fantasie und Sturheit die Verbote, lokalen Handel zu treiben. Sie erfahren aufs Neue, dass es die Dorfgemeinschaften und Nachbarschaften sind, auf die in Zeiten der Not am meisten Verlass ist.

Wenn diese Versuche nun beginnen, das global verfügbare Wissen über ökologische Heilung, dezentrale Energie-Autonomie, Gemeinschafts- und Friedenswissen, alternative Ökonomie in die Region zu holen und anzuwenden, dann könnten ihre Projekte zu Laboratorien der Zukunft werden. Dann wäre es ausgerechnet die Krise in Südeuropa, die der Welt helfen könnte, einen Systemwechsel herbeizuführen.

Es ist ein Systemwechsel, den die ganze Erde braucht. Denn nicht nur Portugal befindet sich unter der Diktatur des Geldes, sondern die Welt. Angesichts der bedrohlichen weltweiten Vorhaben des Kapitalismus, der dabei ist, auch noch die abgelegensten Regionen ihrer neuen Weltordnung der Freihandelszonen zu unterwerfen, brauchen die Protestbewegungen aller Kontinente dringend Modelle und Beispiele für einen neuen Sozialismus.

Portugal, das Land am südwestlichen Zipfel Europas bildet – kulturell und ökologisch – eine Brücke Europas zu Afrika. Lösungen, die hier, im Schutz europäischer Sicherheit gefunden und erprobt werden, sind auch im globalen Süden anwendbar – und können damit zu einer Auflösung der überholten Gegensätze zwischen Nord und Süd beitragen. 40 Jahre nach der Nelkenrevolution könnte das Land zum Modell für einen neuen Sozialismus werden.

Der Sozialismus braucht eine Erneuerung und Erweiterung um das Wissen, das in den letzten hundert Jahren hinzu gekommen ist. Die folgenden fünf Kernpunkte müssen Bestandteil eines neuen Sozialismus sein, damit er eine stärkere Anziehungs- und Verwirklichungskraft erhält als der Kapitalismus.

Teil 2: Kernpunkte eines neuen Sozialismus

 

1. Vergesellschaftung der Produktionsbedingungen und ihre Dezentralisierung

Sozialismus bedeutet, dass die Wirtschaftsmacht in den Händen der Menschen liegt, die sie betreiben und von ihr leben. Die Entscheidungen und Verantwortungsbereiche werden von denen getragen, die sie betreffen. Profitdenken als Motor der Wirtschaft ist kein nachhaltiges Prinzip. Vor der privaten Bereicherung von Einzelnen steht das Interesse der Gemeinschaft: das ist kein moralisches Gebot, sondern ein Gesetz des sozialen Friedens.

Träger des neuen Sozialismus sind nicht Staaten, sondern überschaubarere Systeme: Dezentrale Dorf- und Regionalgemeinschaften, untereinander vernetzt, weitgehend autark und in Kooperation mit der Natur. Je überschaubarer die Kreisläufe von Produktion, Handel und Konsum sind, desto gesünder sind sie für Mensch und Natur. Vernetzt, vielfältig, dezentral: der neue Sozialismus funktioniert in vielen Bereichen nach dem Vorbild der Natur.

Was heißt Regionalautarkie? Jede Region bringt zunächst die Grundprodukte hervor, die für die Versorgung ihrer Menschen, Tiere, Pflanzen und Ökosysteme gebraucht werden. Das gilt vor allem für Lebensmittel und Energie. Mit den Überschüssen kann dann außerhalb der Regionen gehandelt werden. Die erwirtschafteten Erträge dafür bleiben in der Region. Moderne, vernetzte Subsistenz ist das Prinzip für eine ökonomische Neuordnung der Erde und ein absoluter Gegenentwurf zur derzeitigen Globalisierung.

 

2. Gemeinschaft: die menschliche Innenseite des neuen Sozialismus

Der Sozialismus scheiterte nicht, weil die Idee falsch war, sondern weil die Menschen keine reale gemeinschaftliche Lebenserfahrung hatten. Wenn Misstrauen und Angst das Zusammenleben bestimmen, wird man die Produktionsbedingungen nicht vergesellschaften können. Ein neuer Sozialismus beruht auf neuen gemeinschaftlichen Lebensformen.

Ob ein Mensch mutig, gerecht und solidarisch ist, entscheidet sich nicht (nur) individuell. Die menschliche Entwicklung ist auch Folge der sozialen Produktionsverhältnisse, in denen ein Mensch lebt und aufwächst, der Erfahrungen, die er oder sie schon als Kind macht, die Liebe, die Heimat, die Sicherheit und die Offenheit, die er oder sie erfährt. Funktionierende Vertrauensgemeinschaften sind der beste Nährboden, um Solidarität, Gemeinschaftsgefühl, Mut zur Wahrheit und Vertrauen – all die notwendigen menschlichen Qualitäten eines funktionierenden Sozialismus – zu entwickeln. In Enge und Einsamkeit entwickelt sich ein Mensch zum Untertan oder zum Konsumenten, aber nicht zum sozialen Wesen. Wo aber Menschen in einer Gemeinschaft Akzeptanz, Heimat und Herausforderung erleben, erfüllt sich für sie ein Menschheitstraum.

Was die Jugend der Welt auf den Plätzen und Camps der revolutionären Bewegungen erlebt und was die alten Menschen in portugiesischen Dörfern verbindet, ist die Annäherung an Gemeinschaft. Diese Erfahrung kann modernisiert, objektiviert und gelehrt werden.

Denn die Gemeinschaft, in der die Kleinfamilien eingebettet sind, ist die ursprüngliche Heimat des Menschen. “Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen”, sagt eine afrikanische Weisheit. Gemeinschaft ist auch die Heimat der Liebe, die hier ihren Schutz und ihre behutsame Öffnung erhält – damit eine Liebesbeziehung nicht durch Abgrenzung zum Gefängnis wird.

 

3. Kooperation mit der Natur und Landschaftsheilung

Jede Region kann hervorbringen, was ihre Bewohner – Menschen, Tiere und Pflanzen – zum Leben brauchen. “Wasser, Nahrung und Energie stehen allen Menschen kostenlos zur Verfügung, wenn wir nicht mehr den Gesetzen des Kapitals folgen, sondern der Logik der Natur”, sagt Dr. Dieter Duhm im Tamera-Manifest. Auch im Zustand fortgeschrittener ökologischer Zerstörung wie Wüstenbildung, Erosion und Abholzung kann eine Landschaft geheilt werden. Dann entstehen die Lebensmittelbiotope der Fülle, die jeder Spekulation den Boden entziehen.
Dazu müssen wir lernen, mit der Natur zu kooperieren. Wir müssen realisieren, dass es neben den Menschenrechten auch Tier- und Erdrechte gibt. Im neuen Sozialismus gelten die Gebote von Gleichheit und Gerechtigkeit nicht nur für Menschen, sondern auch für die Natur. Vor jeder Entscheidung, jeder Maßnahme, die eine Region betreffen, sollen nicht nur die Menschen befragt und gehört werden, die sie betreffen, sondern auch die Tiere, Pflanzen und Ökosysteme. Wir können lernen, diese Stimme zu hören.
Das Wissen über Kooperation mit der Natur vermag Mangel, Hunger und Krieg weltweit zu beenden. Es befähigt Dörfer und Regionen, ihre Versorgung in die eigene Hand zu nehmen und sich von der Abhängigkeit der Großsysteme zu befreien. Es ist das Wissen der Freiheit.

 

4. Die Rolle der Frau und die Versöhnung der Geschlechter

Versöhnung der Geschlechter ist innere Voraussetzung für Frieden und Gerechtigkeit. Es kann auf der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist.
Portugal pflegte schon immer die Verehrung des Weiblichen – angefangen von den bereits erwähnten matriarchalen Stammeskulturen des Neolithikums über die Anbetung der Himmelsgöttin in Fátima bis zu dem in jedem Dorf präsenten Marienkult.

Ein neuer Sozialismus ist ohne eine Aufwertung der Rolle der Frauen nicht denkbar. Es geht dabei nicht nur um die Forderung nach Gleichheit, sondern um die Wiederaneignung der weiblichen Kräfte und Qualitäten, die im Patriarchat nicht erblühen konnten – ganz im Sinne der ehemaligen Irokesen-Verfassung, wo ein Häuptling so sein sollte “wie eine gute Mutter”. In den Gemeinschaften der Zukunft sind Fähigkeiten von Fürsorge, Versöhnung, Vergebung, sozialer Überblick, Kommunikation und Vertrauensaufbau unverzichtbar.

Sozialismus beruht auf Solidarität mit Frauen weltweit. Das bedeutet auch Mut zur weiblichen sexuellen Selbstbestimmung sowie die Befreiung von nicht mehr zeitgemäßen Tugend- und Moralvorstellungen, die Frauen anfangs gewaltsam aufgezwungen wurden, zu deren Verteidigerinnen sie sich dann aber machten.
Sabine Lichtenfels, Theologin und Mitgründerin von Tamera: ” Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen die patriarchalen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat.”
Alle Bereiche des Lebens, ob Ökologie, Politik oder Ökonomie, orientieren sich anders, wenn Frauen sich mit ihren Quellen verbinden und ihre Bedeutung und Aufgabe annehmen. Gemeinschaften, in denen Solidarität und Vertrauen unter Frauen entstehen, in denen sie Verantwortung übernehmen für sich selbst, für ihre Kinder und für das, was sie lieben, sind Heimatorte für das Leben selbst. Solche Gemeinschaften gewinnen eine große Durchsetzungskraft und Stabilität und sind gefeit gegen viele Stürme der Zeit.

 

5. Ethik und Spiritualität: Brücken statt Mauern

Der neue Sozialismus braucht eine objektive Ethik, die im Herzen aller verankert ist und nicht in religiösen oder politischen Dogmas.
 Portugal war traditionell eine Zufluchtsstätte für Andersdenkende und Andersgläubige; Toleranz, Gastfreundschaft und Offenheit für Fremdes waren dem Volk immer wichtiger als Ideologie und Gesetzesdenken. Philosophie-Professor Paulo Borges aus Lissabon: “Es gehört zum Wesen Portugals, eher Brücken zu bauen als Mauern. Die Welt lebt seit 6000 Jahren in einem Paradigma der Trennung, das zu Ausbeutung, Krieg und Gewalt führt. Portugal kann gerade in Zeiten der Krise ein Geburtsplatz für ein neues Paradigma der Empathie und Nicht-Trennung werden.” Die von ihm gegründete PAN-Partei – die Partei für das Recht der Tiere und der Natur – erzielte gleich bei ihrem ersten Urnengang einen beeindruckenden Erfolg.
Nach der unseligen Allianz von Kirche und Macht in Monarchie und Diktatur und dem Missbrauch religiöser Dogmen für Herrschaft und Tyrannei hat sich die Kirche in Portugal gewandelt. Heute übernimmt sie helfende, soziale und dienende Aufgaben, ohne den übergroßen moralischen Zeigefinger der Vergangenheit. So verständlich die anfängliche Distanzierung vieler Anhänger der sozialistischen Bewegung von der Kirche war, so ist sie heute vielerorts einer pragmatischen Kooperation gewichen, teilweise sogar einer tiefen Gemeinsamkeit. So vereint sich zuweilen das Beste aus Kirche und Kommunismus: das Vorbild des revolutionären Jesus, die Verbindung von sozialer Parteinahme und gegenseitiger Hilfe. Eine Ethik der engagierten, sozialistischen Nächstenliebe unter der Schirmherrschaft der überall präsenten marianischen Kraft stünde über jeder Religion und Ideologie und könnte die neuen Aufbruchskräfte einen.

Dom António Vitalino Dantas, Bischof von Beja, ist Vertreter eines engagierten Christentums. Bekannt für seinen Einsatz für soziale Gerechtigkeit vermittelt er unermüdlich zwischen Politikern und Bürgern. Auch er unterstützt die Verwirklichung autarker Modelle und versucht, Landbesitzer dazu zu gewinnen, ihre ungenutzten Grundstücke neuen ökologisch-sozialen Gemeinschaften zu überlassen. Vitalino: “Verlassene Dörfer, Schulen und Höfe könnten auf diese Art revitalisiert werden.”

Forschungs- und Ausbildungszentrum Tamera: In diesem Klima genießen ganzheitliche Modelle und sozial-ökologische Experimente den Schutz und die Unterstützung, die sie zur Entfaltung brauchen. Zum Beispiel das internationale Friedensforschungszentrum Tamera, gegründet 1995 von Sabine Lichtenfels und Dr. Dieter Duhm, einem Bestsellerautor der deutschen Neuen Linken. Hier leben und arbeiten mittlerweile 170 Menschen an einem umfassenden Modell für eine Friedensgesellschaft. Sie entwickeln und verbinden dabei ökologische und soziale Lösungen und Erfahrungen für eine postkapitalistische Lebensweise, die weltweit angewendet werden können. Neben der ökologischen Pionierarbeit konzentriert sich ihre Arbeit auf die Heilung der Liebe und der menschlichen Gemeinschaft. Tamera ist eine internationale Ausbildungsstätte, durch die auch aktuelles ökologisches und soziales Wissen in die Region gelangt. Es wird immer mehr auch zum Treffpunkt einer regionalen und lokalen Autarkie-Bewegung. Um diesen Treffpunkt herum siedeln sich bereits weitere Gemeinschaften und Gruppen an, vernetzen sich und tauschen sich aus – in enger Kooperation und Ergänzung mit der bestehenden Landbevölkerung. Rui Braga, Mitarbeiter von Tamera: “So könnte der Alentejo das neue Silicon Valley für Autarkie und Nachhaltigkeit werden.”

Fazit

Eine Vision wird greifbar: Hier, am Rande Europas, entstehen Modelle für einen neuen Sozialismus, für die gelebte Erfahrung von Gerechtigkeit und Freiheit, für Heilung der Natur und Regional-Autarkie.
Vernetzte Gemeinschaften und Regionen – und nicht mehr (nur) die Arbeiterklasse – sind das revolutionäre Subjekt für einen neuen Sozialismus. In ihnen gedeiht die kollektive Intelligenz, mit denen sie den Herausforderungen begegnen und den Gegenkräften widerstehen können. Das Land könnte dann erneut zum Mekka der revolutionären Jugend der Welt werden. Dieser Funke wird sich ausbreiten zu einem Flächenbrand – und keine Macht der Welt wird ihn löschen können.
Denn ein geeintes Volk – verbunden durch Wissenstransfer und Freundschaft, im Besitz gesunder und dezentraler Produktionsverhältnisse, einig in einer objektiven, in den Herzen aller verankerten Ethik – kann nicht besiegt werden.

4 thoughts on “40 Jahre nach der Nelkenrevolution

  1. Liebe Leila Dregger,
    danke für die ausführliche beschreibung der jüngeren geschichte Portugals und der würdigung der nelkenrevolution. ich war damals 17 und es war ein lichtblick nach dem putsch in Chile im september 1973. damals glaubte ich daran, dass wir auch in Deutschland eine revolution machen würden. jahre später schmunzelte ich darüber und noch später hatte ich verstanden, dass wir im zwischenmenschlichen bereich noch nicht so weit waren. die vielen jungen portugiesischen menschen, die ich in Tamera am tag der offenen tür nach dem Global Grace Day 2012 erlebte liess mein vertrauen wachsen, dass jetzt der richtige zeitpunkt gekommen ist für den wandel.
    möge die flamme der vision einer geheilten welt sich verbreiten und die zuversicht wachsen lassen.
    Jutta Meinert

  2. Liebe Leila,

    vielen Dank für die ausführliche Auflistung der vergangenen Geschichte Portugals. Ich habe den Text sehr gerne gelesen und werde ihn weiterempfehlen. Es spricht mir aus dem Herzen.

    Christa

  3. Danke Leila, Portugal ist hier so speziell beschrieben, so fein und tiefsinnig. Mögen sich Deine Worte allerorts und weltweit mit Leben füllen, mit blühenden Gemeinschaften in fruchtbaren Tälern in Frieden schaffender Forschung. Das ist es. Ich bin begeistert, Beate.

  4. Danke, thank you, obrigada liebe Leila, ich liebe diesen Text, Danke für Deine Kreativität, die Dich ihn verfassen ließ!
    Eine wunderbare Überblick, Durchblick verschaffende Beschreibung des portugiesischen Lebens, fühlt sich so natürlich und wahrhaftig an.
    Herzliche Grüsse auch an das von mir so geschätzte und geliebte Tamera,
    Dorothea

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