Willy Vier

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Ein Lied  von Konstantin Weckergeschrieben kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 – Wir danken Konstantin Wecker und allen, die noch so unverblümt die Wahrheit sagen und ihre Stimme für das Leben erheben.

Es tut mir leid Willy, dass ich dich noch einmal belästigen muss, in deiner wohlverdienten, ewigen Ruhe. Aber es brennt mir halt so viel auf der Seele, und die Gespräche mit dir waren immer so schön unbesonnen, so gar nicht politisch korrekt.

Und so, wie wir zwei immer miteinander geredet haben, denken viele. Nur man tut´s eben nicht mehr all zu laut.Das Land ist geistig und sprachlich nicht mehr wiederzuerkennen. Es herrscht Krieg, Willy, und seit neuem ist es auch unser Krieg.
Und ich bin genau so verwirrt wie alle anderen Willy und habe natürlich auch keine fertigen Lösungen parat.
Ich muss mich einfach mal mit jemandem aussprechen und will dir erzählen, wie es so weit gekommen ist:
Ein paar wahnsinnige, verblendete, gehirngewaschene Verbrecher haben am 11.9. das World Trade Center mit Verkehrsmaschinen in die Luft gejagt und über 4800 Menschen hingemetzelt.

Entsetzlich.
So viel Leid. So viele Tränen. Kinder, die ihre Eltern nie mehr sehen werden, Hinterbliebene, deren Leben nie mehr so unbeschwert sein wird wie vorher.
Alle trauern. Auch Deutschland trauert, wie nie zuvor. Vor allem öffentlich und medienwirksam.
Da hat sich ein richtiges Trauermanagement entwickelt.

Und da, Willy, kommt mir nun doch manches befremdlich vor.
Mir erschienen meine Mitbürger in den letzten Jahren gar nicht so mitfühlend.
Keiner hat öffentlich so getrauert, als 200 000 Iraker im Golfkrieg starben.
Als Millionen Afrikaner in Ruanda erschlagen und verstümmelt wurden.

Sicher, das ist alles sehr weit weg und geht uns nicht so nah, sagen viele 96 aber wäre es jetzt nicht an der Zeit, den Schrecken zum Anlass zu nehmen, mal wirklich nachzudenken?

Sind wir das nicht eher den Opfern schuldig, als Säbelrasseln und Vergeltungsgebrüll?

Oder verbieten wir uns dieses Nachdenken etwa deshalb, weil es uns zwingen könnte, unsere buchstäblich überflüssige Lebensweise zu überprüfen? Vielleicht sogar zu ändern?

Ist das Böse wirklich immer außerhalb von uns selbst?
Kann es mit Waffen bekämpft werden?
Ist Bin Laden jetzt der Teufel, oder vielleicht doch nur ein ausgerasteter CIA-Agent?
Und wenn das Böse nun wirklich mit Hilfe der Nato ausgerottet würde 96 käme die katholische Kirche nicht in eine tiefe Sinnkrise?
Streubomben und Lebensmittel – ist das die rechte Art um der sogenannten unzivilisierten Welt unsere Zivilisation schmackhaft zu machen?
Warum haben wir denn, verdammt noch mal, dieses arme Land nicht schon vor zwanzig Jahren mit Lebensmitteln versorgt?

Welche Freiheit verteidigen wir denn nun so vehement? Die des Geistes, oder vielleicht doch nur die des freien Marktes?

Und vernichten wir jetzt nicht, mit immer neuen Antiterrorgesetzen, genau das, weswegen unsere Demokratie zu Recht verteidigt werden sollte?

Ist man deswegen schon antiamerikanisch, weil man sich die gleichen politischen Sorgen macht wie vor dem 11. September?

Macht dieser Anschlag jetzt alle Verbrechen der Bushfamilie, der amerikanischen Außenpolitik und des CIA ungeschehen?

Gott, ich bin doch auch gegen Terrorismus und kein Volk der Welt hat die Taliban oder die Mörderbande der Nordallianz als Herrscher verdient 96 aber hat man sie vorher erst bewaffnen müssen?

Also gut. Eliteeinheiten nach Afghanistan! Aber warum nicht auch in die Deutsche Bank, in die Pharmakonzerne und nach Liechtenstein oder auf die Bahamas! Haben wir nicht die beste aller Gesellschaftsformen, heißt es immer wieder und alle nicken ergriffen, als müsste nicht auch das beste System immer wieder erneuert werden, als müsste man nicht immer bereit sein, sein Weltbild in Frage zu stellen. Und wie perfekt ist denn nun dieses “beste aller Systeme” wirklich? Nur weil´s hierzulande den meisten finanziell noch ganz gut geht?

Und was soll man machen gegen hemmungslos spekulierende Fondsmanager, gegen das organisierte Verbrechen an der Biosphäre, gegen 30 Millionen Verhungernde jährlich, und einige Millionen nur aus Ernährungsmangel blind geborene Kinder?

Wer kämpft eigentlich noch gegen den Ausnahmezustand der benutzten Natur? Kein Tier, kein Baum, kein Fluss, kein Meer besitzt noch irgendeinen Wert in sich selbst. Sie alle sind entwertet, weil sie kein Geld sind.

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen – kannst du dich an diesen Adorno noch erinnern, Willy? Es gibt keine Insel des Glücks in einer Welt voll Leid!

Jetzt werdns wieder sagen: “Schauts ihn an, den Moralisten, den Wecker.” Aber du bist meine Zeuge, Willy, ich hasse die Moral. Immer wenn moralischer Eifer im Spiel ist, fängt man an, sich die Köpfe einzuschlagen.

Ich will nur nicht aufhören, nach der Wahrheit zu suchen.

Angeblich ist ja nichts mehr wie es war.

Aber es wird weiter getötet und gefoltert, gelogen und geschmiert, Kinder werden zur Arbeit an westlichen Nobelmarken ausgebeutet, Kinder, die einzig wirklich immer unschuldigen Opfer warten weiter auf Väter und Mütter, die nie mehr heimkehren werden, werden von Minen zerfetzt, taumeln mit aufgeblähten Hungerbäuchen der Verwüstung entgegen…

Und wenn jetzt auch alle im Siegeszug der mörderischen Nordallianz ihre Bestätigung des Feldzuges sehen, Grund zur Beruhigung gibt es nicht und jeder Krieg hat nun mal seine eigene, mörderische Dynamik.

Fünf Wochen Bombardement haben eine Kluft zwischen Ost und West geschlagen, die nicht mehr zu überbrücken ist.

Auch kann ich der Auswahl der Bilder, mit denen ich überflutet werde nicht mehr glauben. Welche Bilder des Elends werden hinter denen des Jubels ausgeblendet?

Vor einer begeisterten Truppe von Elitesoldaten prahlte Bush, dieser Krieg sei noch lange nicht zu Ende. Man stünde gerade mal am Anfang eines langen Kampfes.

Und nun wird die Allianz derer, die der Welt zuerst das Böse bescheren, um sie dann davon zu befreien, bei jedem zukünftigen Krieg auf den militärischen Erfolg in Afghanistan verweisen. Ein weiterer perfekt inszenierter Mythos.

Mensch, Willy, ich freue mich doch jetzt auch mit den jubelnden Menschen in Afghanistan und wünsche ihnen von Herzen den heißersehnten Frieden und Befreiung für die Frauen. Aber hätte man nicht den Taliban schon lange vor dem 11.9. den Waffen- und Geldhahn zudrehen können? Ohne Streubomben, mit politischen und wirtschaftlichen Mitteln. Zum Beispiel, als sie noch als Geschäftspartner von der amerikanischen Öllobby umworben wurden? Und jetzt scheint es, wie immer, wirklich keinen Ausweg mehr zu geben, als weiter zu schießen. Die Logik des Krieges ist in sich immer stimmig. Vor allem für den Sieger.

Erst kommt der Krieg, dann wird der Brand gelöscht und dann lässt man sich als Retter feiern. Wie weit wird das gehen? Irak, Somalia, Libyen, Algerien – vielleicht noch Pakistan? Die Amerikaner stellen weniger als Fünf Prozent der Weltbevölkerung und verbrauchen 25 Prozent der Welt-Erdölproduktion. Wie bedingungslos solidarisch muss man eigentlich sein mit einem Land, das öffentlich behauptet, die Ölfelder Zentralasiens gehörten zu seinen vitalen Interessen? Dessen Präsident nur mit Hilfe von Petrodollars an die Macht gekommen ist? Dessen Geheimdienst allen Ernstes die Einführung der Folter wieder in Erwägung zieht?

Aber Willy, ich glaube immer noch daran, dass man die Prinzipien der Menschlichkeit nicht verlassen darf! Selbst wenn sie so schändlich verletzt wurden.

Noch hat sich nichts geändert, Willy, seit dem 11. September.

Es sei denn wir ändern uns. Jeder von uns. Es sei denn, jeder von uns erkennt, dass wir als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben, oder welcher Kultur wir zufällig angehören, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind.

Wir haben durch unser tägliches Leben dazu beigetragen und sind Teil dieser monströsen Gesellschaft, mit ihren Kriegen, ihrer Brutalität und Gier, und nur wenn wir das klar erkennen – nicht intellektuell, sondern so, wie wir Hunger und Schmerz empfinden – nur wenn wir klar erkennen, dass Sie und Ich verantwortlich sind für die ganze Welt, werden wir endlich richtig handeln.

Frieden ist nicht der Zustand zwischen zwei Kriegen. Frieden wird nicht durch Siege erkauft. Dieser Frieden – als Endziel des Krieges verstanden – stellt statt des wahren Friedens eher einen letzten und dauernden Triumph des Krieges dar.

Du weißt es, Willy, Frieden braucht Mut. Mut zur Wahrheit und den Mut sich selbst zu verändern.

Gestern habns an Willy begrabn. Und er wird weiter und weiter und weiter daschlagn.

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