Was ist die “Natur” des Menschen?

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Ich bin der Einsiedler, der aus seiner Höhle kriecht in dem bedächtigen Entschluß, die Welt, in der er von nun an leben möchte, mit unparteilichem Interesse so zu sehen, wie sie wirklich ist. ..

 

Nichts ist ungeheuerlicher, schauriger, widersprüchlicher und unbegreiflicher als der Mensch, wenn wir aufhören, ihn zu früh zu erklären und unserem embryonalen Begriffsvermögen anzupassen. Es geht nur um das Sehen, nicht um Deutungen und Beurteilungen. Machen wir einen Längsschnitt durch die bisherige Geschichte oder einen Querschnitt durch alles, was jetzt, in diesem Augenblick, auf unserem Planeten unter Menschen (auch zwischen Menschen und Tieren) geschieht, so gibt es für das Sehvermögen des naiven Auges vielleicht nur eine einzige Grenze: die Grenze des Entsetzens.

Der Mensch: das ist das Wesen, das Pyramiden gebaut hat, Städte bis auf das letzte Kind und die letzte Katze ausgelöscht hat, Choräle gesungen und Kathedralen errichtet hat, Andersgläubige auf glühendem Rost gebraten und Andersrassige in Seife verwandelt hat… das Wesen, das aus Liebe gehaßt und aus Frömmigkeit gemordet hat, das Nächstenliebe gepredigt und Napalm produziert hat, das den Frieden liebt und jetzt seinen nuklearen Untergang vorbereitet.

Das Unfaßliche verlangt gebieterisch eine Antwort. Aber hüten wir uns, sie zu schnell zu geben. Wir kennen und akzeptieren den Zusammenhang zwischen Triebverdrängung und Grausamkeit. Seine Entdeckung zählt zu den größten und hoffnungsvollsten Taten der Geistesgeschichte. Freud und Reich sind Pioniere einer humaneren Welt. Aber wir haben den begründeten Verdacht, daß sich hier, auf der psychoanalytischen bzw. sexualökonomischen Ebene, in die menschliche Seele etwas hineingezeichnet hat, was im Kern aus noch fundamentaleren Mustern unseres Seins, unserer Evolution, vielleicht des universellen Werdens überhaupt stammt. Die Wikinger dürften relativ frei gewesen sein von Triebverdrängung… trotzdem hatten sie das Morden und Vernichten gelegentlich zum zentralen Lebensinhalt. Es ist diese rätselhafte, tief im Innern lauernde Neigung zum Exzeß, die den Menschen immer wieder in ein Monster verwandelt hat – oder in einen Heiligen. Exzeß, Ekstase, Grenzüberschreitung, Ich-Auflösung und Vereinigung mit dem »Anderen«, das durch die plötzliche Öffnung rauschhaft oder sakral hindurchscheint – diese grenzenlose Exaltation aller innerer Energien war und ist das dunkelste Motiv der menschlichen Geschichte. In ihm berühren sich alle Formen des Entsetzlichen, der Liebe und der Religion. Was wissen wir vom Menschen, diesem keimenden Wesen? In den Zeiträumen der Evolution gerechnet hat seine Geschichte gerade erst begonnen.
Offenbar setzt sich im Menschen etwas fort, was uns schon bei der Betrachtung der außermenschlichen Welt erregt und betroffen macht, nämlich die Unvorstellbarkeit der Realität, ihr völliges Anderssein als man dachte: jener Aspekt des Ungeheuerlichen, der sich in alles Vertraute einschleicht, sobald wir anfangen, mehr zu wissen. Die Materie und die Ungeheuerlichkeit des Nichts, in das sie sich bei mikrophysikalischer Betrachtung auflöst. Das Lebendige und die Ungeheuerlichkeit seiner Komplexität, die in einer einzigen Zelle repräsentiert ist. Die Evolution und die Ungeheuerlichkeit ihres Themas, die in ihren Zeiträumen repräsentiert ist. Der Sternenhimmel und die Ungeheuerlichkeit seiner ganzen Existenz, die in seinen Dimensionen repräsentiert ist. Die Hauskatze und die Ungeheuerlichkeit ihrer Herkunft, die in ihrem steinalten Raubtierauge repräsentiert ist. Unauffällige Familienväter, deren Ungeheuerlichkeit in Auschwitz repräsentiert war.

Hinter allem Vertrauten immer und überall das »Andere«, das aus unbekannter Ferne und Vergangenheit in unsere Gegenwart hineinragt. Seine Fasern treffen und verbinden sich im menschlichen Biot und erzeugen dort unterhalb der Oberfläche jenen explosiven Bodensatz von Verbrechen, Traum und Wahnsinn, welcher bislang unsere Erfahrung, unsere Menschwerdung und Charakterbildung mindestens ebenso geprägt hat wie alle Konventionen der Sitte und Moral.

Hier liegt Leidensstoff genug. Das Unbegreifliche wirkt bedrohlich. Das menschliche Leben scheint umschlossen von einem unberechenbaren Katastrophenhorizont, der sich noch immer bestätigt hat, wenn die Konventionen einen Dammbruch erlitten haben. Wir leben in dieser ungeheuerlichen Welt, sind umgeben von ihrem Atem und ihren Vibrationen. Das abgespaltene Leben »bedroht« uns aus dem »Jenseits«, d.h. aus den abgedrängten Regionen des Bewußtseins. Jeder Versuch, sich dagegen abzuschirmen, ist letztlich ein Versuch gegen das Leben selbst. Die Bedrohung ist keineswegs nur Einbildung. Wir sind tatsächlich – psychisch und biologisch – bedroht, solange wir aus dem Leben auszuklammern suchen, was uns dämonisch erscheint. Die Paranoia unserer Zeit weist auf einen richtigen Tatbestand, denn die sich anbahnende menschliche und ökologische Katastrophe ist so etwas wie die »Rache« des unverstandenen und vergewaltigten Lebens. Die neue Kultur, die jetzt zu erringen ist, schützt sich nicht mehr durch Abschirmung vor dem Einbruch des Lebendigen. Ihr Wesen ist gerade die behutsame, aber radikale innere Öffnung, die Überwindung aller Barrieren, die ständige Arbeit am Tabu und die Umformung aller Lebensstrukturen. Ihre psychische und soziale Anlage soll ein Gefäß werden, in das der ganze Mensch hineinpaßt.

Alle Appelle an Vernunft und Moral stehen neben der Ungeheuerlichkeit der Welt wie Konfirmandensprüche. Die religiösen Versprechungen der Vergangenheit und die meisten therapeutischen Versprechungen der Gegenwart ähneln einem Narkotikum, welches einschläfert, nicht ohne böse Träume zu hinterlassen. Therapie kann neue Selbsterfahrungen vermitteln und dadurch mithelfen, die Weichen zu stellen. Was dann folgt, ist Kulturarbeit an sich selbst und an den eigenen Lebensverhältnissen. Unser Leiden ist ein Signal nichtgelebten Lebens. Heilung besteht darin, das nichtgelebte Leben zu erkennen – und zu leben. Zur Überwindung unserer einge- fleischten Schranken, unserer Angst und Müdigkeit, unserer allzu häuslichen Humanität und unserer alternativen Schrebergärten bedarf es eines experimentellen Milieus, wo solche Überwindung verstanden und gewollt wird.

Das Bewußtsein ist aus der Alltäglichkeit zu befreien, ohne die Alltäglichkeit zu verlieren und ohne Mystifikation. Ohne Zuflucht in die Ersatzreservate von Kunst, Bildung oder Religion. Was an den geistigen Werten wahr ist, muß im Alltag verstanden und realisiert werden. Dieses »Muß« ist kein beliebiges, es ist die Bedingung unseres humaneren Fortbestandes. Religion und Kunst, auch Traum und Wahnsinn, auch Sadismus und Krieg sind die Verbindungsstellen und Kollisionsstellen unseres Lebens mit dem Unbekannten. Ein zentraler Kollisionsort ist die Sexualität. Man halte die gestaute sexuelle Dämonie, die sich in Phantasien und gelegentlichen Exzessen zeigt, neben die Artigkeit unserer realen sexuellen Annäherungen! Die Geschlechter, die sich wie Naturgewalten treffen, benehmen sich wie seelenvolle Schafe. Ein Strom von sinnlicher und schöpferischer Potenz, gestaut vor einer Staumauer aus Sitte, Vorsicht und Angst. Übriggeblieben ist ein Bachgerinnsel, das keinen wirklichen Durst mehr löschen kann. Viele merken es nicht einmal mehr, denn sie haben es gelernt, sich vor dem Eros zu schützen – durch Sexualität bzw. durch das, was bei uns so genannt wird.

Die Sexualität ist nur ein Beispiel, wenn auch vielleicht das folgenschwerste. Ein ähnliches Schicksal hat die Wut erlitten, die große biologische Wut, die das Leben selbst in uns her- vorruft, wo es beleidigt und beschnitten wird. Ein ähnliches Schicksal hat auch die Neugier erlitten, die Abenteuerlust und jede andere Form unseres natürlichen Expansionsbedürfnis- ses. Wir sind zu niedlich, zu zahm und zu klein geworden. Wir leben in einem Zustand der inneren Dauerbremsung. Daher kommt unser Dauerleiden mit allen psychosomatischen Nebenerscheinungen wie Migräne, Impotenz, Depression und Krebs. Es ist die Dauerdepression eines im Ghetto eingesperrten Lebens, das aus dem Untergrund ständig bombardiert wird mit den Reizen aus dem »Jenseits«: einem möglichen Leben jenseits der Schranken. Diese ganze ungeheure unterirdische Kluft zwischen der wirklichen Ausrüstung, die wir als kosmische Wesen besitzen, und unseren gebügelten Umgangsformen bringt jene unschöpferische Dauerirritation hervor, die mit den Modeworten vom »Widerspruch zwischen Kopf und Bauch« oder vom »Sich-nicht- fallen-lassen-können« belegt worden sind. Angesichts des wirklichen Themas, das hier zur Debatte steht, wirkt das moderne, durch Psychologie und Therapie geprägte Leidensbewußtsein wie eine endlose Geschwätzigkeit des Gefühls. Es ist fast schon chic geworden, über die eigene Angst, die Rückenschmerzen oder sexuelle Schwierigkeiten zu reden. Aus der Gewohnheit, über unterdrückte Emotionen zu sprechen, ist das bislang raffinierteste Bollwerk gegen ein wirkliches Verstehen der Situation und gegen das Aufkommen eines wirklichen Willens zur Veränderung entstanden. Die heute üblich gewordene Diffamierung des Intellekts hat ein übriges getan, um diejenige Instanz auszuschalten, welche in der Lage wäre, den Überblick zu gewinnen: den Kopf.  (…)

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