Eine neue Welt braucht neue Schulen

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Der 1. Juni ist Weltkindertag. Ein Tag für die Kinder der Welt, ein Tag für die Zukunft unserer Erde. Kinder sind die Träger einer neuen Kultur. Wir wollen das Studium dieses Monats dem Thema der Kinder und dem Aufbau neuer Schulen widmen.Brief an die Studenten der Schule Terra Nova.

Wir grüßen euch in aller Welt. Heute – Sonntag, der 1. Juni ist Weltkindertag. Ein Tag für die Kinder der Welt, ein Tag für die Zukunft unserer Erde. Kinder sind die Träger einer neuen Kultur. Wir wollen das Studium dieses Monats dem Thema der Kinder und dem Aufbau neuer Schulen widmen.

Escola da Esperança ist der Name der ersten internationalen Schule im portugiesischen Alentejo, die diesen Herbst in Tamera offiziell eröffnet werden soll. Escola da Esperança ist die Schule der Hoffnung. Sie bildet einen wichtigen Teil des entstehenden ersten Heilungsbiotops in Tamera, indem sie ein neues Modell für die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen aufzeigt; eine Schule, die die unmittelbare, authentische Friedenskraft der Kinder unterstützt und zum Wachsen bringt und ihnen ein Zukunftswissen bereitstellt, welches sich nicht an formellen Lehrplänen, sondern an den Fragen und der natürlichen Anteilnahme der jungen Menschen orientiert. Wir laden euch ein, das Konzept der Escola da Esperança zu studieren und kennenzulernen. Es ist nicht nur das Konzept einer einzelnen Schule in Portugal, sondern verkörpert Grundgedanken eines neuen Bildungswesens überhaupt. Mehr Informationen erhaltet ihr im beiliegenden Studientext und auf der neuen Website: www.escola-da-esperanca.org, sowie in folgendem 12-minütigen Videoclip: Escola da Esperança – Vision für eine Schule der Hoffnung (Tamera / Portugal).

Eine neue Welt braucht neue Schulen. „Schule“ in der allgemeinen, noch heute üblichen Form entstand in den Erziehungsvorstellungen des 19. Jahrhunderts, ihre Struktur wurde dem Militär entlehnt. Ihre Methoden sind meistens wenig dazu geeignet, verantwortungsvolle, autonom denkende, liebende Menschen heranwachsen zu lassen. Sie ist weniger ein Ort des Lernens, als viel mehr eine eine Anstalt zur Reproduktion der gesellschaftlichen Ordnung, deren Besuch für alle jungen Menschen obligatorisch ist. Innerhalb von acht, zehn oder dreizehn Jahren verwandelt die Schule offenherzige und neugierige junge Menschen in anständige Staatsbürger, gleichgültige Konsumenten und „wettbewerbsfähige“ Teilnehmer des Arbeitsmarkts. Auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt, ist das die allgemeine Dynamik. Ohne die Mechanismen des Schulsystems zu sehen (Strafangst, Leistungsdruck, monotoner Rhythmus, Unterrichtung lebensferner Inhalte, Noten etc.), ist es kaum verständlich, warum sich Menschen freiwillig den Regeln und Gepflogenheiten einer Gesellschaft unterordnen, welche weder ihren Bedürfnissen entspricht noch auf humanen Prinzipien beruht. Die Unterdrückung des natürlichen Lerntriebs, der Neugier und Entdeckungslust im Kind ist – neben der Unterdrückung des Bewegungs- und Sexualtriebs – eine der elementaren Voraussetzungen für die Regierbarkeit des erwachsenen Menschen.

Ivan Illich schrieb in seinem Klassiker „Entschulung der Gesellschaft. Eine Streitschrift“ (1971):

„Tatsächlich ist Lernen diejenige menschliche Tätigkeit, die am wenigsten der Manipulation durch andere bedarf. Das meiste Lernen ist nicht das Ergebnis von Unterweisung. Es ist vielmehr das Ergebnis unbehinderter Interaktion in sinnvoller Umgebung. Die meisten Menschen lernen am besten, wenn sie „dabei sind“. Trotzdem zwingt sie die Schule, ihr persönliches, kognitives Wachstum mit konzipierter Planung und Manipulation gleichzusetzen. Hat jemand erst akzeptiert, daß Schule nötig ist, so fällt er leicht anderenInstitutionen anheim. Lassen junge Menschen erst einmal zu, daß ihre Phantasie durch lehrplanmäßigen Unterricht reguliert wird, so werden sie für institutionelle Planung jeglicher Art konditioniert. „Instruktion“ vernebelt den Horizont ihrer Phantasie. (…) Menschen, die sich für die Bewertung ihres persönlichen Wachstums dem Maßstab anderer unterwerfen, legen diesen Zollstock bald auch bei sich selbst an. Sie brauchen nicht mehr an ihren Platz verwiesen zu werden, sondern stecken sich selbst durch die vorgesehenen Schlitze, quetschen sich in die Ecken, die aufzusuchen man sie gelehrt hat, und verweisen dabei zugleich ihre Kameraden an deren Plätze, bis alles und jedermann „paßt“. Menschen, die auf das richtige Maß heruntergeschult worden sind, gehen unkalkulierbaren Erlebnissen aus dem Weg. Für sie wird, was sich nicht messen läßt, zweitrangig und bedrohlich. Sie brauchen ihrer schöpferischen Kraft nicht mehr beraubt werden. Durch programmierte Unterweisung haben sie verlernt, das Ihrige zu „tun“ oder sie selbst zu „sein“.“

Wie sieht eine Schule aus, die sich an der Entfaltung des einzelnen Kindes orientiert und dessen inneren Lerntrieb unterstützt, anstatt ihn durch eine gesellschaftlich auferlegte Funktionalität zu ersetzen?

Ein Ausschnitt aus dem Schulkonzept der Escola da Esperança: „Lernen geschieht von selbst entlang einer Spannungslinie (line of tension), es folgt einem lustvollen Sog, den wir Interesse, Neugier oder intrinsische Motivation nennen. Wirkliches Verstehen geschieht dann, wenn der ganze Organismus in den Lernprozess involviert ist. Ein zukunftsrelevantes Lernsystem orientiert sich an diesen Eigenbewegungen des Lebens.“

Die Escola da Esperança basiert auf einer über zehnjährigen Vorbereitung und Forschung am „Platz der Kinder“ von Tamera. Ein wesentlicher Aspekt der Ausbildung der Schule liegt in Theaterarbeit und politischen Reisen. Die Kinder und Jugendlichen haben ihre Auseinandersetzung mit der Weltsituation u.a. durch Theater umgesetzt. Sie benutzen dieses Medium, um ihre Stimme der Anteilnahme auszudrücken und in die Welt zu bringen. Es ist dieses ursprüngliche Mitgefühl am Schicksal der Tiere und Menschen, das wir in Kindern finden, welches in der Lage ist, das verschlossene Herz der Erwachsenen wieder zu öffnen. Hier ein bewegender Video-Ausschnitt einer Theateraufführung der Jugendlichen aus Tamera und der Friedensgemeinschaft San José de Apartadó in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá im Jahr 2010: https://www.youtube.com/watch?v=z3gVAsov9KA

Die Escola da Esperança soll ein Lernort sein für Kinder aus der Region, für die Kinder der Gemeinschaft von Tamera und für Kinder und Jugendliche aus allen Ländern der Erde. Im letzten Jahr wurde der Antrag für die offizielle Anerkennung der Schule bei den portugiesischen Behörden eingereicht. Wir düsen darauf, dass dem Antrag möglichst bald stattgegeben wird und damit bereits im September die ersten Schüler „eingeschult“ werden können. Damit es gelingen kann, braucht die Escola da Esperança neben dem „Ja“ der Behörden auch finanzielle Unterstützung für den Bau entsprechender Gebäude, die Anstellung von Lehrpersonal und den Kauf von Lehrmaterialien. Jeder finanzielle Beitrag ist herzlich willkommen! Wir bitten euch, die Information über die Escola da Esperança in euren Netzwerken zu verbreiten, damit möglichst viele Menschen davon erfahren und das Projekt die Unterstützung erhält, die es für seine Verwirklichung braucht.

Zum Abschluss noch eine herzliche Einladung an euch alle: Vom 1. – 10. August 2014 findet die 20. Internationale Sommeruniversität in Tamera, Portugal statt. Unter der Überschrift „Terra Nova – Globale Allianz für die Heilung der Erde“ laden wir Aktivisten, Entscheidungsträger, Journalisten, Musiker, Künstler und Forscher aus aller Welt ein nach Tamera. Wie laden vor allem alle Teilnehmer der Schule Terra Nova ein, sich hier zu treffen, zu vernetzen und zu stärken. Wir laden ein zum Aufbau einer globalen Allianz für eine Zukunft ohne Krieg. Die zehntägige Sommeruniversität ist eine intensive Gemeinschaftserfahrung und ein Raum für strategische Planung und kreative Arbeit. In Arbeitsgruppen wollen wir Antworten auf verschiedene Fragen entwickeln, z.B.:

Wie könnte sich eine neue Aufbruchsbewegung trotz der Übermacht der Gewaltsysteme global durchsetzen?
Wie lenken wir die Geldströme in den Aufbau neuer Zukunftsmodelle?
Wie verbreiten wir die neuen Informationen?

Wie nutzen wir Medien und Internet?
Welche Rolle spielt dabei Musik, Kunst, Theater?
Welche ethischen Richtlinien braucht eine humane Revolution?
Wie entsteht ein weltweites Netzwerk von Modell- und Ausbildungszentren für eine neue Kultur?
Wie wird die Schule Terra Nova zu einer weltweiten Bewegung?
Wie schaffen wir Vertrauen und Heilung in der Liebe?

Mehr Informationen hier: http://www.tamera.org/de/was-ist-tamera/visitors3/veranstaltungen/ su-2014/. Wir freuen uns auf eure Teilnahme!

Wir wünschen euch einen inspirierenden Studienmonat und freuen uns auf eure Rückmeldungen und Fragen.

Im Namen der Kinder.
Im Namen der Liebe für alle Kreatur. Für Terra Nova.

Martin Winiecki,

 

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