Was ist “freie Sexualität”?

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Fragen an die Tamera-Gründer Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels zu den Themen “freie Sexualität” und “freie Liebe” 

esterDer Psychoanalytiker Dr. Dieter Duhm und die Theologin Sabine Lichtenfels leben seit 36 Jahren zusammen als Paar. Aber sie sind dabei frei, auch mit anderen zu gehen. 1978 gründeten sie eine Gemeinschaft, aus der das heutige Tamera im südlichen Portugal hervorging. Dort leben 160 Menschen in einem Experiment der freien Sexualität. In folgendem Interview sprechen die beiden von ihren Erfahrungen.

Dieter Duhm:

Wie wird die Idee der freien Sexualität in Tamera praktiziert?
Alle Menschen in Tamera, auch die festen Paare, praktizieren freie Sexualität. Ich persönlich praktiziere die freie Sexualität schon immer. Ich habe früh gemerkt, daß ich sonst lügen müßte, weil ich viele Frauen begehre und nicht nur eine. Ich habe das meinen Partnerinnen immer gleich gesagt, denn es war mein Gebot, in der Liebe nie zu lügen. Ich möchte das auch allen anderen sagen: Bitte nie lügen im Bereich von Sexualität und Liebe! Wir können den heimlichen Geschlechterkrieg nur beenden, wenn wir aufhören zu lügen. Dann entsteht Vertrauen, und nur durch Vertrauen entsteht dauerhafte Partnerschaft. Das sind zentrale Zusammenhänge in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Wir können den Krieg in der Welt nur dann beenden, wenn wir den Krieg der Geschlechter beenden. Ganz beenden, hier und jetzt.
Das waren Grundsätze bei der Gründung unseres Projekts im Jahre 1978. Daraus ist die Kultur der freien Sexualität entstanden. Die meisten Menschen, die neu in unser Projekt kommen, freuen sich über die Möglichkeit neuer sexueller Kontakte. Auch Ehepaare haben jetzt die Möglichkeit, mit neuen Partnern ins Bett zu gehen und hinterher im Schutz der Gruppe darüber zu sprechen. So müssen sie sich nicht gegenseitig belügen. Dies ist ein wichtiges Prinzip für den Aufbau einer funktionierenden Gemeinschaft: daß man die wichtigen Dinge transparent macht, das gilt für Fragen der Sexualität wie für Fragen des Geldes, der Autorität etc., Ein Schlüssel für den Erfolg einer Gruppe ist ihre Transparenz im Inneren. Wir alle unterliegen dem Gesetz der Schöpfung und der Liebe. Es gibt darin kein Gebot gegen die freie Liebe, aber es gibt ein Gebot gegen die Lüge.
Wie die Praxis der freien Sexualität in Tamera konkret aussieht, kann nicht in wenigen Worten beschrieben werden, denn sie ist verbunden mit einer kommunitären Lebensform, die wir in dreißig Jahren entwickelt haben. Es gibt kein Rezept, es gibt nur das Gebot, nicht zu lügen. Wer Genaueres wissen möchte, möge nach Tamera kommen und die Sache studieren. Wir bauen ein Heilungsbiotop auf, wo nicht nur die Sexualität geheilt werden soll, sondern alles, zum Beispiel auch kranke Tiere oder eine kranke Landschaft. Man kann es ja nachlesen auf der Webseite von Tamera.

Was sind die Vorteile der freien Sexualität?
Ich habe sie gerade benannt. Männer und Frauen haben meistens viel mehr sexuelle Bedürfnisse als nur zu einem einzigen Partner. Das gehört zu unserer Natur. Es dient nicht dem Frieden, die sexuelle Anziehung zu unterdrücken. Zu viel Schlimmes ist in der Welt passiert durch die falschen Sexualtabus und die moralische Heuchelei. Hier entsteht Mißtrauen, Mißtrauen führt zu Haß, und Haß führt zu Gewalt. Sexualität und Gewalt ist ein Kernthema der bisherigen Geschichte. Nirgends haben Gewalt und Haß furchtbarer zugeschlagen als in der Beziehung der Geschlechter. Um das Mißtrauen zu überwinden, brauchen wir die Basis der freien Sexualität. Das ist die absolute Grundlage, ohne die es nicht geht.
Ein Vorteil der freien Sexualität liegt darin, daß die Geschlechter sich kennenlernen. Wenn man dann einen Partner wählt, dann geschieht es mit Wissen und Erfahrung und nicht mehr nur aus der Projektion eines momentanen Glückszustandes. Viele Ehen werden viel zu früh geschlossen. Es dauert oft sehr lang, bis man entdeckt, was wirkliche Liebe ist.

Was sind die größten Schwierigkeiten, die neue Menschen in Tamera im Bereich der freien Liebe haben? Welche Probleme treten am häufigsten auf?
Aber die meisten Menschen wollen irgendwann eine richtige Partnerschaft. Bisher glaubten sie, daß eine feste Partnerschaft mit Monogamie verbunden sein müsse, und daß Monogamie ein Zeichen der Treue sei. Das stimmt gar nicht, das Gegenteil ist der Fall. Du kannst nur treu sein, wenn du auch andere lieben darfst. Das ist die Voraussetzung wirklicher Treue. Echte Liebe zerbricht nicht an den sogenannten Seitensprüngen, denn die Seitensprünge gehören zur Natur des Menschen. Freie Sexualität und Partnerschaft schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist bestens eingerichtet im Schöpfungsplan Gottes. Eifersucht gehört nicht zur Liebe. Trotzdem war sie immer wieder ein Thema in unserer Gruppenarbeit. Es gibt leider keine Pille gegen die Eifersucht, aber je mehr das Vertrauen unter den Menschen steigt, desto weniger Raum bleibt für Trennungsangst und Eifersucht. Das ist eine grundlegende Erfahrung in einer funktionierenden Gemeinschaft.
Wir haben beim sexuellen Verhalten unserer Gäste eine interessante Erfahrung gemacht: Meistens sind es die Männer, die mit der freien Sexualität anfangen. Sie glauben aber, daß sie das ihrer Freundin oder Frau nicht zumuten können, und brauchen deshalb Ermutigung von uns. Nach kurzer Zeit trauen sich auch die Frauen – und jetzt kommt die Überraschung: Sie tun es mit solcher Freude, daß es ihren Männern oft zu viel wird. Nicht die Frau, sondern der Mann neigt zur Eifersucht, wenn die alten Schranken fallen.
Zur freien Sexualität muß ich etwas sagen, was oft vergessen wird: Sie funktioniert nur in einer humanen Weise auf der Grundlage von KONTAKT und VERTRAUEN. Es geht nicht um wahllose Polygamie, sondern um ein gegenseitiges Einverständnis auf der Grundlage des Vertrauens zwischen Partnern, die sich respektieren. Daraus ergibt sich eine Ethik, die nach und nach von allen eingehalten wird, es ist vor allem die Ethik der Wahrheit, der Solidarität und der gegenseitigen Unterstützung. Diese Ethik ist die Grundlage für das Funktionieren einer Gemeinschaft. Dazu kommt die Entwicklung des erotischen Feingefühls. Wenn sich eine Frau einem Mann sexuell offenbart, dann sollte er nicht gleich zur nächsten rennen, denn er hat gerade ein Geschenk erhalten, welches er beantworten sollte. Freie Sexualität ist Lust und Freude, aber sie ist auch Verpflichtung. Im Augenblick einer sexuellen Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau begegnen sich immer auch die zwei Hälften der Menschheit. Wer hier richtig handelt, leistet einen Dienst an der Menschheit.

DD mit S-LichtenfelsWelche Erfahrung hast du persönlich mit der freien Liebe in Tamera gemacht? Warst du jemals eifersüchtig?
Ich lebe und arbeite seit 36 Jahren mit meiner Partnerin, Sabine Lichtenfels, zusammen. Wir lebten von Anfang an beide in freier Sexualität. Zweimal hat sie einen anderen Mann geliebt. Ich war nicht eifersüchtig, denn beide Männer gefielen auch mir. Sabine ist eine schöne Frau und gefällt natürlich vielen Männern, es wäre verrückt, wenn sie nur mir “gehören” würde. Aber wir sind uns vollkommen treu, halten für immer zusammen, jetzt und in alle Ewigkeit, danke und amen.
Es ist wichtig, daß das Gesetz der Liebe verstanden wird. Es ist nicht die sexuelle Ausschließung anderer, die wir brauchen für eine dauerhafte Partnerschaft, sondern es ist die Wahrheit, das Vertrauen, die Anteilnahme und die totale Solidarität.

Kann der „dritte Weg“, die Verbindung von freier Sexualität und Ehe, auch in einer Stadt wie Sao Paulo oder Berlin praktiziert werden?
Ja, es ist möglich, aber es ist schwer. Eine Großstadt sendet so viele verrückte Signale, daß ein wirklicher Kontakt zu wirklichen Menschen nur selten zustande kommt, alles bleibt anonym. Unter diesen Bedingungen entsteht sehr schnell die Eifersucht. Aber auch in einer Großstadt kann eine gute Gemeinschaft aufgebaut werden. Das ist ja eine Bedingung für den Erfolg der globalen Revolution. Die Prinzipien des Gemeinschaftsaufbaus sind überall ungefähr dieselben. Wenn ihr ein gemeinsames Ziel habt mit einer hohen Zielenergie und wenn ihr euch einigen könnt auf die Erlaubnis der freien Sexualität – immer in Verbindung mit der Ethik von Wahrheit und Vertrauen – wenn ihr das zustande bringt, dann kommt der “dritte Weg” wie von selbst. Ich wünsche euch viel Glück auf diesem Weg.
Ich möchte es noch einmal unterstreichen: Die Grundlage der freien Sexualität ist das Vertrauen. Das ist ein leichtes Wort, aber es enthält den Schlüssel für das Gelingen der weltweiten Revolution. Vertrauen ist nicht einfach da, es muß geschaffen werden. Nach einer vieltausenjährigen Kriegsgeschichte hat sich die Struktur des Mißtrauens tief in die menschlichen Beziehungen eingegraben. Wir brauchen neue soziale und ethische Strukturen, die den Einzelnen nicht mehr zur Lüge zwingen. Wir alle waren zur Lüge gezwungen: Lüge in der Ehe, Lüge im Beruf, Lüge im öffentlichen Leben, überall. Lüge und Betrug sind Überlebensbedingungen der heutigen Zivilisation geworden. Deshalb gibt es kaum noch ein wirkliches Vertrauen. Der Gedanke, eine neue Kultur auf der Grundlage des Vertrauens aufzubauen, ist neu, radikal und revolutionär. Vertrauen ist kein Privatproblem, Vertrauen ist die revolutionärste politische Vokabel, die es heute gibt. Wenn wir Vertrauen erzeugen wollen, müssen wir alle gesellschaftlichen Strukturen umkrempeln, bis in die Ehebetten hinein. Und diese Umkrempelung nennen wir Revolution. Das Wort kommt vom lateinischen “revolvere”, und das heißt umdrehen. Das wollen wir tun.

 

Sabine Lichtenfels:

Wie wird die Idee der freien Sexualität in Tamera praktiziert?
Es gibt eine Art Liebesschule. Hier lernen und studieren wir, was es heißt, wahr zu werden im Bereich von Liebe und Sexualität. Es gibt dabei ethische Richtlinien. Wahrheit in der
Liebe, kein Betrug in den Beziehungen, Transparenz und gegenseitige Unterstützung. Vor allem entwickeln wir Vertrauensräume, wo wir die sexuelle Wirklichkeit überhaupt verstehen lernen. Es gibt keinen Bereich, wo so viel geschwiegen und gelogen wird, wie im Bereich von Liebe und Sexualität. Mit diesen Themen arbeiten wir. Wahrheit in der Liebe ist eine Revolution. Ich lebe seit 35 Jahren in einer offenen Partnerschaft und die wichtigste Erfahrung war: Wahrheit in der Liebe verleiht dem Eros Flügel.

Was sind die Vorteile der freien Sexualität?
Es geht bei der Frage der freien Sexualität nicht um die Frage von Vor- oder Nachteil. Es geht eher darum, die Sexualität in ihrem Wesen zu ergründen und ihr einen Lebensraum zu schaffen, wo sie nicht mehr zerstörend wirken kann. Der Eros ist von seinem Wesen her anarchistisch. Kein Mensch läßt sich besitzen. Nur weil wir so tief von Verlustangst geprägt sind, wollen wir einen Menschen für uns besitzen, das entspricht aber nicht dem Wesen der Liebe, sondern zerstört sie nur.
Sie haben mit dem Eros dasselbe gemacht, wie mit den Flüssen. Sie haben ihn kanalisiert, eingepresst in Käfige. Der Eros muss sich frei bewegen können, um sich seinem Wesen
gemäß bewegen zu können. Wird das Wasser gestaut, so richtet es verheerende Zerstörungen an, wird es falsch behandelt, kommt es zu riesigen Überschwemmungen. Ähnlich ist es mit dem Eros. Er ist nur „erlaubt“ in der Ehe, da das seinem Wesen nicht wirklich entspricht, erlischt er nach einer Zeit. Da er außerhalb der Ehe unterdrückt und verboten ist, kommt es zu dem ganzen gesellschaftlichen Untergrund, Gewalt, Folter, Depression, Krankheit, Mord, Selbstmord u.s.w. sind die Folge. An ungelösten Liebeskonflikten sterben heute mehr Menschen als an Autounfällen. Missbrauch, Gewalt in der Ehe, Lüge und Betrug – alles das ist die Folge von einem Liebessystem, das die Menschheit errichtet hat, das ihrem wahren  Wesen nicht entspricht. Wenn wir Systeme für die Liebe schaffen wollen,  dann müssen wir dafür sorgen, dass die Systeme so errichten sind, dass Wahrheit und Vertrauen möglich sind. In diesem Sinn betonen wir immer wieder Partnerschaft und freier Eros schließen sich nicht aus, sie bedingen einander.

Was sind die größten Schwierigkeiten, die neue Menschen in Tamera im Bereich der freien Liebe haben? Welche Probleme treten am häufigsten auf?
Viele Menschen verstehen nicht die politische Dimension des Themas. Sie suchen private Therapie, sie denken, dass sie schnellen Sex in Tamera finden können, den sie zu Hause nicht bekommen. Das ist es aber nicht, was Tamera bietet. Tamera zeigt auf, dass wir vollkommen neue soziale Strukturen brauchen, neue gesellschaftliche Systeme, in denen die Liebe frei von Angst gelebt werden kann. Wir sind ein Forschungszentrum für den Aufbau einer neuen Kultur wo Friede möglich wird. Wir zeigen auf wie der Krieg in der Liebe geheilt werden kann, in dem wir Vertrauensgemeinschaften errichten. Man kann das Wesen der Liebe studieren, sie hat ihre eigene Funktionslogik, und wenn man sie beginnt zu verstehen, kann man beginnen mit einer neuen Lebenspraxis. Da wir als Menschen selbst die „Objekte“ der Forschung sind, ist es nötig, dass wir bereit sind zur Arbeit an uns selbst, zur Selbstveränderung. Der einzige Mensch, den wir wirklich verändern können, sind wir selbst. Das bedeutet, dass wir bereit sein müssen, uns unseren Schattenseiten zuzuwenden. In den Menschen, die das erste Mal nach Tamera kommen, löst das natürlich viele Bewegungen aus, sie kommen mit Themen in Berührung, die sie zur Seite gestellt hatten, sie beginnen ihr Leben, das sie führen, an manchen Stellen in Frage zu stellen, sie erkennen die Bedeutung der Gemeinschaft. Um den Eros wirklich frei leben zu können, brauchen wir lebendige Gemeinschaften, in denen unsere Liebe eingebettet ist.

Ausgehend davon, dass 170 Menschen in Tamera leben, wie hoch ist der Prozentsatz der Menschen, die in Monogamie leben, wie hoch der von polygam lebenden Personen und wie hoch der von Menschen, die beides leben, sozusagen den dritten Weg gewählt haben?
Es gibt in Tamera alle Formen von Beziehungen. Allerdings ist es meistens so, dass Liebespaare die Monogamie nur für eine bestimmte Zeit wählen, dann beginnen sie meistens, sich auch für andere zu öffnen. Viele entdecken auch, dass sie gar nicht auf der Suche sind nach einem persönlichen Partner und eher polygam leben möchten. Freie Liebe kennt diese alten Gesetze nicht: Solange die Monogamie für dich eine erfüllende Form ist, lebe sie. Zum Problem wird sie erst, wenn sie eingefordert wird, wenn sie mit Erpressung begleitet ist, mit Heimlichkeit, Betrug und Lüge. Freier Eros ist keine Frage, ob du monogam, zölibatär, polygam,homosexuell oder heterosexuell leben willst, es ist die Frage: bist du bereit zu Wahrheit und Transparenz. Dem wird in Tamera viel Aufmerksamkeit gegeben. Erst nach einigen Jahren entscheiden sich die meisten zu einer vertieften Partnerschaft, viele leben dann für eine Zeit in Monogamie und öffnen dann nach und nach ihre Beziehungen für andere. Ich lebe seit über 30 Jahren in einer offenen Partnerschaft Wir lieben beide das Abenteuer mit anderen. Es ist wunderbar, nach Hause kommen zu können und sich wirklich darüber auszutauschen, was man mit einem anderen erlebt hat. Es ist eine vertiefende Erfahrung in der Partnerschaft, wenn diese Erfahrung nicht mehr mit Verlustangst verbunden ist. Es ist ein Weg, bis man dorthin gelangt. Diese Erfahrung hat unseren Eros enorm bereichert und vertieft. Wer dies einmal erfahren hat, der weiß, dass wirkliche Partnerschaft ein Modellfall in der Liebe ist, an dem sich viele bereichern können. Eros ist ein unendlicher Quell, der nicht versiegt, wenn er richtig behandelt wird. Er möchte sich bewegen, mäandern, aber auch ruhen und vertiefen. Viele Menschen sehnen sich nach dieser Art von Treue in der Liebe und wir arbeiten in der Liebesschule daran, dass diese klaren und wahren Partnerschaften möglich werden.

DDlinks_SLrechts_1983Wie ist deine persönliche Erfahrung mit freier Liebe in Tamera? Warst du jemals eifersüchtig?
Ich war verheiratet, bevor ich nach Tamera kam, ich kannte die Fallen der Ehe. Ich war bewusst auf der Suche nach ganz neuen Formen. Als ich Dieter Duhm, meinen Lebenspartner kennenlernte, war ich nicht auf der Suche nach Partnerschaft. Ich hatte den Traum, einmal ein Dorf zu gründen, in Gemeinschaft zu leben. Er war auf der Suche nach Menschen, die mit ihm zusammen eine Gemeinschaft gründen wollten. Es war ein großes Geschenk, sich gegenseitig so frei entdecken zu können. Ich habe in ihm das „Wesen“ eines Mannes kennengelernt. Ich habe die sexuelle Natur des Mannes kennengelernt, ohne ihn an mich binden zu wollen. Wir konnten durch die Stadt gehen und er konnte mir vollkommen frei erzählen, welche Frauen ihm gefallen. Es war herrlich, sich das so frei mitteilen zu können. Gleichzeitig hatten wir wunderbaren Sex miteinander. Erst im Laufe der Jahre haben wir uns dann in aller Tiefe als die „Partner“ füreinander entdeckt. Wer in einer Partnerschaft eintritt, trifft dann natürlich auch auf die Schattenseiten des anderen. Treue entscheidet sich an der Frage, ob wir dann beieinander bleiben, ob wir mit der Arbeit aneinander und miteinander beginnen. Ich entdeckte dann noch einmal neu die Eifersucht, die ich schon für überwunden glaubte. Aber ich habe meinen Partner damit nicht erpresst. Er hätte sich auch nicht erpressen lassen. Wir haben uns gemeinsam auf die Frage der Heilung konzentriert – wie entsteht wirkliches Vertrauen untereinander. Dies ist ein langer Weg, ein Weg, der niemals zu Ende ist. Wir haben ja alle unsere menschheitlichen Wunden, unser Trauma. Es dauert lange, bis wir aufhören zu projizieren. Ich habe fürher oft den strafenden Vater in meinen Geliebten projiziert. Der Mann ist dann dem wütenden Monster in uns Frauen, die sich gegen den „Patriarchen“ den strafenden Vater wehren, hilflos ausgeliefert. Bis wir den Film als Film erkennen, bis wir unsere Wut erkennen und sie nicht mehr gegen unsere Partner richten. Mein Partner ist Vater meiner Tochter Vera und er ist gleichzeitig Vater von ihrer Halbschwester Mara. Wir Frauen mussten durch einige Prozesse miteinander gehen, daraus ist eine tiefe Freundschaft entstanden und die beiden Mädchen stehen in einem ganz anderen Vertrauen in der Welt, als sie da stehen würden, wenn sie den üblichen Trennungsschmerz der Eltern erfahren hätten, die sich schieden lassen, weil eine neue Geliebte in ihre Welt getreten ist. Ich bin sehr dankbar für alle diese Erfahrungen und habe viel gelernt daran.

Leben Sie lieber polygam oder monogam? Warum?
E
s gab Zeiten, da haben wir uns so tief gegenseitig entdeckt, da war es wichtig, dass wir beieinander bleiben. Allerdings waren wir eigentlich nie voll monogam, sondern eigentlich immer in diesem beweglichen Fluss. Aber in den Zeiten, wo ich nur nach ihm erotisch verlangt habe, bin ich auch nicht zu anderen gegangen. Das war irgendwie selbstverständlich, und umgekehrt auch. Meistens aber war es so, dass unsere Erfahrungen so bereichernd waren, dass man sie auch mit anderen teilen wollte. Wenn wir irgendwo allein in einem Haus in der Stadt gelebt hätten, ich glaube nicht, dass wir heute noch beieinander wären. Wir sind beides sehr schöpferische Menschen, wir brauchen Kunst, Austausch, Gemeinschaft, um uns ganz entfalten zu können. Ich glaube die Frage, warum, habe ich oben schon genügend beantwortet.

Kann man diesen Dritten Weg – Partnerschaft und freie Sexualität – auch in Großstädten wie São Paulo oder Berlin praktizieren? Wenn ja, wie?
Das ist eine heiße Frage. Ich kenne immer mehr Paare, die das wollen und die es auch versuchen. Sicher ist es möglich, aber es ist kein einfacher Weg. Persönlich denke ich, dass freier Eros die Gemeinschaft braucht, um sich frei entfalten zu können, denn er ist nur möglich auf der Basis von Vertrauen. Wir bekommen oft gesagt: Ja, ihr habt es gut, ihr habt ja auch Gemeinschaft. Aber auch wir waren nur zu dritt, als wir begonnen haben. Die Gemeinschaft ist eine natürliche Folge von dem Versuch, den freien Eros zu leben. Wahrheit, Transparenz, keine Rache, Räume, wo wir uns unsere Erfahrungen gegenseitig mitteilen können, all das sind wichtige Elemente, um sich in das anarchistische Wesen des Eros vorzuwagen. In der ’68er Bewegung haben viele den „freien Sex“ auf ihre Fahnen geschrieben, ohne zu wissen, wie er funktioniert. Es kam zu vielen gegenseitigen Verletzungen, Trennungen, Eifersucht, Wut, Enttäuschung usw. waren die Folge. Ich kann es nicht genug betonen, dass es nicht um das schnelle Abenteuer geht, sondern um den Aufbau vollkommen neuer sozialer Strukturen, wo die Liebe dann wirklich angstfrei und im Vertrauen gelebt werden kann. Wenn also ein Paar sich öffnen möchte für die freie Sexualität, dann würde ich das behutsam tun und nur im gegenseitige Einverständnis. Wie oft gehen Männer fremd, tun dies heimlich mit der Begründung: „Meine Frau versteht das nicht.“ Später fliegt die Geschichte auf, Hass und Trennung sind die Folge. Ich kann nur sagen, dass wir es lernen müssen, uns voreinander zu offenbaren, so dass Wahrheit möglich wird. Das Gefäss der Ehe ist dafür meistens viel zu klein, weil alte Ängste und Verletzungen an die Oberfläche gespült werden. Es braucht Freunde, die mithelfen, dass wir uns gegenseitig die volle Wahrheit mitteilen können. Unsere Gesellschaft ist ja von ihrer ganzen Struktur so aufgebaut, dass Wahrheit in der Liebe gar nicht möglich ist.Wir sind alle gezwungen, unsere Rollen zu spielen. Es ist ein langer Weg, gemeinsam bis zur Wahrheit vorzudringen. Gemeinschaft ist das Gefäss, das diesen Weg möglich macht.

 

Weitere Informationen: Freie Sexualität und Partnerschaft, ein Text von Dieter Duhm

 

 

 

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