Wir weigern uns, Feinde zu sein

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Trotz fortgesetzter Bombardierung: Visionscamp für Israel-Palästina endet hoffnungsvoll

Bomben, die wahllos Spielplätze, Flüchtlingslager, ganze Straßenzüge zu Ruinen machen.
Kinder, die in diesen Ruinen verbluten. Zehntausende Menschen ohne Schutz und Obdach. Überfüllte Krankenhäuser und zu Tode erschöpfte Ärzte. Operationen, die bei Handybeleuchtung durchgeführt werden, da nach der Zerstörung des einzigen Elektrizitätswerkes von Gaza der Strom ausgefallen ist. Auf der anderen Seite die uralte Angst eines ganzen Volkes vor Tunnelsystemen, Angriffen und Ausrottung, die täglich aufs Neue aktiviert wird. 85 % der israelischen Bevölkerung, die laut Umfragen für den Krieg sind. Entmenschlichung, Dämonisierung und Hass auf beiden Seiten. Eine völlig an den Rand gedrängte Friedensbewegung, ohnmächtig, beschimpft, bedroht. Und dann Volkswirtschaften wie USA oder Deutschland, die ihre Waffenexporte bis zu einem Viertel in einem Jahr erhöht haben, und ein Flugzeug mit Medikamenten für Gaza, das nicht landen darf.
Kein offenes Herz kann diese Nachrichten ertragen – ohne zu handeln.

Sabine Lichtenfels, die Mitgründerin des Friedensforschungszentrums Tamera, Portugal, initiierte gemeinsam mit der Initiative für ein Friedensforschungsdorf (PRV) inmitten dieser Situation ein Visionscamp in der Westbank. Es hatte vor allem ein Ziel: Menschlichkeit, Vertrauen und Austausch beider Seiten in Gang zu bringen und zu halten. Auch internationale Flugstreichungen nach Tel Aviv konnten sie nicht aufhalten, sie ließ nicht locker, bis sie und ihr Team die letzten Plätze einer ausgebuchten israelischen Maschine ergattert hatten. Schließlich trafen sich 50 FriedensarbeiterInnen aus Palästina, Israel und anderen Ländern vom 24. bis 29. Juli auf einem völlig offenen Gelände bei Bethlehem.

Parallel zum ersten Tag des Treffens erhob sich die Bevölkerung der Westbank: zehntausend Menschen marschierten von Ramallah nach Jerusalem. In gewaltsamen Zusammenstößen mit dem Militär wurden mehrere Palästinenser erschossen, drei davon in Sichtweite des Camps. “Es waren Friedensarbeiter”, sagten die Nachbarn – “Terroristen”, die Soldaten. So weit auseinander gehen die Ansichten über fast alles in dieser Region.
Die Teilnehmer tagten, aßen und schliefen unter freiem Himmel bei einfachsten Bedingungen. Ihre Frage war: “Was können wir tun, um die Gewalt, den Hass und die Angst zu beenden?” Der Platz des Treffens sowie Namen und Fotos der palästinensischen Teilnehmer wurden nicht veröffentlicht. In der palästinensischen Gesellschaft wird jeder Kontakt mit Israelis als “Normalisierung” verurteilt. Die Angst, das Camp könnte überfallen werden, bestätigte sich jedoch nicht.

“Ich habe es nicht ausgehalten, alleine zu Hause die Nachrichten zu schauen. Ich musste irgend etwas tun”, sagt Gabriel Meyer aus Israel, Initiator der Sulha-Bewegung. Friedensaktivisten beider Seiten sind müde – manche sogar verzweifelt und ausgebrannt, fühlen sich hilflos angesichts der Gewalt, sind zur Minderheit einer Minderheit in ihrem eigenen Land geworden.
“Wir müssen herausfinden, warum wir als Friedensarbeiter versagt haben”, meint Sami Awad, Leiter des Holy Land Trusts und Lehrer für Gewaltfreiheit in Bethlehem. “Wir erfahren brennenden Hass, auf beiden Seiten. Ich kann an keine Lösung glauben, die nur auf der Einigung von Regierungen beruht. Wir müssen den Hass selbst auflösen, eine Versöhnungsarbeit, die bei den Individuen und auf Gemeindeebene ansetzt.”

Zunächst war es nicht einfach. Weltanschauungen prallten aufeinander, Ängste und Schuldzuweisungen, Ratlosigkeit und Zorn. Einige wären am liebsten gleich wieder abgefahren. “Wir haben genug geredet, wir müssen etwas tun!” war vor allem von palestinensischer Seite immer wieder zu hören, doch was, wussten sie nicht.
Tiefes gegenseitiges Zuhören war das wichtigste Element dieser Tage. Sabine Lichtenfels, die die Gespräche mit großer Kraft und Geduld begleitete: “Es ist wesentlich, dass wir den Schmerz und die Angst des Gegenübers wahrnehmen und nicht zu schnell Antworten und Ratschläge geben. Wir müssen wagen, an den eigenen inneren, manchmal schmerzhaften Punkt des Nicht-Wissens (zu) gelangen – dann erst werden wir offen sein für wirkliche Antworten und Lösungen.”

Ali Abu Awad, der Besitzer des Landes, auf dem sie tagten, saß als junger Mann im Gefängnis, sein Bruder war von Soldaten erschossen worden. Anfangs voll Rachedurst, fand er schließlich eine tiefe Entscheidung für Gewaltfreiheit. “Ich habe realisiert, dass kein noch so starker Racheakt mir meinen Bruder zurück geben wird. Ich habe die Opferrolle verlassen.”

Solche Begegnungen zwischen beiden Gesellschaften wurden zuletzt immer seltener. Jahrzehntelange Kriegspropaganda auf beiden Seiten sowie das geschichtliche Trauma haben in der ganzen Region ein explosives Gemisch an Nicht-Kommunikation, Misstrauen, Angst erzeugt. Jede extremistische Regierung, die Krieg will, kann ein solches Gemisch für ihre Zwecke entzünden. Die wirtschaftliche Interessen bleiben dann im Hintergrund. “Wer keinen Krieg will, braucht eine Vision für den Frieden”, sagt Sabine Lichtenfels. Dazu gehören Orte, in denen Vertrauen und Menschlichkeit stärker sind als Angst und Hass.
Immer mehr Friedensaktivisten aus Israel und aus der Westbank besuchten das Camp, nahmen an Gesprächen teil, pflanzten Bäume, berieten, hörten zu. “Hier kann ich seit Wochen zum ersten Mal frei atmen”, sagt eine Besucherin aus dem Norden des Landes. Auch Internationale kamen – ein Japaner stellt seine Idee einer Pilgerschaft von Hiroshima nach Gaza vor. (Earth-Healing-Caravan, Summer 2015)
Ein humanitärer Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas hielt wenig mehr als einen Tag. Ali Abu Awad berichtet: “Heute wurden auf einem Spielplatz in Gaza 10 Kinder von Bomben getötet. Das ist ein großes Verbrechen, und wir alle tragen die Schuld daran, nicht nur eine Seite. Der größte Feind der Palästinenser ist die Angst der Israelis. Der größte Feind der Israelis ist das Leiden der Palästinenser unter der Besatzung. Der größte gemeinsame Feind ist der Hass.”

Am Abschlussabend sitzen Nachbarn, Siedler, Friedensarbeiter, Musiker, Internationale gerade zusammen und segnen das Brot, als die Sirenen heulen. Hier gibt es keine Bunker, nur freies Feld. Doch die Besucher bleiben gesammelt. Auch keine Schuldzuweisungen oder Angstausbrüche. Dann fliegen Raketen aus Gaza über ihre Köpfe hinweg wie Sternschnuppen, werden abgefangen vom Abwehrschild der israelischen Armee. Es ist wie ein Symbol: In diesem Camp wird eine Frequenz gefunden, die Trennung zu überwinden – und damit auch die Angst. So kann auf lange Sicht auch der Krieg überwunden werden.

Sami Awad: “Eines ist ganz wichtig: Wir brauchen eine internationale Öffentlichkeit, die nicht Stellung für eine Seite übernimmt und mehr Verständnis für sie hat als für die andere. Wir brauchen Partner in der Welt, die das Ganze halten – die für Israel sind UND für Palästina und vor allem für Frieden und Gerechtigkeit.”

Für die Teilnehmer ist eines klar: Der Krieg in Gaza und Israel ist kein lokaler Konflikt, sondern ein weiterer Ausbruch des globalen Kriegssystems, ebenso wie Syrien und die Ukraine. Sie werden daher auch an einer globalen Lösung arbeiten, einer Transformation der Kriegsgesellschaft einschließlich ihrer ökonomischen, ökologischen, sozialen Aspekte. Die 100.000 Menschen, die über Twitter und Facebook erreicht wurden, zeugen von der globalen Ausrichtung dieser Arbeit.

Awad: “Fünf Tage Visionscamp haben das Potential der Region gezeigt, ein immenses Potential von Versöhnung und tiefer Menschlichkeit. Wir brauchen solche Orte dauerhaft.”
Einige der Teilnehmer planen als konkretes Projekt den Aufbau eines Friedensforschungsdorfes (PRV), ein reales Modell für eine Gesellschaft, in der Vertrauen und Menschlichkeit stärker sind als Angst und Hass, ein Modell des Zusammenlebens zwischen Israelis und Palästinensern. “So schwierig das im Moment zu sein scheint, während der fünf Tage haben wir gemerkt, dass es genau das am dringendsten braucht”, meinte eine Teilnehmerin aus Jerusalem.
Das Team zum Aufbau eines PRV verdient jede Art von Unterstützung.

Mehr über das Camp: s//www.facebook.com/aVisionCampinIsraelPalestine?fref=ts
Mehr über das PRV: www.prvme.org
Mehr über Sabine Lichtenfels: www.tamera.org
Mehr über Sami Awad: www.holylandtrust.org

 

 

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