“Blueprint”-Treffen in Tamera: Für eine wirksame und nachhaltige Hilfe in Krisenregionen

en de
“Blueprint” heißt Blaupause,
und die Idee besteht darin, erprobte Methoden und Techniken zu einem Modell und einer Blaupause zusammenzusetzen, so dass ein ganzheitliches, nachhaltiges System entsteht.

Im September kam in Tamera eine Gruppe von Spezialisten, Unternehmern und Vertretern von Hilfsorganisationen zum so genannten “Blueprint”-Treffen zusammen, um über eine Kooperation für nachhaltige Hilfsmaßnahmen in Krisen- und Katastrophengebieten zu sprechen. Eingeladen hatte die Brasilianerin Ruth Andrade, die bei der Bestattung ihres Mannes Paulo Mellett dessen Freunde und Kooperationspartner aufgerufen hatte, das Werk des Aktivisten und Ökologen als Team fortzusetzen.

Viele Hilfsorganisationen kennen das Problem: Soforthilfe nach Katastrophenfällen und Kriegen ist notwendig – und lähmt doch in vielen Fällen die Mechanismen, die zu einer sozialen und ökologischen Rekultivierung der Region führen. Was heißt Hilfe – und wie muss sie aussehen, um nachhaltige Strukturen zu unterstützen? Wie werden so essentielle Elemente für die Selbständigkeit – die Wasserkreisläufe, das traditionelle Wissen wie z.B. regionaler Anbau und Verarbeitung von Lebensmitteln, erneuerbare Energiequellen sowie gewachsenen Handels- und Produktionsstrukturen – erhalten und nicht noch weiter zerstört? Wie helfen wir zerstörten Regionen und Flüchtlingen bei der Regeneration und Heilung?

Seit kurzem versuchen erste Hilfsorganisationen, die Erfahrungen von Ökodörfern und Gemeinschaften in ihre Arbeit mit einzubeziehen. GEN – das Global Ecovillage Network – arbeitet an dem Programm “EmerGENcy Protocol” um auf Krisensituationen reagieren zu können, denn Ökodörfer sind seit Jahrzehnten “Laboratorien der Zukunft”: Sie erproben im realen Zusammenleben einfache, kostengünstige und dezentrale Maßnahmen in Kooperation mit der Natur. Die wichtigste Ressource für jede Rekultivierung ist soziales Wissen. Die Erfahrung vieler Hilfsorganisationen zeigt: ökologisches und technologisches Wissen allein kann nicht nachhaltig sein, es braucht auch Wissen über Gruppendynamik, Konfliktlösung, soziale Nachhaltigkeit, die Dynamik der Geschlechterrollen und gemeinsame Entscheidungsprozesse, damit ein Projekt gelingt.

Was bedeutet Blueprint?
“Blueprint” heißt Blaupause, und die Idee besteht darin, erprobte Methoden und Techniken zu einem Modell – Plan für ein Dorf zusammenzuführen.
Bernd Müller, Direktor des Globalen Ökologie Institutes von Tamera erklärt:
„Das Blueprint ist ein Masterplan für regionalautarke, regenerative Gemeinschaftsentwicklung. Es wurde so entworfen, dass es den unterschiedlichsten Situationen und Klimaverhältnissen angepasst werden kann.“
In den Aufbau eines solchen Modells fließt soziales, ökologisches, technisches Wissen gleichermaßen ein. In jeder Siedlung werden Module verwendet, die das optimale Verfahren in diesen Gebieten darstellt.
Solche Module sind zum Beispiel solare Kochanlagen und Mini-Biogas-Anlagen, natürlichen Wassersystemen, Komposttoiletten, Gebäuden aus lokal vorhandenen Baustoffen, dezentraler Lebensmittelautarkie und solarer Stromversorgung, die alle gemeinsam regionale Autarkie in Kooperation mit der Natur möglich machen.
Die ersten Modelle können zu Vorführungszwecken und Experimenten nach diesem Plan gebaut werden.
Die Experimentierphase für das Modell sollte aber nicht nur einer Krisenregion stattfinden, sondern auch in einer sicheren Region, von einer erfahrenen Gemeinschaft bewohnt, benutzt und so lange verfeinert, bis das Gesamtsystem funktioniert und verallgemeinerbare Schlussfolgerungen zulässt. Diese können sofort für die Hilfe in Katastrophenregionen, Flüchtlingslagern, sowie in anderen Krisengebiete im globalen Süden angewandt werden. Es soll von Anfang an als Ausbildungs- und Trainingszentrum dienen, in dem ganzheitlichen Prinzipien erfahrbar werden.

Die Teilnehmer des „Blueprint“- Treffens
Gastgeber des Treffens war der Autarkierat von Tamera, Bernd Müller, Barbara Kovats, Koordinatorin des Solar Village Testfelds; Christoph Ulbig, ein Kernträger des Ökologieteams und Bernd Müller.
Unter den Teilnehmern des ersten “Blueprint”-Treffens in Tamera war Simon Constantin, der Sohn der Gründer der Firma Lush und Mitinitiator des Sustainable Lush Funds (Slush), der Solar-Erfinder Jürgen Kleinwächter, Sibylle Culhane, die mit ihrem Mann Thomas Mini-Biogasanlagen in Slums und Krisengebieten aufbaut, Ingenieur J C Abrahams, der natürliche Abwassersysteme entwickelt, sowie Magnus Wolfe Murray und Bee Bowen, die in Pakistan mit dem Wiederaufbau nach Naturkatastrophen beschäftigt sind. Auch Peter Mellett, Paulos Vater, war gekommen.
Für Ruth Andrade war die Initiierung des ersten „Blueprint“- Treffens eine logische Fortsetzung von Paulo’s Arbeit.

Zentrales Wissen über Wasser und über Gemeinschaft
Barbara Kovats: “Mit unserem Projekt Biosphäre 3 entsteht auf einem Teil von Tamera ein solches Modell: eine Siedlung, die teilweise schon jetzt mit öko-technologischem Hightech ausgestattet ist. Die Gemeinschaft, die darin leben wird und die Anlagen im täglichen Leben testet, profitiert von der Erfahrung von über 30 Jahren Gemeinschaftswissen. Viel zu oft haben konnten wir beobachten, dass geniale Technologien nicht angewendet werden konnten, weil die Menschen sich in sozialen Themen wie Anerkennung, Hierarchie, Geld usw. verstrickt haben. Aus solchen Gründen erreicht möglicherweise die vorhandene Hilfe nicht diejenigen, die sie brauchen.“
„Wir möchten unsere Erfahrungen in vollen Umfang an alle Menschen weitergeben, die diese Informationen brauchen, zum Beispiel denjenigen, die Katastrophenhilfe leisten.Daher exportieren wir nur das, was wir selbst erprobt haben und als Verbesserung empfinden. Ein Entwicklungshelfer, der Komposttoiletten oder Solarkocher empfiehlt, diese aber im eigenen Leben nie benutzt, ist nicht wirklich überzeugend. Aber ein Modell, das von einer erfahrenen Gemeinschaft , freiwillig, mit Freude und Gewinn bewohnt wird und als Ausbildungsstätte dient, ist in der Lage, ein neues Leitbild authentisch zu vermitteln – für Nachhaltigkeit, Wahrheit, sozialen Zusammenhalt und regionale Autonomie.”

Vielschichtige Herausforderungen in der Praxis
Wie vielschichtig die Fragen sind, mit denen Helfer in der Praxis konfrontiert werden, zeigt das Beispiel von Bee Bowen aus ihrem Einsatzort Pakistan. Sie hilft beim Wiederaufbau traditioneller Lehmbauten nach Überschwemmungen. Jahrhunderte lang dienten die Lehmhäuser den Bewohnern optimal. Seit einiger Zeit aber widerstehen sie nicht mehr den Fluten, der Lehm löst sich auf, die Häuser stürzen ein. Im normalen kapitalistischen Denken würde Lehm kurzerhand durch Beton ersetzt. Dieser hält zwar dem Wasser stand, ist aber bei Erdbeben eine Todesfalle und macht darüber hinaus die Menschen abhängig von der industriellen Produktion. Auf diese Weise zerstört man gewachsene Strukturen und lokale Ökonomien. Durch sorgfältiges Hinschauen und Gespräche mit den alten Leuten der Region fand Bee heraus, dass die Lehmhäuser einstürzten, seitdem man kalkfreien Lehm benutzte und nicht mehr den traditionellen, mit Kalk versetzten Lehm, der das Wasser abweist. In ihrem Projekt bezieht sie altes Wissen in den Wiederaufbau mit ein.
Magnus Wolfe Murray, der in der pakistanischen Provinz Sindh nachhaltige Hilfe in Kooperation mit regionalen Initiativen organisiert, beschreibt die Verbindung der verschiedenen Mangelsituationen: “Durch die häufigen Überschwemmungen hat sich die Landschaft verändert. Früher war dort Wald, jetzt wächst so gut wie kein Baum mehr, 90% der Menschen sind mangelernährt, die große Mehrheit kann nicht lesen und schreiben; und in der Notsituation wächst die Gewalt gegen Frauen und Kinder.Wenn ich die unerträgliche Armut und die Not der Menschen sehe, denen durch die Überschwemmungen alles genommen wurde, oder die schwierige Situation der Frauen, dann muss ich mich zwingen, mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren: auf den kleinen Ausschnitt, wo ich etwas tun kann.”
In einer solchen Situation, die jeder Entwicklungshelfer oder Friedensaktivist kennt, würde die Kooperation mit einem Gesamtmodell, einer Blueprint helfen: Jede Teillösung, mit der man beginnt, ist ein Schritt für die Verbesserung der Lebensgrundlage der Menschen. Und während man noch Dörfer wieder aufbaut, die Überschwemmungen zum Opfer fielen, entstehen schon Pläne für ein natürliches Wasser- und Bodenmanagement, das Überschwemmungen in Zukunft verhindern könnte.
So könnten Hilfsorganisationen anfangen an langfristigen Lösungen für den regionalen Wiederaufbau zu entwerfen, während sie an den Symptomen des Problems arbeiten.
In den zweieinhalb Tagen intensiver Gespräche erarbeiteten die Teilnehmer die Voraussetzungen für eine vielversprechende Kooperation. So entstand auch die Vision, zwei Pilot-Siedlungen aufzubauen – eine in Tamera und eine in einem Überschwemmungsgebiet in Pakistan – als Ausbildungs- und Trainingsstätte sowie als Modell für Nachhaltigkeit und Autonomie, die angepasst an die jeweiligen Verhältnisse weltweit angewandt werden kann.
Im Namen aller Menschen, die dringend Hilfe brauchen, im Namen aller Kinder, bedanken wir uns bei Paulo Melletts großem Engagement, das über seinen Tod hinaus diese besondere Gruppe von Menschen zusammen führt. Und wir bedanken uns bei Ruth Andrade, ihrer Seelengröße und Weitsicht, dass sie Tamera als Ort des Treffens gewählt hat.

Share your thoughts:

Your email address will not be published. Required fields are marked *