Polens Pioniere in Bewusstsein und Sexualität

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Bericht über eine Konferenz in Polen zum Thema “Wiederverbindung von Sexualität und Bewusstsein” 

Als Vertreterin der Globalen Liebesschule von Tamera reiste ich zur Konferenz “Wiedervereinigung von Sexualität und Bewusstsein” am 12.-14. September in Polen. Trotz meiner eher gemischten Erwartungen war ich beeindruckt: Die Erfahrung internationaler Aktivisten des Themas und die Aufbruchskraft unterhalb des katholisch-prüden Deckels Polens gingen eine fruchtbare und inspirierende Verbindung ein. Es wurde nicht nur das übliche Workshop-Programm abgespult, sondern es waren tiefe Begegnungen und Gedankenaustausch möglich – Gedanken über eine verantwortungsvolle Ethik, die auf sexuellem Bewusstsein aufbaut. Es ist, als sei die Polyamory-Bewegung dabei, erwachsen zu werden.

Eine drei Meter hohe Vagina aus gold- und pinkfarbenen Stoffwülsten prangt über der Hotelhalle von Jelenia Struga im Riesengebirge. Um diesen unübersehbaren Mittelpunkt herum erproben rund 100 Polinnen und Polen drei Tage lang den Aufstand gegen Prüderie, Sexualunterdrückung und Doppelmoral in dem katholischen Land. Das Spa-Hotel in dem Wandergebiet an der tschechischen Grenze wird zur revolutionären Zelle für den Aufbruch zu mehr “Sexualität und Bewusstsein”.

Die Schöpferin der Vagina, Iwona Demko, ein quirliges und zierliches Energiebündel, ist Bildhauerin aus Krakau. Ihre Karriere nahm eine ungewöhnliche Wendung, als sie vor drei Jahren die Vagina als Motiv entdeckte. In allen Farben, Formen, Größen stellt sie seither diesen “Ursprung des Lebens” in seinen unterschiedlichen Phasen der Öffnung dar – bis hin zu ihren pinkfarbenen Ohrringen. “Meine innere Revolution begann, als ich von Kulturen erfuhr, in denen die Vagina heilig war.” Mutig findet sie das nicht, was sie macht. “Ich hatte gar keine Wahl, ich muss es tun. Seither erfüllt mich immer, wenn ich daran denke, dass ich eine Vagina habe, das starke Gefühl, Frau zu sein.”

Außerhalb der Kunstszene lebt Polen, was Sexualität angeht, noch hinter einem eisernen Vorhang – vor allem auf dem Land. Teilnehmerin Irina, 28, spricht für viele, wenn sie am Essenstisch aus ihrem Leben erzählt: Mit 20 verheiratet, ebenso jungfräulich wie ihr Bräutigam, erlebte sie Sexualität während ihrer ganzen Ehe als Qual und Pflicht. “Das ist aber gewollt: Eine Frau, die Sex genießt, soll sich schämen. Die weibliche Scham und das Schweigen führen zu Depression und Krankheiten, die wir der Religion verdanken”, sagt sie. Sie will alles dafür tun, dass ihre Kinder nicht dasselbe durchlaufen müssen – auch wenn das soziale Ausgrenzung in ihrem Heimatort bedeutet. Doch die Zahl und die Entschlossenheit der Menschen, die so denken wie sie, wächst im ganzen Land.

Das Ehepaar Estera Saraswati und Zeni Ominski, die Organisatoren der Konferenz, leistet seit Jahren beharrliche Aufklärungsarbeit in Sachen Bewusstsein und Sexualität. Sie haben ein Netzwerk über ganz Polen aufgebaut und bringen Einzelpersonen, Paare und Gruppen mit Gedanken und Praktiken einer internationalen Bewegung in Verbindung: Polyamory, Tantra, Körperbewusstsein, bewusste Sexualität, Empfängnis und Geburt – und ganz allgemein sexuelle Freiheit. Der Kongress zeigt, wie begeistert diese Gedanken in dem katholischen Land aufgenommen werden – und wie wohl sie umgekehrt die internationalen Referenten hier fühlen. David Bruce Leonhard, Lehrer für erotische Körperarbeit in Hawaii: “Noch ist es eine kleine Avantgarde, die sich hier trifft, aber sie hat eine enorme Aufbruchskraft. Die Menschen hungern geradezu nach neuen Visionen und Gedanken, und die Atmosphäre ist ungewöhnlich offen und herzlich.”

Die Lehrer und Referenten der rund 60 Vorträge, Workshops, Rituale und Unterrichtseinheiten kommen aus Indien, Hawaii, Israel, Australien, Kalifornien, Österreich und Portugal. Deborah Anapol aus Kalifornien, Autorin mehrerer Bücher zum Thema Polyamory, zeigt sich als kluge Frau und ruhender Pol der Bewegung. “Die ausschließliche Zweierbeziehung ist gescheitert. Wir brauchen ein neues Paradigma in der Liebe. Wenn ich die Autonomie des anderen erlaube, ist das der Beginn von bewusster Beziehung.”
Ihr Weg begann, als sie mit 29 Jahren auf zwei gescheiterte Ehen zurückblickte und entschied, dass es einen anderen Weg geben müsse als serielle Monogamie. Statt immer neue Ehen einzugehen, lebt sie heute in einem stabilen “Netzwerk der Intimität”: Rund ein halbes Dutzend Menschen, die nicht zusammen leben, aber sich immer wieder treffen, mit denen immer wieder Austausch, Sexualität, Nähe stattfindet und die sich auch in Krisenzeiten beistehen und unterstützen. “Manchmal kommt es vor, dass einer von ihnen eine monogame Beziehung eingeht, vielleicht heiratet. Dann ist die sexuelle Begegnung mit ihm oder ihr für eine Weile nicht möglich. Nach einigen Jahren öffnet sich das meistens wieder, und man kann auch wieder zusammen ins Bett gehen.”
Deborah berichtete auch, dass in den USA inzwischen die Praxis von Polyamory – also mehrere bewusste Beziehungen zu haben – inzwischen nicht nur allgemein akzeptiert wird, sondern sogar in großen Medien ausdrücklich propagiert wird. “Ich möchte gern glauben, dass das ein Zeichen wachsenden Bewusstseins ist. Aber ich fürchte eher, dass der Mainstream angesichts der zerbrechenden Familien und Ehen die offene Beziehung für sinnvoller hält, um die bestehende Gesellschaft zu stabilisieren. Darum geht es aber nicht – es geht darum, eine andere Gesellschaft aufzubauen.”
Deshalb hat sie sich dafür eingesetzt, dass Tamera und die Globale Liebesschule sich auf dieser Konferenz vorstellen könnten. “Die Kernphilosophie von Tamera, wie ich sie verstehe, ist dass Gemeinschaft, Vertrauen und Bewusstsein in der Liebe zu einem Gesellschaftsmodell führen, in dem Krieg und Gewalt überwunden werden.”

Meine beiden Präsentationen über Tamera und der Globalen Liebesschule stießen auf enormes Interesse. Dass es tatsächlich einen Ort gibt, wo Wahrheit in der Liebe, freie Sexualität und weibliches Bewusstsein nicht nur auf Workshops möglich sind, sondern Teil des täglichen Lebens sind, war für viele eine fast utopische Nachricht, eine Nachricht, dass das Paradies möglich ist. “Wie leben die Familien?” “Werden bei euch tatsächlich die Kinder in Bewusstsein gezeugt und geboren?” “Was geschieht, wenn in Tamera Menschen monogam leben wollen?” “Wie löst ihr Konflikte, wie geht ihr mit Eifersucht um?” Die Fragen fanden kein Ende. Schließlich wurde lebhaft darüber diskutiert, ob ein solcher Ort in Polen möglich sei. Eine Teilnehmerin sprach für viele: “Dadurch dass ihr Tamera so radikal lebt, gebt ihr uns viel Kraft. Wir sehen, was möglich ist – auch wenn wir nur Teile davon in unserem Leben verwirklichen können.”

In einem Podiumsgespräch zu dem Tabuthema Kinder und Sexualität war die Kernfrage: Wie ist es für Kinder, in einem Klima der bewussten Sexualität aufzuwachsen?
Deborah Anapol: “Ein Kind ist von Natur aus erregt, neugierig und unschuldig. Wenn wir mit Kindern zu tun haben und sie unterrichten wollen, müssen wir diesen Zustand selbst wieder erreichen.”
Baba Dez Nichols, Schamanismus-Lehrer aus Hawaii: “Nicht die Freiheit, sondern die Unterdrückung von Sexualität führt zu einem gesellschaftlichen Untergrund, in dem Kindesmissbrauch stattfindet. Denn für Erwachsene, die nicht in der Lage sind, mit sexuellen Herausforderungen umzugehen, sind Kinder ein sicherer Ort, um Sexualität auszuleben. In einer sexuell freien Gesellschaft gibt es keinen Grund dafür, sich an Kindern zu vergreifen. Aber die Herausforderung ist die breite sexuelle Ignoranz der Gesellschaft.”
Wie sähe eine Ausbildung oder eine Initiation für junge Menschen aus, in der sie auf die sexuellen Herausforderungen vorbereitet werden? Immer wieder bezogen sich die Referenten auf das Beispiel der Liebes- und Freundschaftsschule in Tamera, die alle Altersgruppen auf ihre besonderen Herausforderungen vorbereitet.

Abschließender Höhepunkt der Konferenz war das Ritual zur Vermählung von Sexualität und Bewusstsein am letzten Abend. Unter der Vagina begegneten sich die beiden Pole, dargestellt von Estera und Zeni, zwischen denen sich verschiedene Paare begegnen begrüßen, umarmen und sich wieder trennen konnten. Für Außenstehende wie mich war es wie der Besuch bei einem fremden Stamm mit ungewöhnlichen Ritualen. Man durfte alles, musste aber nichts, und auch die Beobachterposition war willkommen.
Ich möchte mich bei der herzlichen Aufnahme und bei den vielen intensiven Gesprächen bedanken. Die Herzenswärme hat noch tagelang vorgehalten.

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