Wiedergewinnen der verlorenen Macht – Elternschule und Geburt in Tamera

en de
Bei einer Geburt geht es um Öffnung.
Und Öffnung ist ein Vorgang des Vertrauens.

In Tamera haben Mütter eine Elternschule gegründet, um mit Wissen, Transparenz, Bewusstheit und Erfahrung die Vertrauenskräfte von Eltern, Kindern und der Gemeinschaft zu stärken. Leila Dregger sprach mit zwei Hebammen und einer jungen Mutter über die Kunst, verlorene Macht zurück zu gewinnen – und während sie das Interview aufschrieb, wurde ein weiteres Kind in Tamera geboren.

“Es gibt nichts Größeres und Universelleres als ein Wesen, das gerade aus dem Mutterleib kommt. Der erste Blick, die ersten Bewegungen – das zu sehen, ist für mich das Heiligste und Schönste, was ich kenne.” Karin Schlote, 45, Mutter eines erwachsenen Sohnes, ist Hebamme in Tamera. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Uta Schneeweiß ist sie in ganz Portugal unterwegs, unterstützt Mütter und Familien bei Hausgeburten und in einem Geburtshaus, meistens Wassergeburten.

Für Uta Schneeweiß ist das Faszinierendste an ihrem Beruf die Kraft, die eine Frau bei der Geburt entwickelt: “Diese Öffnung des Leibes mit zu erleben, ist ein unglaubliches Privileg. Wenn wir sie nicht stören, ist es ein ekstatischer, ja, ein orgastischer Vorgang mit denselben Geräuschen und Bewegungen wie in der Sexualität. Im Krankenhaus wird das meistens nicht zugelassen, man fürchtet sich vor dieser rohen Kraft der Frau. Mich aber fasziniert dieser Vorgang sehr. Als Hebamme will ich die Frau dabei begleiten und schützen.”

In Tamera geht es um mehr als um die Frage Hausgeburt oder Krankenhausgeburt: Alles, angefangen von der Entscheidung für die Elternschaft über den Geburtsvorgang selbst bis hin zum Kinderaufwachsen wird von der Gemeinschaft mit getragen und unterstützt. Um den ganzen Prozess der Elternschaft mit Wissen und Erfahrung zu begleiten, gründeten einige Mütter eine Elternschule. Die werdenden Eltern, aber auch enge Freunde und Verwandte, studieren hier die physiologischen, sozialen, philosophischen und praktischen Grundlagen für die Elternschaft. Das “Forum” ist ein Werkzeug, um Transparenz mit unseren wahren Motivationen und Wünschen zu erzeugen, um die tiefere Wahrheiten und Einsichten herauszufinden und mitzuteilen und um offene Fragen zu bewegen. Es ist Teil des Systemwechsels, den Tamera in seinem Modell für eine Friedensgesellschaft erreichen will, und hilft, Vertrauen und Transparenz herzustellen.

Karin: “Die Kernfrage jeder Mutter bei einer Geburt heißt: Wie weit kann ich mich öffnen? Diese Frage entscheidet sich nicht nur während der Geburt, sondern vor allem davor. Eine Mutter, die vorab ihre inneren Kanäle freigeputzt und Vertrauen zu ihrer Gemeinschaft und ihrem Partner geschaffen hat, hat während der Geburt viel bessere Chancen, sich weit zu öffnen und ihr Kind leicht zu gebären.”

Die Elternschule hilft, alle Themen und Ängste anzuschauen und auszusprechen, das Bild für die Geburt zu finden und auszusprechen und auch ein Bild dafür zu entwickeln, wie es nach der Geburt weitergeht – mit ihr, mit dem Kind und dem Partner. Sie hilft auch, Wissen über den Geburtsvorgang zu erwerben.

Uta: “Wenn die Mutter zum Beispiel weiß, dass der Kopf eines Kindes sich während der Geburt zusammenzieht, dann wird sie wissen, dass sich der Muttermund nicht um die ganze Größe des Kopfes öffnen muss – und das ist ermutigend.”

Karin: “Während einer normalen Geburt brauchen wir als Hebammen gar nicht viel zu tun. Die werdende Mutter soll wissen, dass sie es ist, die gebärt, und dass sie es auch kann und notfalls auch allein könnte. Eine Geburt ist ein natürlicher Vorgang, der natürlichste überhaupt. Unsere Aufgabe ist es, ihr dafür einen Rahmen zu geben, den Kontakt zu halten, die Herztöne zu messen und sie zu ermutigen. Und da zu sein, falls etwas Unvorgesehenes eintreten sollte.”

Geburt in Tamera

31. Juli abends – es ist so weit. Bei der werdenden Mutter Marina (die Mutter möchte nicht ihren richtigen Namen angeben) beginnen die Wehen. Die Geburt setzt ein – und damit der Höhepunkt eines Prozesses, der vor acht Jahren begann. “Damals träumte ich zum ersten Mal davon, Mutter zu werden. Ich war schon Mitte 30, ich hatte keinen Partner, aber ich wusste, ich will ein Kind empfangen und gebären, und zwar im vollen Bewusstsein und in Übereinstimmung mit der Gemeinschaft. Das war für mich keine private Entscheidung, aber ein bewusster Schritt in die Wiederentdeckung des Vertrauens zu Menschen – etwas, das verloren ging, als die ursprünglichen Stämme zerstört wurden. Mit Vertrauen in die Gemeinschaft konnte ich ein freier Kanal werden, durch den ein freies Wesen in die Welt kommen will.”

Der Prozess der inneren Auseinandersetzungen, der Entscheidung für den Vater ihres Kindes sowie des Aufbaus einer Partnerschaft, die Auseinandersetzung mit auftretenden Bedenken und Ängsten und schließlich die spirituelle Kontaktaufnahme mit dem Wesen dauerten tatsächlich Jahre.

Auch ihr Partner brauchte Bedenkzeit – und eine lange Reise, in der er sich auf die Vaterschaft vorbereitete. Marina: “Mama, Papa und Kind sind eine Einheit, die in eine Gemeinschaft eingebettet sein möchte. Kinder sind dann freie Wesen, wenn sie nicht die unerlösten Wünsche der Eltern erfüllen müssen. Es war befreiend für mich, geheime Gedanken und Sorgen hinter mir zu lassen. Ich wollte der Geschwindigkeit meiner Seele folgen, ohne Grenzen zu überspringen – für den Vater, für mich, für das Kind und für eine neue Kultur der bewussten Empfängnis.”

Die Tamera-Gemeinschaft hatte ihnen schon vor längerer Zeit ihr volles Vertrauen ausgesprochen. Eines Abends im October wusste sie: Es ist so weit. Heute Nacht will das neue Wesen gezeugt werden.

Neun Monate später. Schon seit ein paar Tagen wohnen die Eltern im “Kinderhaus” von Tamera, dem Ort, wo die meisten Geburten stattfinden. Die Wehen haben eingesetzt. Freunde finden sich ein. Marinas Wunsch war, außer von den beiden Hebammen und dem werdenden Vater noch von einer “weisen Frau” und einer besten Freundin begleitet zu werden. Der Kreis der anderen Freunde sollte draußen vor der Tür ein Feuer in Gang halten und singen. “Singen und tönen gehört schon länger zu meiner spirituellen Praxis, und ich wusste, dass es in dem intensiven Vorgang der Geburt meine Kraft stärken würde. So war es denn auch.”

Uta und Karin sind bestens vorbereitet. “Alle Störfaktoren sollen möglichst ausgeschaltet sein, damit sich die Mutter ganz auf den inneren Prozess einlassen kann. Eine Person aus der Gemeinschaft kümmert sich um das ganze Drumherum, so dass die Mutter ganz loslassen kann.”

Notfallmedikamente, Wehenverstärker, Sauerstoff stehen für alle Fälle bereit. Auch ein vollgetanktes Auto, falls zu irgendeinem Zeitpunkt die Geburt abgebrochen werden und die Mutter in ein Krankenhaus gebracht werden muss. Eine Ärztin ist am Platz, falls etwas schief geht, kann sie gerufen werden.

Normalerweise wäre auch ein Pool für die Wassergeburt bereit, aber in diesem Fall hat sich die Mutter ausdrücklich dagegen entschieden. Mit über 40 Jahren gilt Marina als Spätgebärende, die Geburt gilt als Risikogeburt, zumal sie eine Krankengeschichte mit einer ernsthaften Krankheit hat.

Karin: “Wir haben ausgiebig darüber beraten und entschieden, dass wir das Risiko tragen können. Die Mutter fühlte sich rundum gesund und stark. Neben dem großen medizinischen Wissen, das hier versammelt ist, gibt es auch einen Kreis, der die Geburt spirituell begleitet.”

Es sind erfahrene Frauen, die in der Nähe sind und den Vorgang auch mit inneren Augen beobachten, die ständig auf die innere Stimme lauschen und bei Bedarf einen Gebetskreis einberufen können. Bei ihnen können sich andere Gemeinschaftsmitglieder melden, wenn sie besondere Träume oder Eingebungen haben.

Karin: “Auf diese Weise wird jeder Impuls gemeldet und besprochen. Wenn jemand plötzlich glaubt, wir sollten ins Krankenhaus, selbst wenn äußerlich alles gut zu gehen scheint, wird auch über diese Stimme beraten.”

Marina: “Ich hatte keine Angst vor der Geburt. Milliarden von Frauen haben geboren. Unser Körper ist dafür gemacht. Dieser Gedanke hat mich immer ermutigt.”

Zunächst geht alles recht einfach und schnell. Marina: “Während der Wehen kam ein starker Kraftsatz zu mir: Für die Öffnung! Das war ein Wendepunkt von Schmerz zu Lust.”

Um 5 Uhr morgens ist der Muttermund weit geöffnet. Eigentlich könnte das kleine Mädchen jetzt ans Licht der Welt. Doch es kommt nicht. Wehe um Wehe. Doch der Muttermund öffnet sich nicht weiter. Rund

Maria: “Von da an agierte ich nicht mehr aus eigener Kraft, sondern aus dem großen Kontinuum der Kraft.” 700 Wehen wird sie im Laufe der Nacht und des Morgens haben. Am Ende hatte sie die Frage: Muss ich mich wirklich noch mehr öffnen? Und die große Antwort war: “Ja, mein Körper ist schließlich dafür gemacht.”

Uta: “Geburtsschmerz ist ein rein physiologischer Schmerz. Er weist nicht auf etwas Schlechtes oder Krankes hin, sondern führt zu etwas Gutem. Mit diesem Gedanken muss eine Frau in den Wehen nicht mit Angst und Schreck reagieren. Es ist eine schiere Intensität, die ihre volle Aufmerksamkeit braucht.”

Um zwölf Uhr geht es auf einmal ganz schnell. Das Mädchen ist da – und mit ihr die Erklärung, warum es so lange dauert: Sie schmiegt ihr Köpfchen fest in die Hand, in dieser Stellung brauchte sie ein wenig mehr Öffnung. Doch kein Riss, kein Schnitt sind nötig, und auch die Plazenta rutscht sehr schnell heraus.

Die Eltern wünschen sich eine Lotus-Geburt: Die Nabelschnur wird in diesem Fall nicht abgeschnitten. Das Kind bleibt mit der Plazenta verbunden, der Mutterkuchen wird eingewickelt und gepflegt, bis die Nabelschnur nach einigen Tagen von selbst abfällt. “Das ergibt mehr Ruhe für das Kind”, erläutert Marina.

Draußen beginnt die Gruppe wieder, lauter zu singen, Lachen der Erleichterung und Tränen mischen sich in die Stimmen. Die Gemeinschaft feiert die neue Erdenbürgerin. In einigen Tagen wird sie im Steinkreis von Tamera gefeiert und von allen Gemeinschaftsmitgliedern begrüßt.

Eintritt für Hebammenrechte

Einen Hebammenverband wie in vielen anderen Ländern gibt es in Portugal nicht. Als ausgebildete Hebammen sind Uta und Karin Mitglieder der portugiesischen Krankenschwesterkammer. Hausgeburten, die bis vor einigen Jahrzehnten noch ganz normal waren, galten danach als zu gefährlich, so gut wie alle Geburten geschahen in Krankenhäusern. Erst seit wenigen Jahren wünschen sich Eltern verstärkt natürliche Geburten, und seit einem Jahr sind sie wieder offiziell zugelassen in Portugal.

Die Empfehlung des Verbandes ist, dass immer zwei Hebammen eine Geburt begleiten. Bei den niedrigen Verdienstmöglichkeiten sind Karin und Ute die einzigen, die das überhaupt leisten. Auch die rechtliche Situation für Hebammen ist schwierig. Karin: “Wir haben keine Möglichkeit, uns zu versichern, und müssen komplett auf eignes Risiko arbeiten.”

Könnte ihnen ein Fehler bei einer Geburt nachgewiesen werden, müssten sie aus eigener Tasche dafür aufkommen. Ein Risiko, das nur wenige Hebammen in Portugal einzugehen bereit sind. Nur sechs Hebammen sind im ganzen Land tätig, dabei wird die Nachfrage stetig größer. Vor allem bei Wassergeburten gibt es keine andere Möglichkeit, als zu Hause zu gebären.

Uta: “Auch in Deutschland wird es immer schwieriger für Hebammen. Ab nächstem Jahr soll es keinen Versicherer mehr für sie geben. Schon heute ist es schwieriger geworden, zu Hause zu gebären, es gibt viele, die dagegen argumentieren.”

Uta und Karin gehören zu den Hebammen, die für ihre Rechte eintreten – und für das Recht auf eine natürliche Geburt. Wie Michael Odent sagte: “Um die Welt zu verändern, müssen wir die Art der Geburt verändern.”

Mehr:

karin.schlote@gmx.net

uta_schneeweiss@yahoo.de

Share your thoughts:

Your email address will not be published. Required fields are marked *