Revolution für das Leben

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Auszug aus: „Terra Nova. Globale Revolution und Heilung der Liebe“

Revolution_liefe (…) Ein innerer Widerspruch zieht sich durch alle Institutionen der gegenwärtigen Gesellschaft: der Widerspruch zwischen den Gesetzen der Gesellschaft und den Gesetzen des Lebens, zwischen Soziosphäre und Biosphäre. Der Mensch ist ein „Zoon politikon”, ein gesellschaftliches Wesen, und unterliegt als solches den Gesetzen der Gesellschaft. Gleichzeitig aber ist er mit seiner leiblichen und seelischen Natur ein Mitglied des Biokosmos und unterliegt als solches den Gesetzen des universellen Lebens. Wenn diese beiden Gesetzestafeln zueinander im Widerspruch stehen, entstehen Krankheit, Kriminalität, Gewalt und Krieg. Heute erleben wir eine planetarische Zuspitzung dieses Widerspruchs. Wir sind an eine apokalyptische Grenze gestoßen, jenseits derer kein Weiterleben möglich ist.
Was Anfang des Jahres 2011 in den arabischen Ländern begonnen hat, war der Vorschein eines globalen Krieges, der überall auf seine Stunde wartet. Die Bürgerkriege der arabischen Länder werden sich unweigerlich auf die Metropolen der westlichen Welt ausweiten, wenn wir dieser Revolution nicht rechtzeitig eine humane Richtung geben. Das unterdrückte Leben erhebt sich gegen die Unterdrücker. Wir erleben einen globalen Kampf zwischen den Kräften des Lebens und den Mächten der Zerstörung. Ein hochorganisiertes Syndikat von Konzernen, Banken, Logen, Geheimdiensten und Regierungen hat die Erde mit einem Netzwerk von Ausbeutung und Gewalt überzogen. Deutschland schickt Panzer in arabische Länder, die dann je nach Bedarf gegen die demonstrierende Bevölkerung eingesetzt werden können. Der globale Kapitalismus hat die letzten Gemeinschaften, die letzten Loyalitäten, die letzten Bindungen an Heimat, Gemeinschaft und Ethik zerstört. Aber die Epoche der kapitalistischen Globalisierung kann ohne unvorstellbares Blutvergießen und ohne gigantische Naturzerstörungen nicht weiter fortgesetzt werden, das wissen auch Banken und Konzerne. Ihre Illuminaten sollten sich überlegen, ob sie nicht noch rechtzeitig erwachen wollen.
Die Welt ist aufgebrochen. Die alten Systeme platzen; es entstehen neue Kräfte, die nicht mehr in sie hineinpassen. Überall gehen die Menschen auf die Straßen. Sie protestieren gegen ein System, welches auf allen Linien seine Versprechen gebrochen hat. Alles zusammengenommen ergibt den Ruf nach einem neuen Konzept des menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde. Wir sind aus einer höheren Ordnung herausgefallen und müssen sie wiederfinden. Es ist die göttliche Ordnung des universellen Lebens, dem Mensch und Natur gleichermaßen angehören. Wir nennen sie die „Heilige Matrix”. Eben darum geht es heute, so vermessen es klingen mag. Wir brauchen eine neue Grundordnung für unser Zusammenleben – und eine neue Ordnung für das Zusammen- leben mit aller Kreatur. Heute, zweitausend Jahre nach Jesus von Nazareth, 70 Jahre nach Auschwitz, 13 Jahre nach dem 11. September 2001 sagen wir in aller Gewissheit: Wir brauchen eine neue Grundlage für das Leben auf unserem Planeten. Neue ethische, spirituelle, wissenschaftliche, soziale, sexuelle, ökologische, technologische und ökonomische Grundlagen. Und vor allem brauchen wir eine neue Innenwelt, aus der heraus die Kräfte entstehen für den Aufbau von Terra Nova. Es ist nicht getan mit dem Aufbau von kleinen Landkommunen oder Stadtgruppen, solange sie nicht in einem höheren Zusammenhang stehen. Aber auch die kleinsten Gruppen, Buchläden, Internet- Cafés können mithelfen, diesen höheren Zusammenhang für Terra Nova herzustellen. Die Revolution kann gewonnen werden, wenn sie mit der Gewissheit eines positiven Zieles verbunden ist. Wir brauchen eine Revolution, die den Geist anerkennt, die Lust und die Liebe, die Existenzberechtigung aller Mitgeschöpfe und die religiöse Sehnsucht der Menschen. Wir brauchen eine Revolution, die den Armen hilft, den Ausgebeuteten und Unterdrückten, den Kindern, den Tieren und allen Wesen, die heute so dringend unsere Hilfe brauchen. Damit helfen wir auch uns selbst. Diese neue Revolution muss den Kindern wieder eine Heimat geben, und sie muss anerkennen, dass auch Tiere, die für Fleisch oder Pelzmäntel vorgesehen waren, ein Herz und eine Seele haben. Hier liegt der tiefste Systemwechsel und der innerste Kern des globalen Dramas. Es geht nicht nur um einen politischen Machtwechsel, sondern es geht um eine fundamentale Umwandlung im Konzept einer humanen Zivilgesellschaft. Es geht um den Wechsel von einer mörderischen Mechanik zu einer anteilnehmenden Solidarität und Hilfe. Wir brauchen eine Revolution, nach deren Sieg es keine Verlierer gibt, weil ein Zustand erreicht wird, der allen hilft.
Der Begriff der Revolution ist missverständlich, weil er sofort mit dem Gedanken der Gewalt verbunden wird. Die gegenwärtige Revolution wird sich von allen Gedanken der Gewalt lossagen müssen, wenn das humane Ziel erreicht werden soll. Eine Revolution, die aus Gewalt und Krieg hervorgeht, wird die alten Strukturen von Gewalt und Unterordnung nur wiederholen, das ist eine Lehre der Geschichte. Ein humanes Ziel lässt sich nicht mit inhumanen Mitteln erreichen. Das Ziel heiligt nicht die Mittel. Es geht bei der heutigen Revolution nicht um eine militärische, sondern um eine geistige Auseinandersetzung. Es sind geistige Kraftfelder, aus denen der Aufbau der neuen Kultur hervorgeht. (Wir könnten statt von „Revolution” von „Transformation” sprechen, da es um eine geistige Umwandlung geht. Aber diese Umwandlung ist so radikal, dass ich das radikalere Wort „Revolution” gewählt habe.) Ein Kernthema der gegenwärtigen Revolution ist im innersten Inneren das Thema der Geschlechterliebe in Verbindung mit einer fundamentalen Schöpfungsethik, also die Wiedervereinigung von Eros und Religion. Religion bedeutet hier keine Kirchenzugehörigkeit, sondern das wiedergefundene Leben in der Einheit der Schöpfung. Eros und Religion, jahrtausendelang getrennt durch die fatale Sittenlehre der großen Weltreligionen, müssen wieder zusammenkommen, damit wir Menschen zu der Quelle emporsteigen können, aus der alles Leben kommt.
Um die Spirale der Gewalt zu beenden, müssen wir eine innere Kraft finden, die uns befähigt, auf erlittenes Unrecht nicht mit Vergeltung zu reagieren. Die von Sabine Lichtenfels geleiteten Pilgerschaften in Kolumbien, Portugal und Israel-Palästina standen im Zeichen dieses Paradigmenwechsels. „Grace” nennt sie die Kraft, die „stärker ist als alle Gewalt”. Wir waren sehr bewegt, als wir in Israel eine junge Frau trafen, deren Gesicht entstellt war. Ein junger Palästinenser hatte in ihrer Nähe ein Selbstmordattentat verübt, wobei sie schwer verletzt wurde. Sabine Lichtenfels beschreibt diese Situation in ihrem Buch „Grace”:
„Sie wurde vor drei Jahren Opfer eines Selbstmordattentäters in einem Bus und hat wie durch ein Wunder überlebt. Wir hatten sie vor Jahren genau hier in Jerusalem Forest getroffen, eine wunderschöne junge Frau. Jetzt sitzt sie wieder da, in unserem Zelt, und erzählt. Zwei Monate lag sie im Koma, die Ärzte hatten sie aufgegeben. Sie bittet uns inständig wahrzunehmen, dass es auch diese Seite gibt, nicht nur die Seite der Palästinenser, deren Leiden sie durchaus sieht. (…)
Der ganze Raum lauscht betroffen ihrer Erzählung. Nach dreieinhalb Wochen in der Westbank, in denen wir vor allem den Schmerz der Palästinenser wahrgenommen haben, erleben wir nun so hautnah die andere Seite. Diese junge Frau wollte einfach nur leben. Ebenso wie die Palästinenser. Die Seele muss immer wieder neu begreifen: Es ist nicht so leicht, es ist nicht möglich, die Welt in Opfer und Täter zu unterteilen. Heilung entsteht nicht aus Anklage. Als wir sie nach ihren Gefühlen gegenüber ihrem Peiniger fragten, sagte sie nur: „Vielleicht hätte ich an seiner Stelle dasselbe getan.”
Auf welcher Seite stehen wir? Wer sich für die Seite des Lebens entschieden hat, kann nicht mehr Ja sagen zu den Lebensgewohnheiten, die er oder sie bisher gedankenlos befolgt hat. Wenn wir den Mut haben, die Dinge anzusehen, die heute in der Welt geschehen, dann reagiert unser ganzer Organismus mit einem absoluten Nein! Stoppt ein System, welches solche Dinge tut! Stoppt es auch im eigenen Inneren! Das ist der Aufschrei eines gesunden Emotionalkörpers. Aber die Welt lässt sich nicht durch Emotionen verändern. Jetzt muss der Geist, der analysierende und kombinierende Intellekt, dazukommen, um dieses emotionelle Nein in eine positive, helfende Strategie zu übersetzen. Mit jeder kleinen Handlung, mit jedem Gedanken und jeder Entscheidung können wir uns bewusst auf die Seite des Lebens stellen. Durch unsere alltäglichen Handlungen weben wir an einem Netz, mit dem wir die eine oder die andere Seite stärken. Beim Geschirrspülen können wir entscheiden, „ob wir dem Teufel dienen oder dem Heiland”, wie Prentice Mulford schrieb.

Stoppt den globalen Idiotismus!
Millionen und Abermillionen junger Menschen stünden weltweit für den Aufbau einer neuen Welt zur Verfügung, wenn man ihnen dafür eine glaubwürdige Perspektive anbieten könnte. Aber sie kommen nie zu einem humanen Einsatz. Bevor sie sich auf ihre Kraft besinnen können, werden ihre Energien im Sinne der bestehenden Systeme eingeplant, programmiert und kanalisiert. Sie werden eingesetzt, um als Handlanger des Systems Konflikte zu lösen, die sie nicht verursacht haben. Es sind nur sehr wenige Menschen an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide, die ihre Einsatzbefehle erteilen, wie zum Beispiel für die Durchführung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Wie viele Menschenleben werden hier geopfert für einen irrsinnigen ökonomischen deal! Und die Welt schaut zu. Tatsächlich sind es immer noch, nach 150 Jahren von Demokratie und Bürgerrecht, kleine, prozentual ganz winzige Machtgruppen, welche das Schicksal von Milliarden Menschen lenken! Wir können diese Geschichte kaum glauben, solange wir mittendrin stehen. Aber bei genügendem Abstand zeigt sich der uneingeschränkte Despotismus, der immer noch in allen Kontinenten die menschliche Gesellschaft steuert.
Herbst 2013. In Istanbul befinden sich junge Polizisten in vollem Kampfeinsatz gegen gleichaltrige Demonstranten. Überall in der Welt dasselbe idiotische Schauspiel. Überall stehen sich zwei befeindete Lager junger Menschen gegenüber, die eigentlich Freunde sein könnten. Feinde, die eigentlich Freunde sein könnten! Wir dürfen nicht zulassen, dass Feindschaften entstehen, weil man verschiedenen ideologischen und politischen Lagern angehört. Diese primitive Gesinnung sollte seit den Indianerspielen unserer Kindheit überwunden sein. Es ist nicht ein persönlicher Hass, der die Menschen zu Feinden macht, sondern die Logik eines verdrehten Systems. Chega! Stoppt den ganzen Wahnsinn! Es gibt eine Alternative. Ein anderes Leben ist möglich. Es gibt für uns alle einen anderen Schöpfungsplan. Wir sind nicht hier, um einander zu bekämpfen, sondern um die Welt aufzubauen, die wir brauchen für uns und unsere Kinder. Wir verbinden uns mit allen Friedenskräften gegen den Krieg und gegen jede Art von Heuchelei, von Verharmlosung und Verschleierung. Wir können nicht mehr wegschauen von dem, was da auf der Opferseite wirklich passiert, sei es in Syrien oder im Supermarkt nebenan. Wir haben Freunde in Palästina und Israel, in Kolumbien und Mexiko. Die Kinder, die Freunde und Geliebten, die jetzt sterben, könnten unsere eigenen sein. Wer einmal ihre Schreie gehört hat, vergisst sie nie mehr. Dieser Krieg ist überall, solange die gesellschaftlichen Strukturen bestehen, die ihn hervorbringen.
In São Paulo wirft ein Polizist bei einer Demonstration seine Pistole ins Feuer mit den Worten: „Chega! Ich mache da nicht mehr mit.” Er sollte mit seinen Kollegen zusammen gegen die Demonstranten vorgehen, aber er konnte es nicht mehr tun, weil er wußte, dass das Recht auf deren Seite war. Das Recht war auf der Seite der Demonstranten, das Unrecht war auf der Seite der Regierung. Die Polizei hatte wie überall in der Welt die Aufgabe, das System vor den aufgebrachten Bürgern zu schützen. So wird das Unrecht geschützt, oft mit militärischen Mitteln. So beginnt jede Revolution. Aber auch die Polizei besteht aus jungen Menschen, jung und sympathisch wie die Demonstranten. Zum Teil wissen die Polizisten, dass das Recht auf der Seite der Demonstranten ist. Immer mehr wissen es, aber sie müssen ihren Job tun und Geld verdienen, und sie haben noch keine andere Perspektive. Auch die Demonstranten werden eines Tages, wenn sie den Krieg verloren haben, auf ihre alten Plätze zurückkehren und ihren „Job” tun. Lasst uns dafür sorgen, dass sie eine andere Perspektive gewinnen!
Was wäre, wenn sie tatsächlich eine andere, realisierbare Perspektive hätten, die Vision einer Gesellschaft, welche frei ist von Ungerechtigkeit und Gewalt? Die Vision einer Gesellschaft, in der sie alle genug zu essen haben, ohne sich falschen Gesetzen unterwerfen zu müssen? Die Vision einer Welt, wo sie frei und ohne Verurteilung lieben dürften, auch die Frauen? Was wäre, wenn die Millionen, die heute auf den Straßen und Plätzen demonstrieren, eine klare Vision hätten und anfingen, diese zu verwirklichen? – Wir hätten die reale Entwicklung einer freien Welt mit funktionierenden Gemeinschaften, mit autonomen Zentren und Subsistenzwirtschaften, mit Liebespaaren ohne Angst vor Strafe, mit freier Religion und freier Kultur. Wir hätten Kinderschulen für die Geheimnisse des Lebens, Forschungsstätten für neue Kommunikationssysteme, für neue Architektur, neue Energien, neue Wohnmöglichkeiten, neue Wasserlandschaften mit Nahrungsbiotopen, neue Heilungsmethoden, neuen Umgang mit Tieren. Wir hätten Liebesschulen für eine neue Begegnung der Geschlechter und neuartige Klosterschulen für die Kooperation mit den geistigen Welten. Überall auf der Erde, in allen Ländern und allen Kontinenten würden und werden die neuen Zentren entstehen. Junge Polizisten würden und werden nicht mehr gegen Demonstranten kämpfen, sondern sich mit ihnen verbünden, um die neue Welt zu errichten. Eine Welt, die heute so greifbar nahe ist wie noch nie, weil wir das dafür nötige Wissen haben.
(…)

 

Das Buch erscheint am 9. November 2014 – hier kaufen!

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