Tamera Tagebuch

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Mutterschaft und Taufritual für vier Neugeborene – 
Besuch in Findhorn – Turbulenzen –
Charlie Hebdo, Etty Hillesum und Rosa Luxemburg

15. Januar
Etty_Hillesum
Heute ist der 101. Geburtstag von Etty Hillesum. 1943, kurz vor ihrem Tod in der Gaskammer von Auschwitz, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Das Elend ist wirklich groß, und dennoch laufe ich oft am Abend, wenn der Tag hinter mir in der Tiefe versunken ist, mit federnden Schritten am Stacheldraht entlang, und dann quillt es mir immer wieder aus dem Herzen herauf – ich kann nichts dafür, es ist nun einmal so, es ist von elementarer Gewalt: Das Leben ist etwas Herrliches und Großes, wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen – und jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selbst erobern müssen.”
Was für Worte! Deswegen mache ich das, was ich tue. Ich will das Stück Liebe in mir erobern, was der äußeren Gewalt gewachsen ist. Das geht natürlich nur gemeinsam mit anderen. Wir zusammen bauen an diesem neuen “Feld” des Friedens.
Heute ist auch der Todestag von Rosa Luxemburg. Dieter Duhm hat dazu einige bewegende Worte geschrieben: Zum Tod von Rosa Luxemburg. Die Arbeit an einer humanen Zukunft muss weitergehen.
(Moena)

14. Januar
IMG_20141217_143423Wie ist das Leben als neue Mutter in Tamera? Es ist ein großes Geschenk, diese Erfahrung mit drei anderen Frauen zu teilen, die in der gleichen Situation sind. Wir leben im Einklang mit dem Rhythmus unserer Kinder und mit dem, was das Leben in jedem Moment von uns fordert.
Seitdem meine Tochter Amancai geboren ist, lebe ich im Moment. Ich habe keine Zeit mehr, mich mit vergangenen Dingen aufzuhalten oder Pläne für die Zukunft zu machen. Stattdessen ein dauernder Zustand von Hingabe, Aufmerksamkeit und Kontemplation. Ich war noch nie in meinem Leben so präsent wie gerade. Ich fühle mich der göttlichen Welt sehr nahe. Es ist, als seien diese vier Babies gekommen, um uns ständig daran zu erinnern.
Heute morgen habe ich einen Spaziergang mit Ruth gemacht. Wir haben uns darüber unterhalten, was wir gerade für ein Privileg haben. Wir denken an die vielen Mütter auf der Welt, die die Verantwortung für ihre Kinder ganz allein tragen müssen. Was für ein Streß! Wir danken all unseren Freunden, die für uns kochen und liebevoll nach uns schauen.
(Maida)

13. Januar
2015-01-14 08.58.41Nach fast 16 Jahren bin ich wieder einmal in Findhorn – diesmal um mit Kosha das Buch über GEN fertig zu stellen. Bis jetzt haben wir die Arbeitspausen mit Spaziergängen gefüllt, und es ist eine unglaublich wohltuend wilde Landschaft, der moosige Wald, der reißende Fluss, die Bucht mit ihren Sandbänken und neugierigen Robben. Heute morgen waren wir dann in der Community. Auf den ersten Blick, zumindest im Halbdunkel, wirkt der “Park” wie jede andere Mittelklassesiedlung mit vielen parkenden Autos und Straßenbeleuchtung und Bioladen. Erst beim näheren Hinschauen entdeckt man viele liebevolle Details. Beim Taizé-Singen im Natural Sanctuary (einem Erdhaus), während des Liedes – Tois tu nous aime – wusste ich auf einmal, das habe ich vor 16 Jahren hier auch schon gesungen. Und anschließend gingen wir genau wie damals zur Meditation. Damals lebte Eileen Caddy noch, und es war eine besondere Ehre und auch spürbare Intensität, mit ihr zu meditieren. Die ganze Geschichte der Gründung Findhorns, die Verlassenheit, nachdem Peter Caddy weggegangen war, schien im Raum zu schweben. Und diesmal – bevor es losgeht, schubst Kosha mich an und sagt, schau, die Frau mit der roten Mütze ist Dorothy Mclean. Sie ist 93 und die dritte Gründerin, ich hatte keine Ahnung, dass sie wieder in Findhorn lebt. Gerade kürzlich habe ich ihr Buch noch einmal gelesen: Du kannst mit Engeln sprechen. Der Humor und die Unverblümtheit, in der sie über ihr Leben schreibt, einschließlich Liebe, Sexualität, Charakterfehler sowie den Kontakt mit Ratten, Maulwürfen und Erbsen-Devas, berühren mich imer wieder. Jetzt scheint ihr Gedächtnis nicht mehr so gut zu sein, sie lebt zurückgezogen, aber sie kommt zur Meditation. Jemand liest ein paar Sätze vor, in denen es darum geht, sich nicht zu sorgen, sondern dem Strom der Liebe hinzugeben, dann gongt er und es geht los. Ich komme – als Nicht-Täglich-Meditierende – augenblicklich in einen sehr intensiven Meditationszustand. Ich sehe mit großer Deutlichkeit meinen nicht abreißenden Gedankenstrom, aber ich spüre auch einen anderen geistigen Kern, der weit darüber steht, weit mächtiger und lichter ist. Es ist, als wenn ich aus der immer gleichen Denkebene auf einen Aussichtspunkt gehen und von dort einen Blick auf meinen Leben werfen darf – und darüber hinaus.
Was für eine enorme Kraft sich daraus ergibt, wenn eine Gemeinschaft eine Tradition so lange aufrecht erhält. Und es ist eine sehr schöne Art, den Tag zu beginnen. Freude entsteht, man schaut sich nachher anders an. Ich erlebe: Gemeinsam meditieren ist tatsächlich ein wichtiger Aspekt der Gemeinschaftsbildung.
Anschließend gehen wir durch den alten Garten zurück. Hier stehen die kleinen Wohnwägen, in denen Dorothy, Peter und Eileen vor über 50 Jahren anfingen. Hier sind die Gemüsebeete, wo alles losging – die Entdeckung der Devas, der Seelen der Naturwesen, die so bereit sind zur Kooperation. Aus diesem Kernerlebnis ist so viel hervorgegangen, das jetzt weltweit immer noch nachhallt. Bei alldem, was wir vielleicht kritisch anmerken können, was verwässert wurde oder veraltet ist – ich habe einen großen Respekt vor diesem Urerlebnis und die Treue, die die Menschen dazu haben.
(Leila)

12. Januar
Die Turbulenzen gehen weiter. Erich war unaufmerksam mit der Kreissäge und hat sich tief in den Finger geschnitten. Er mußte ins Krankenhaus gebracht werden, wo sie den Finger wieder zusammengenäht haben.
Aber auch eine schöne Nachricht: Pedro, unser Freund aus der Nachbarschaft, hat am See 1 zwei kleine Dachse spielen sehen. Eine neue Spezies scheint eingezogen zu sein!

11. Januar
Matinée von Birger mit dem Titel “Ökonomie und Gottesgewissheit”. Wie anders ein Unternehmer denken lernt, wenn er das Wohl aller im Blick hat, anstatt den Ausbau seines eigenen Palasts. Die Freude, in ein Projekt zu investieren und es finanziell zu unterstützen, das ein großes Konzept verfolgt für den Frieden. Mögen diese Gedanken in vielen Unternehmern auferstehen und zu einer Umlenkung der Geldflüsse führen!
Die vier neugeborenen Babies – Jona, Tara, Leandra und Amancai – werden im Steinkreis in einem freudevollen Ritual von der Gemeinschaft begrüsst, ihr Lebensweg gesegnet. Es ist bewegend mitzuerleben, wie eingebettet die neuen Mütter und Väter mit ihren Kindern in der großen Gemeinschaft sind. Sie genießen den Freiraum, ihre Kinder in den ersten Monaten mit ganzer Aufmerksamkeit auf ihrem Weg ins neue Leben auf der Erde zu begleiten. Gleichzeitig helfen solche Rituale, Gedanken wie den folgenden zu verstehen: “Ihr werdet nicht länger denken: dies sind meine Kinder, sie gehören mir. Alle Kinder sind Kinder der Schöpfung. Sie kommen mit ihrem eigenen Lebensplan.” (Zitat aus dem Buch von Sabine Lichtenfels “Quellen der Liebe und des Friedens“).

Am Nachmittag findet ein Visionstreffen auf dem Kunstberg statt zum Aufbau eines planetarischen Projekts, in dem Gemeinschaftsleben, Kunst, Aufbau eines Weltverlags mit einer globalen Ausbildungsplattform (Schule Terra Nova) in einem Unternehmen zusammengefaßt sind. Ein spannendes Projekt, das die Gemüter entzündet!

10. Januar
Turbulenzen in Tamera. Am Morgen bricht in meinem Haus ein kleines Feuer aus. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber ich muss am Morgen einen Kessel Wasser aufgesetzt haben. Wir sind (fast) alle im Plenum, am anderen Ende von Tamera, als zufällig Pierre auf den Gedanken kommt, mir einen kurzen Besuch abzustatten. Er kommt buchstäblich in letzter Minute, um das Feuer zu löschen und das Haus zu retten.
Am späten Nachmittag will Ken ein Glasfaserkabel reparieren, das von einer Ratte angebissen wurde. Er läd eine Leiter in sein Elektroauto, die auf das Gaspedal drückt. Das Auto setzt sich in Bewegung und fährt von selbst in einen kleinen Teich. Im Nu ist das Auto bis zum Dach im Wasser verschwunden und muss mit dem Bagger rausgezogen werden.
(Moena)

9. Januar
Die Ereignisse in Paris um den Anschlag auf die Redaktion Charlie Hebdo beschäftigen uns. Aida schreibt dazu eine Stellungnahme. Je suis A’ida.

 

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