Tamera Tagebuch

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Neujahr – Frauensolidarität – 
Worte einer unabhängigen Mitarbeiterin – Ökonomie

1. Januar 2015 – Neujahr

Was für eine gute Idee, die Neujahrsansprache auf 12 Uhr am Mittag zu legen! Dadurch bekommt man das Gefühl von Zeit. Morgens in Ruhe wach werden. Träume erinnern. Kaffee im Bett trinken. Sich in den Tag einsortieren. Morgendliches Geplauder mit Suami. Brunch im kleinen Kreis im Politischen Ashram. Freundschaftliche Stimmung.
Ich liebe die gemeinschaftlichen Treffen in der Aula. Vor allem an den „Feiertagen“ wie heute. Ich liebe es, die Menschen in der gemeinsamen, feierlichen Schwingung zu sehen, die weichen Gesichter und die schönen Kleider. Ich liebe eine bestimmte, heilige Stimmung, die in mir aufkommt, wenn ich mich hinsetze und der Musik zuhöre. Ich habe eine solche Sehnsucht nach dem Heiligen, dem man sich hingeben kann, weil es unter Menschen stattfindet: eine Hinführung zu den Menschen. Dazu gehört auch der Gesang der Gemeinschaft. Ich fühle mich aufgehoben.
Worte aus der Neujahrsrede aus einem Text von Dieter Duhm, gesprochen von Mara:
“Stell dir vor Gott kommt zu dir und sagt: Ich gebe dir ein Jahr Zeit, um dein Herz, deinen Leib und deinen Geist in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten. Räume alles aus, was dein Herz beschwert. Lebe so, dass du kein schlechtes Gewissen hast.”
Das sind heilige, ermunternde Worte. Ich wünsche sehr, dass in mir, in uns, in der Gemeinschaft immer mehr ein solches Leben aufgebaut werden kann, letztendlich natürlich auf der ganzen Erde. Wo sonst, wenn nicht auf unserem schönen, sinnlichen Planeten.
(Brianna)

3. Januar 2015

Ein Ausflug unter Frauen

Ich komme von einem Ausflug ans Meer in Milfontes, um das neue Jahr mit einem Kraftschluß für die Solidarität unter Frauen zu beginnen.
Wir sind 5 kraftvolle Frauen zwischen 29 und 36. Wir arbeiten daran, ein neues Feld der Frau aufzubauen, wodurch Frauen wieder ihre ursprüngliche Rolle im Leben finden und einnehmen können.
Immer wieder kommen hier, in Tamera, Frauen zusammen, um dieses Feld vorzubereiten und aufzubauen. Wir studieren dann gemeinsam Texte zu dem ganzen großen Thema der Liebe, der Sexualität, der Berufsfindung, der spirituellen Lebensführung und der Befreiung der weiblichen Urkraft aus den Käfigen der Geschichte.

Was brauchen Frauen, um sich dauerhaft die Hand reichen zu können für die Freundschaft und die Solidarität?
Sabine Lichtenfels zitiert ihre junge Tochter Vera in ihrem ergreifenden Buch „Weiche Macht“. Als sie ihre Tochter fragt, ob sie sich aufs Frausein freut, antwortet sie: „Ja, Frauen sind irgendwie ganz anders als Männer. Sie sind wie Tagebücher füreinander. Sie können sich alles erzählen. Das finde ich toll!“

Auf unserem Ausflug haben wir daran gearbeitet, das wir wieder wie Tagebücher füreinander werden. Ohne Neid, geheime Gemeinheiten, Unterstellungen und Kampf, dafür aber unterstützend und solidarisch.
Immer wieder habe ich mir die Frauen angeschaut und ihre strahlende Schönheit gesehen und bewundert. Kaum zu glauben, wie schnell sofort die Frage kommt, bin ich wohl auch so schön, so selbstbewusst, so strahlend? In diesem Vergleich ist der Kampf schon angelegt. Dieses Mal fiel es mir leicht, schnell den inneren Dreh zu finden, weil ich selber in einer guten Verfassung war. Ich weiß aber, dass es allen Frauen immer wieder so und so ähnlich geht, bewusst oder unbewusst. Das sind, fast immer, die Denkgewohnheiten, Ängste und Zweifel, die das Vertrauen und die Solidarität unter uns Frauen unmöglich machen.
Der Ausweg aus diesen Fragen ist immer wieder der, die andere ganz zu erkennen, ihre Qualitäten ganz sehen zu lernen und dann zu wissen, dass wir gemeinsam ein großes Projekt aufbauen, für das wir uns alle brauchen in unserer größten Kraft. Plötzlich verändert sich der Blick und, was mir vorher noch bedrohlich erschien, wird zum Geschenk für die gemeinsame Aufgabe und unser großes Ziel.

Ich möchte zwei Gedanken beschreiben, die für mich wesentlich waren auf dem Ausflug:

Es gibt eine Wirklichkeit die unser Leben ständig führt. Viele große spirituelle Meister lehren uns, dass einem nichts zugemutet wird, zu dem man nicht im Stande ist. Alles, was mir im Moment vom Leben zugeführt wird, ist genau das, was ich brauche für meine Entwicklung. Zum Beispiel, die ewige Suche nach dem Partner. Sie hält uns so oft davon ab, das zu sehen und zu akzeptieren, was wir gerade an Liebesmöglichkeiten geschenkt bekommen. Wenn ich mich dann an die Führung erinnere, dann weiß ich, dass mir diese Liebessituation mit genau diesem Mann, der vielleicht eine andere Frau als Partnerin an seiner Seite hat, zugeführt wurde, um die Liebe zu lernen und um innerlich immer partnerschaftsfähiger zu werden.

Ich weiß, es kann sich anhören wie eine oberflächliche Ausrede, um irgendwie seinen inneren Tumult und seine Hoffnungslosigkeit zu unterdrücken. Man kann aber auch ein Leben führen, indem man diese Gedanken immer mehr versteht, und in dem sie sich immer tiefer bewahrheiten. Dann sind sie keine Flucht mehr, sondern werden im Inneren zu einer Gewißheit, die mich durch dick und dünn im Leben begleitet.

Der andere Gedanke ist der, dass keines unserer sogenannten Probleme ein privates Problem ist. Unsere Fragen und Sehnsüchte sind und bleiben dieselben. Z.B. das Thema, die eigene Quelle zu behalten in der Liebesbeziehung zu einem Mann. Oder die Frage nach einem neuen Liebesbild, welches nicht mehr in die Kleinheit und Abhängigkeit führt. Wir haben eine solche Sehnsucht nach dem Mann, dem Partner, nach dem, der immer für uns da ist. Wie kann diese Sehnsucht erfüllt werden, ohne in die Angst und die Wut zu geraten, wie es bisher fast immer der Fall ist? Und wieso haben wir überhaupt diese Sehnsucht? Gehört sie zu unserer Natur oder ist sie uns antrainiert worden durch eine grausame Geschichte in der das weibliche Wissen und die sexuelle Größe der Frau durch Gewalt und Folter unterdrückt und bekämpft wurde?
Da lohnt es sich nicht mehr, privat und alleine darüber nachzugrübeln, wie ich als Einzelne mein Liebesbild verändern kann. Es geht um eine Entscheidung, die heißt: Ich schließe mich mit anderen Frauen und Männern zusammen, um unsere Themen zu lösen. Es sind geschichtliche und kollektive Themen, deswegen können sie auch auf einer kollektiven, gemeinschaftlichen Ebene gelöst werden.

Die Entscheidung ist immer wieder aus dem privaten Leiden auszusteigen und in die gemeinsame, lösungsorientierte Arbeit einzusteigen.

Ich wünsche uns allen ein Jahr, in dem das Vertrauen unter Frauen wächst und Bestand hat, auch wenn wir uns in denselben Mann verlieben.
Für unsere Liebe zu den Männern.
Für die Pflege unserer Erde.
Für die Freundschaft mit allem Lebendigen.
(Mabel)

4. Januar
Ein kalter, aber sonniger Morgen. Die Welt präsentiert sich in klaren Farben.
Matinée von Benjamin von Mendelssohn zur Grace-Stiftung.  Er erhält großen Applaus zu seinen Gedanken, wie er und sein Team diese Stiftung in diesem Jahr neu aufbauen wollen. Sie soll der Verwirklichung des globalen Friedensplans dienen, dem Tamera folgt, dem sog. “Plan der Heilungsbiotope”. Die “Grace-Stiftung zur Humanisiserung der Gelder” wird Projekte unterstützen, die sich den ethischen Orientierungen von “Grace” anschließen.
Im nächsten Jahr sind dies vor allem das “Blueprint-Projekt”, die Globale Liebesschule und die Ausbildung (Globaler Campus und Schule Terra Nova).

Am Nachmittag beginnen wir mit der Kunst. Das helle Atelier ist geheizt, wir richten uns unsere Malplätze ein. Was für eine pure Freude das Malen immer wieder erzeugt! Am Abend haben wir drei wunderschöne Bilder gemalt, lebendig und farbenfroh. Und unsere Seelen sind weiter geworden.
7. Januar
Derzeit ist mein Wohnwagen mein Wohn- und Arbeitsplatz und meine Kreativwerkstatt. Mein neues Leben in Tamera – als freie Mitarbeiterin – lässt sich gut an. Meine direkte Mitarbeit an der Gemeinschaft habe ich für eine Weile auf das notwendigste zusammengekürzt, die Teilnahme und Freundschaftspflege da, wo es mir wichtig ist – und ansonsten bin ich bis auf Weiteres freie Journalistin und Schriftstellerin. Derzeit arbeite ich viele viele Stunden am Tag an einem Buch für GEN – das Global Ecovillage Network, das dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Ich habe eine Reise in verschiedene Ökodörfer gemacht und andere Gründer oder Pioniere per Skype kontaktiert oder auf der GEN-Konferenz im Senegal getroffen. Was für berührende Geschichten ich da gehört und gesehen habe – aus der Türkei, aus Thailand und aus Tennessee, aus Kolumbien, dem Kongo und dem Baskenland. Was für radikale, mutige Entscheidungen einiger weniger immer am Anfang standen, wenn sich Gemeinschaft bildete, und was für Einfälle und Wunder ihnen schließlich halfen, trotz aller äußeren Angriffe und inneren Konflikte bestehen zu können! Für jede Gemeinschaft, die besteht, gibt es 6 oder 7, die gescheitert sind. Und diese sind wirklich Laboratorien für die Zukunft geworden und finden immer mehr gesellschaftliche Anerkennung. Inzwischen finanziert das deutsche Außenministerium die GEN Konferenz, und die ersten Regierungen stellen sich voll hinter das Ecovillage-Konzept. Bürgermeister, die ein Ökodorf in seiner Region haben, dürfen sich glücklich schätzen, denn es bildet ein Gegengewicht zu Landflucht und sozialer und ökologischer Verarmung. Natürlich geht das nicht ohne Reibung. Denn Ökodörfer, wie sie eigentlich gemeint sind, sind Teil eines radikalen Systemwechsels und nicht kompatibel mit den Globalisierungsstragien der meisten Volkswirtschaften. Andererseits spricht nichts dagegen, wenn immer mehr Dörfer und Städte das soziale Wissen und die ökologischen oder ökonomischen Errungenschaften aus der Gemeinschaftsbewegung anwenden, damit ihr Leben verbessern oder – real überleben, wie in einigen Krisengebieten der Fall. Und wenn Regierungen und Organisationen dem dienen möchten, ist das ein Schritt in echtes Neuland.
Das alles aufzuschreiben und in einem solchen Zukunftslaboratorium tatsächlich zu leben, ist toll. Heute breche ich nach Schottland auf, um Findhorn, das älteste bekannte Ökodorf zu besuchen.

(Leila Dregger)

9. Januar

Die Ökonomiewoche, die am 3. Januar begann, geht heute zu Ende. Etwa 25 Menschen aus unterschiedlichsten Projektbereichen haben sich zusammen gefunden um einen tiefen Blick in die Ökonomie des Gesamtprojektes zu werfen. Diese Woche war ein Novum in unserer Geschichte, denn die analytische, geistige und visionäre Arbeit war gepaart mit einer tiefen Forumsarbeit, wodurch auch in dieses Kernthema Bewusstsein, Heilung und manchmal tiefe Freude einziehen konnte. Die Ökonomie rutscht immer deutlicher als kontinuierlicher Arbeitsbereich in den Fokus unserer Gemeinschaft.

Wir haben uns spannende Grundfragen gestellt: Im Bereich der Liebe stimmen wir als Mitarbeiter dem Grundsatz zu, dass “Eifersucht nicht zur Liebe gehört”. Wir wissen, dass dadurch die Eifersucht nicht sofort verschwunden ist, doch diese geistige Sicht dient dem Wesen der Liebe, sie schützt es und bewahrt seine ursprüngliche Kraft und Schönheit. Die Frage von Roman und Brad war nun: Gibt es für die Ökonomie ähnliche geistige Grundsätze, die wir gemeinsam sehen können? Finden wir geistige Richtlinien, an die wir uns in unserer Arbeit halten? Gibt es z.B. eine Übersetzung der reibungslosen Ökonomie der Natur in eine menschliche Ökonomie? Gibt es eine menschliche Ökonomie in der Heilung immer wichtiger ist als Profit? Oft hat uns die Öffnung in der Forumsarbeit an die konzeptionellen Fragen geführt. Wie z.B. beantwortet man die Spannung zwischen unternehmerischer Kraft und Gemeinschaft? Ist das die gleiche Spannung wie zwischen Kapitalismus und Kommunismus? Wie sehen zeitgemäße Mischformen aus, die auch die Lust am Geldverdienen bejahen? Wie bettet sich ein Unternehmer in einer Gemeinschaft, so dass seine Kraft voll dem Ganzen dienen kann?

Weitere Themen waren:
→ Die Grace Stiftung – Eine Stiftung für die Manifestation des Plans der Heilungsbiotope (Benjamin)
→ Der ökonomische Statusquo von Tamera – Was ist eigentlich unser Geschäftsmodell? (Chev)
→ 100% Gemeinschaftseigentum in einer Gruppe, ein Erfahrungsbericht (Maksim)
→ Geld verdienen in Tamera – wollen wir das, wie wollen wir das, Regelungen? (Thore, Kai, Amal, Alana)
→ Der nicht-monetäre Haushalt von Tamera – was schenken wir uns gegenseitig als Gemeinschaft? (Roman, Chev, Maksim, Ole, Pearl, Jenik)
→ Was sind natürliche Strukturen in den Finanzen, die mitwachsen mit den Bewegungen der Gemeinschaft? (Ole)

Es wird immer klarer dass Tamera vor dem nächsten entscheidenden Schritt steht, sich von einem großteils privat finanzierten in ein ökonomisch professionelles Projekt weiter zu entwickeln. Dafür brauchen wir einen starken und tragfähigen Gemeinschaftskern, das Vertrauen und die Intimität unter Menschen, die schon einen langen Weg miteinander gegangen sind. Und wir brauchen die Initiativkraft von Unternehmern, großen Denkern und jungen Geistern, die uns aufmischen und Tamera in neues Gelände führen. Diese Woche war ein wichtiger Anfang, der unbedingt Kontinuität braucht, damit diese Entwicklung stattfinden kann und wir Lust darauf kriegen!

(Jenik)

One thought on “Tamera Tagebuch

  1. Ich habe schon öfters eure Seite “besucht” und ich teile mit euch die Gedanken der freien Liebe. Euer Tagebuch habe ich erst vor kürzlich entdeckt und ich finde die Beiträge informativ und inspirierend!
    Zu der Frage: “Gibt es für die Ökonomie ähnliche geistige Grundsätze, die wir gemeinsam sehen können?”
    wollte ich euch auf ein Buch von Bernd Hückstädt aufmerksam machen:
    Gradido Natürliche Ökonomie des Lebens
    Im Internet gibt es einen Download-Link für das E-Book:
    //gradido.net/Book
    Das Buch darf gerne für nicht-kommerzielle Zwecke kopiert und weitergegeben werden.
    Da ich das Buch gerade selber lese und ich finde es passt sehr gut zu euren Grundgedanken der freien Liebe schicke ich euch diese Information.
    Liebe Grüsse aus Immenstadt

    Martina Kindermann

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