AUFLÖSUNG DES FASCHISMUS

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Reflexionen 70 Jahre nach dem Fall von Nazi-Deutschland

„Man kann den faschistischen Amokläufer nicht unschädlich machen (…), wenn man ihn nicht in sich selbst aufspürt, wenn man nicht die sozialen Institutionen kennt, die ihn tagtäglich ausbrüten.“
–Wilhelm Reich

Mit der Eroberung Berlins durch die Rote Armee endete am 8. Mai 1945 das „Dritte Reich“ und der zweite Weltkrieg in Europa. Mit der bedingungslosen Kapitulation von Nazi-Deutschland ging eines der schlimmsten Massaker der Menschheitsgeschichte zu Ende. Was damals unter Hitler geschah, sprengt die Kategorien des herkömmlichen Denkens in einer Weise, die es bis heute unmöglich macht, die Geschichte wirklich zu verstehen oder aufzuarbeiten. Das Trauma des Nationalsozialismus liegt unverdaut und ungelöst im verdrängten kollektiven Untergrund der deutschen Gesellschaft – und wirkt bis heute weiter.
Der Philosoph Theodor Adorno sagte, dass es „barbarisch“ sei, nach Auschwitz noch Poesie zu betreiben. Nach der absoluten Bestialität, der systematisch-anonymen Vernichtung von Millionen Zivilisten im Holocaust, konnte und durfte es nach seiner Auffassung keine Dichtung mehr geben. Während die meisten Menschen die Erlebnisse des Nationalsozialismus nur verdrängen konnten, gab es auch eine Bewegung der Erschütterten, die nicht mehr normal weiterleben konnten, nachdem sie erlebt hatten, zu welcher Barbarei Menschen tatsächlich fähig waren. Der Ausruf „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ wurde ihr heiliger Schwur. Damit verbunden war auch die echte Hoffnung auf eine friedliche Erneuerung. Mit der Gründung der UN und der Erklärung der Menschenrechte sollte ein für allemal der Weltfrieden und die Würde des Menschen gesichert werden.

Doch was ist von dieser Hoffnung geblieben? 70 Jahre nach Hitler leben wir in keiner friedlichen Welt. Im Gegenteil: Noch nie gab es so viele Sklaven, so viele Hungertote, so viele Vertriebene, so eine extreme Ungerechtigkeit wie heute. Mehr als eine Million Zivilisten im Nahen Osten starben in den Kriegen nach dem 11. September 2001, ganze Länder wurden in Schutt und Asche gebombt, begleitet von Folter, Vergewaltigungen und sadistischen Misshandlungen. Obama setzt diesen Wahnsinn fort in seiner Drohnenoffensive, einer maschinellen Ermordungskampagne im großen Stil.

Europa lebt heute, im Jahr 2015, unter der realen Bedrohung, noch einmal zum Schauplatz eines Krieges der Großmächte zu werden. In der Konfrontation zwischen dem Westen und Russland scheint es kaum noch Grenzen zu geben. Die Gefahr eines Atomkriegs in Europa ist so nah wie schon lange nicht mehr.

Gleichzeitig erleben wir sowohl in Europa als auch Nordamerika, wie immer größere Bevölkerungsteile verarmen und sich kleine Eliten in einer Weise bereichern, die zu beispiellosen Formen der sozialen Ungleichheit führt. Die Menschen haben keine Perspektive für die Zukunft, die Wut auf „die korrupte herrschende Klasse“ wächst… All das zusammen ergibt ein soziales Klima, das durchaus mit der Situation am Ende der Weimarer Republik vergleichbar ist. Die krasse ökonomische Ungerechtigkeit ebnet den Weg für den Faschismus. Nehmen wir nur den Aufstieg rechtsextremer Parteien in Griechenland, Frankreich, Ungarn usw. Was gibt uns die Sicherheit, dass die Gefahr eines faschistischen Dammbruchs wie 1933 nicht mehr gegeben ist? Was geschieht mit dem großen Unmut, wenn er sich in keine gesellschaftsverändernde Richtung entfalten und eine Transformation der sozialen Verhältnisse bewirken kann? Noam Chomsky warnte schon vor einigen Jahren: „Die Stimmung in den USA ist furchteinflößend. Die enorme Wut, die Frustration und der Hass gegen die staatlichen Organisationen wird in keiner konstruktiven Weise organisiert… Wir hätten ein ernstes Problem, wenn jetzt ein starker charismatischer Führer auftauchen und den Menschen sagen würde: ‘Ich weiß, wo es lang geht, wir haben einen Feind.’ Damals waren es die Juden, heute sind es die illegalen Einwanderer und die Schwarzen. Sie werden uns sagen, dass wir uns verteidigen und die Nation ehren müssen. Das Militär wird eingesetzt werden, sie werden Gewalt ausüben. Es könnte eine überwältigende Macht erzeugen…“ (Siehe Chris Hedges: Noam Chomsky Has ‘Never Seen Anything Like This’, Truthdig, 19. April 2010

Während der Weltwirtschaftskrise in den 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Kommunisten der festen Überzeugung, dass das offensichtliche Scheitern des Kapitalismus und die Verschlimmerung der sozialen Not die arbeitenden Massen zwangsläufig zur sozialistischen Revolution führen würde. Doch die Geschichte belehrte sie eines besseren, die Massen folgten der extremen Konterrevolution. Wir müssen das Phänomen „Faschismus“ tief durchschauen, um seinen erneuten Ausbruch verhindern zu wissen.

Die latente Gewaltstruktur, charakterliche Basis des Faschismus
Der Roman „Die Welle“ von Todd Strasser beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich an einem kalifornischen Gymnasium im Jahr 1967 zutrug. Ron Jones, ein junger Geschichtslehrer, will seinen Schülern eine praktische Erfahrung zum Thema des Dritten Reichs geben und startet ein Experiment. Er gibt den Schülern gemeinsame Zeichen und Grußformeln, führt strenge Regeln, harte Strafen und sogar eine geheime Polizeikraft ein. Er verwandelt die Schulklasse in eine Bewegung unter dem Motto: „Kraft durch Disziplin, Kraft durch Gemeinschaft, Kraft durch Aktion, Kraft durch Stolz“. Eine unglaubliche Begeisterung macht sich breit, mit großer Macht treten die Mitglieder der Bewegung auf, immer mehr Schüler aus anderen Klassen schließen sich an. Die Introvertierten, die Zu-Kurz-Gekommenen, die Niemande… auf einmal sind sie wer. „Die Welle“ – das ist nun ihr Sinn im Leben. Gewalt macht sich breit, nach kurzer Zeit gerät die Situation außer Kontrolle. Die Teilnehmer der Gruppe verprügeln Mitschüler, die nicht mitmachen wollen. Über Nacht wird aus normalen Schülern einer faschistoider Mob. Über Nacht wurden aus anständigen Familienvätern die Henker im KZ. Woher kommt diese Faszination für solch ein emotionelles Kollektiv? Wer von uns, der ehrlich einen tiefen Blick auf sich selbst wirft und sich fragt: „Was hätte ich in so einer Situation getan,“ wäre einer beruhigenden Antwort wirklich sicher?

Ich schloss mich der Antifa-Bewegung in Dresden an, nachdem die NPD mit fast 10% der Stimmen in den Sächsischen Landtag gewählt wurde. Ich wollte ein Zeichen setzen, mich gegen die sich ausbreitende Nazi-Szene zur Wehr setzen. Auf Demonstrationen gegen Nazis erlebten wir dann das Potenzial der Gewalt, das in uns selbst liegt, die Lust, den Gegner – egal ob Nazis oder Polizisten – gemeinsam zu umringen, anzugreifen, fertig zu machen. Immer wieder kamen wir geradezu in einen Rausch, bis mich dabei irgendwann ein Funken von Bewusstsein erreichte. Ich begann zu verstehen, dass ich im Kampf gegen Faschisten selbst faschistisch wurde. Ich wusste in dem Moment, ich muss raus aus dieser Szene, um meine moralische Integrität zu bewahren. Was ich erlebt hatte, ging vielen anderen auch so. Was ist das im Menschen, das in bestimmten Ausnahmesituationen alle Dämme der guten Erziehung und des Anstandes brechen lässt und uns zu Ungeheuern und Gewalttätern macht?

Später las ich den treffenden Gedanken des Psychoanalytikers Dieter Duhm. Er schreibt, dass „die ideologischen Bekenntnisse austauschbar sind, solange die inneren Strukturen dieselben sind.“ Duhm nennt dies die „elementarste Grundtatsache des politischen Lebens”.

„[Im] charakterlichen Sinne ist Faschismus die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation“, schreibt der Freud-Schüler und österreichische Kommunist Wilhelm Reich in seinem Buch „Die Massenpsychologie des Faschismus“, veröffentlicht 1933.
Wenn Menschen schon im Kindesalter der Ausdruck elementarer emotioneller Bedürfnisse verwehrt wird, wenn sie mit Härte abgewiesen werden, wo sie Schutz suchen oder vertrauen wollen, wenn sie mit Gewalt bestraft werden, wo sie ihren natürlichen Lebenstrieben Ausdruck verleihen, wenn sie in allen gesellschaftlichen Institutionen von der Schule über die Armee bis zum Beruf nie als Menschen gewürdigt, sondern immer nur als gehorsamer Untertan erniedrigt und

entmündigt werden, dann wächst im Inneren ein unbeschreiblicher Schmerz und eine Wut, die keinen Ausweg mehr findet. Wir finden diese Verlaufsgestalt in unzähligen Biographien – bei Triebtätern und Diktatoren genauso wie bei normalen Familienvätern. Was unterscheidet einen Massenmörder von einem Durchschnittsbürger? Die bekannte Schweizer Psychologin Alice Miller entdeckte in ihren biographischen Studien: Fast nichts! In beiden wirkt dieselbe Struktur der latenten Gewalt. Und wenn die Erfahrung der Erniedrigung beinahe von einem ganzen Volk gemacht wird, dann entsteht in einer Gesellschaft ein mörderisches Potenzial von Hass und gestauter Aggression, das sich begeistert auf ein vorgesetztes Feindbild stürzt und sich schließlich in Pogromen und Kriegen entlädt.
Politische Kanalisierung gestauter Lebensenergien
Alle imperialistischen Systeme kennen diesen psychischen Untergrund und nutzen ihn für ihre Machtinteressen – der Nationalsozialismus genauso wie die USA in ihrer Propaganda für den „Krieg gegen den Terror“. Die Machtapparate könnten sich gar nicht aufrechterhalten, verfügten sie nicht über eine unbewusste Resonanz in der ganzen Menschheit. Was wäre Hitler ohne die Projektion von Millionen aufgeheizter Deutscher gewesen? Was den verarmten Postkartenmaler aus Braunau zum „Führer“ der „arischen Rasse“ machte, war die dämonische Macht gestauter Lebensenergien in der ganzen Bevölkerung, die durch seine Nazi-Ideologie einen gemeinsamen Kanal und Ausdruck fanden. Hitler und seine Leute kümmerten sich überhaupt nicht um rationale Argumente, sondern setzen ausschließlich auf emotionell wirksame Agitation. Im psychischen Untergrund Deutschlands tickte eine Bombe – und Hitler verstand es, sie zum Explodieren zu bringen.
Was sich zwischen 1933 und 1945 in Deutschland abspielte, war die grausame Kulmination eines epochalen Wahnsinns von 6000 Jahren patriarchaler Kriegsgeschichte. Es war die Folge eines weltweiten Traumas, welches mit den furchtbarsten Methoden in die Menschheit eingebrannt wurde. Nach Jahrhunderten und Jahrtausenden, in denen die Erfahrungen von Vertreibung, Völkermord, Vergewaltigung und Krieg immer wieder in die menschliche Seele eingeprägt wurde, lebte die Erdbevölkerung unter einer genetischen Programmierung von Angst, Verteidigung, Misstrauen und Gewalt. Dieses Informationsmuster – das morphogenetische Feld des Krieges – beherrscht die Menschheit bis zum heutigen Tag und wird permanent weitergegeben. Die Täter von heute sind die Opfer von gestern. Die Opfer von heute die Täter von morgen – bis wir den Wahnsinn erkennen und den Kreislauf durchbrechen.

Der autoritäre Charakter
In allen patriarchalen Gesellschaften stieß Wilhelm Reich auf mehr oder weniger ähnliche Strukturen des „autoritären Charakters“. Er beschreibt eine Charakterstruktur, die überall auftaucht: An der Oberfläche ist der autoritär geprägte Mensch „verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewusst, gewissenhaft“. Es gäbe gesellschaftlich kein Problem, wenn diese oberflächliche Schicht verbunden wäre mit dem authentischen Zentrum des Menschen, seinem „biologischen Kern“, von dem aus seine eigentlichen Triebe und Lebensimpulse ausgehen. Wäre das der Fall, dann wäre der Mensch ein wahrheitsgetreues, sexuell freies, liebendes, kreatives Wesen ohne innere Doppelbödigkeit und heimliches Gewaltpotential. Er wäre authentisch sittlich, ohne jemals einen Moralkodex zu benötigen. Die Ethik entspränge dem Leben selbst. Aber zwischen dem „biologischen Kern“ und dem, wie sich Menschen im normalen Leben verhalten, liegt eine zweite, „verdrängte“ oder „unbewusste“ Schicht, die voll ist von „grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, neidischen“ Impulsen.

Die gesellschaftliche Institution, die diese Doppelbödigkeit ständig reproduziert, war zu Zeiten Wilhelm Reichs die Kleinfamilie, ihr stärkstes Mittel das sexuelle Verbot. Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend extrem sexual- und lustfeindlichen, autoritären Einflüssen ausgeliefert sind, entwickeln eine chronische Blockierung elementarer Lebensenergien („Körperpanzer“). Die ursprünglichen Lebensimpulse, die aus dem biologischen Zentrum kommen – Bewegungsimpulse, Lernimpulse, Sexualimpulse – werden folglich umgelenkt und verbogen. Man muss sich vorstellen, was das in der kindlichen Seele bedeutet: Man wird von der elterlichen Autorität, der man schutzlos ausgeliefert ist und die man eigentlich liebt, mit Schlägen dafür bestraft, dass man neugierig einer körperlichen Energie folgt, die mit nichts anderem als purer Lebensfreude verbunden ist.
Kein Kind kann das verstehen. Es beginnt eine innere Verwirrung, die nicht aufzulösen ist. Die sexuelle Lebenskraft, die gerade noch so freudig und faszinierend war, wird mit der Ablehnung der Eltern assoziiert und verwandelt sich in etwas bedrohliches, angsteinflößendes, ekelerregendes… bis dahin, dass sie Todesangst auslöst. Um überleben zu können, identifiziert man sich mit den Eltern und nimmt deren Position sich selbst gegenüber ein. Man lebt in einer inneren Spaltung zwischen seinen Trieben, Sehnsüchten und Lebensenergien auf der einen und der Richterstimme der verinnerlichten gesellschaftlichen Autorität auf der anderen Seite. Damit beginnt die strukturelle Lüge. Man muss verstecken, verdrängen und bekämpfen, was einem eigentlich Freude macht, in einem authentisch ist oder aufschreit. Im Zustand der Verdrängung wird das, was einen an den Ausdruck freier Lebendigkeit und Sexualität erinnert, zur Bedrohung dieser rigiden inneren Ordnung und muss abgewehrt werden, denn es rührt am alten Trauma. Gewalt entsteht aus dieser Enge, aus unterdrückter Lebensenergie.

Auch wenn die Zeiten des Kaiserreichs vorbei sind, wirken diese Mechanismen immer noch, wenn auch vielerorts weitaus subtiler. Heute, wo ein Großteil der Kinder nicht mehr in Kleinfamilien, sondern bei allein erziehenden Müttern aufwächst, sind es oft nicht mehr die Schläge, sondern die ständige Überforderung der Mütter, die Gleichgültigkeit gegenüber den inneren Bewegungen des Kindes und die Sprachlosigkeit über die biologischen Regungen bei gleichzeitiger Überflutung durch sexuelle Reize durch die Medien und fast unbegrenzten Konsum.

Seelische Archetypen des inneren Faschismus
Der Nationalsozialismus operierte mit seelischen Archetypen, deren Anziehungskraft sich die autoritär geprägten Menschen kaum entziehen konnten. Sie entstammten der neurotischen Innenwelt, in der sie aufgewachsen waren. In beinahe mystischer Ekstase unterwarfen sie sich dem „Führer“ und fanden in ihm den großen, starken Papa, den sie selbst nie gehabt hatten. In der „arischen Volksgemeinschaft“ fanden sie Heimat und Gemeinschaft, die Nation war im mystischen Symbolismus der Nazis gleichbedeutend mit der Mutter, auf die sie neurotisch fixiert waren – durch das sexuelle Verbot. Die „Rassenlehre“, der fanatische Kampf gegen die „Blutvergiftung“ dieses arischen Volkes, war der direkte Niederschlag ihrer panischen Angst vor sexueller Unreinheit und „Entartung“, die ja in ihnen selbst steckte als unerkanntes Potenzial sadistischer Gewalt und von der sie sich paradoxerweise durch das Massakrieren Andersrassiger zu reinigen versuchten. Die anständig-moralische Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft war lediglich die scheinsittliche Decke über einem brodelnden perversen Untergrund.
Solange die Welt voll ist von gebrochenen Charakteren, von Menschen, die sich nie wirklich entfalten konnten, werden totalitäre Ideologien immer auf fruchtbaren Boden treffen. Zeigt die Entwicklung des „Islamischen Staates“ im Nahen Osten nicht ganz aktuell die Dringlichkeit dieser Feststellung? Was sagt es über die innere Konstitution unserer eigenen Gesellschaften, dass sich tausende junger Männer aus Europa freiwillig den Kampfverbänden des IS anschließen, einer Armee, die mit ihrer Brutalität, ihren Kreuzigungen und Massenvergewaltigungen dabei ist, Großteile des Nahen Ostens in ein Terrorregime zu verwandeln?
Dieselben Strukturen finden wir im Ansatz aber auch auf einer viel subtileren Ebene in unserer heutigen „freiheitlich-demokratischen“ Gesellschaft. Solange Menschen in sozialen Systemen leben, die sie zu Lüge und Anpassung zwingen, besteht immer auch die Gefahr faschistischer Dammbrüche. Solange der Zusammenhalt einer Gesellschaft, Gemeinschaft oder Bewegung des Ausschlusses und der Bekämpfung von Minderheiten oder ausgewählten Sündenböcken bedarf, sind sie im Grunde noch immer faschistoid. Solange eine Autorität Gewalt gegen Schutzlose ausübt und die Masse der Bevölkerung in untertäniger Manier tatenlos zusieht, gilt dasselbe. Diesen Mangel an Zivilcourage erleben wir in unserem direkten Umfeld, wir sehen ihn aber auch auf einer viel größeren Ebene als Teilnahmslosigkeit am Schicksal der Menschheit und der Erde. Wie viele Menschen ertrinken jeden Monat an den Außengrenzen der EU, während unsere Sicherheitskräfte nur zusehen? Hans de Boer, der in seiner Jugend schon im Widerstand gegen Hitler kämpfte und später von den grausamen Herrschaftsstrukturen des Imperialismus berichtete, sagte: „Gleichgültigkeit ist der Faschismus unserer Zeit.“ Je gleichgültiger Menschen sind, je geringer ihre aktive Teilnahme am politischen und globalen Prozess ist, umso subtiler können totalitäre Systeme operieren und umso ungestörter können sie Länder anderer Erdteile destabilisieren und ausbeuten. Die bestehende Gesellschaft gibt sich weltoffenen und tolerant, ökologisch und freundlich, beruht aber auf einer unausgesprochenen Abmachung dessen, was gesagt werden darf und was nicht. Wagt man es, diese Konvention zu überschreiten und Fragen zu stellen, die das ideologische Fundament der Gesellschaft bedrohen, z. B. ob die Anschläge vom 11. September nicht von der US-Regierung selbst beauftragt wurden, dann wird man mit einer Etikette belegt („Verschwörungstheoretiker“ oder „Antisemit“ etc.) und medienwirksam ausgeschaltet.

Was tun gegen den Faschismus?
Weder politische Appelle noch moralische Empörung können den Faschismus strukturell überwinden. Wir brauchen keine mahnenden Worte, wir brauchen eine neue Richtung für die Starkstromkräfte der menschlichen Seele, eine Perspektive für die Auflösung der latenten Gewalt im Inneren. „Die Ärzte“ sangen: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit… weil du Schiss vor’m Schmusen hast, bist du ein Faschist.“ und trafen damit einen tiefen Kern der Wahrheit. Würden die jungen Kerle wirklich zum IS ziehen oder wären damals Millionen Deutscher Nazis geworden, wenn sie eine wirkliche Perspektive in der Liebe hätten? Wenn wir eine Welt ohne Grausamkeit wollen, dann müssen wir Lebensformen schaffen, in denen kein Mensch seine unendliche Sehnsucht nach Liebe, Sexualität, Anerkennung, Abenteuer und Gemeinschaft mehr mit Gewalt kompensieren muss!

Die ethischen Gesetze, mit denen der Mensch versucht hat, den gestauten und geschundenen menschlichen Charakter zu veredeln, haben den Lauf der Geschichte nicht überstanden. Brutal ist aber nicht der Mensch selbst, brutal ist die Unterdrückung der menschlichen Natur. Wenn ein Fluss über das Ufer tritt und Verwüstung anrichtet, ist dann wirklich der Fluss gewalttätig – oder nicht vielmehr das Betonbett, in das er gezwängt wurde? Sowohl das Wasser als auch der Mensch müssen aus den engen Systemen befreit werden, in die sie hinein gepresst wurden. Wenn Wasser natürlich fließen darf, entfaltet es seine lebensspendende Kraft für die ganze Natur. Frei fließende Flüsse reinigen sich selbst von Giften und Schadstoffen, denn sie sind voll von Leben, sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen, aber sie zerstören nicht das Umland, sondern nähren und befruchten es. Dasselbe gilt für den Menschen: Wenn er (oder sie) sich von klein auf frei entfalten und aufwachsen kann, wenn er Erwachsene vorfindet, denen er vertrauen und die er ernst nehmen kann, wenn er Orientierung und Klarheit findet und sich in seiner Kraft in jeder Richtung erproben kann, dann offenbart sich seine humane, anteilnehmende, helfende Natur. Er oder sie wird nie ein totalitäres Regime oder sonstige Grausamkeiten erdulden. Kein Mensch, der echtes Vertrauen kennt und Akzeptanz erfährt, kann einen anderen Menschen verletzen oder gar töten.
Damit sich diese „andere Seite“ des Menschen offenbaren kann, brauchen wir neue Lebensformen, in denen sich der Mensch – wie Wilhelm Reich sagen würde – wieder mit seinem „biologischen Kern“ verbinden und sein geschichtliches Trauma überwinden kann. Die Überwindung dieser Angststruktur ist heute ein existenzielles Thema unseres kollektiven Überlebens, denn die politischen und ökonomischen Mechanismen, mit denen der Mensch sich selbst und seine organische Lebensgrundlage vernichtet, sind die Folge eines kollektiven Traumas der Menschheit. Mehr und mehr Menschen in allen Teilen der Erde erkennen diese Ausweglosigkeit innerhalb der bestehenden Systeme und suchen nach einem neuen Weg. Wir brauchen eine planetarische Bewegung, die diese Kräfte in einer gemeinsamen Aktion vereinigt und Grundlagen schafft für eine gewaltfreie Besiedelung der Erde. Die Matrix von Angst und Gewalt, welche die Erde über mehrere Jahrtausende beherrscht hat, muss komplett durch eine neues globales Informationsmuster von Vertrauen und Kooperation ersetzt werden. Um diesen inneren und äußeren Systemwechsel möglich zu machen, brauchen wir überzeugende Zukunftsmodelle, die eine neue Lebensform erforschen und exemplarisch verwirklichen. Der Wechsel vom Muster der strukturellen Gewalt zu einem Muster der Anteilnahme und des Vertrauens ist keine Sache von Gruppentherapie, sondern von einer fundamentalen Neugestaltung unserer gesamten Gesellschaft. In seinem neuen Buch „Terra Nova. Globale Revolution und Heilung der Liebe“ fasst Dieter Duhm die Grundlagen eines solchen Paradigmenwechsels zusammen, wie er in fast vierzigjähriger experimenteller Forschung sichtbar geworden ist. Duhm umreißt darin eine globale Friedensstrategie, den „Plan der Heilungsbiotope“. Der Plan sieht den Aufbau komplexer Modellzentren vor, in denen das Informationsmuster einer gewaltfreien Lebensweise in konkreten Lebensstrukturen verwirklicht wird; Gesellschaftsmodelle für die Auflösung des kollektiven Traumas. Entsprechende Orte sind bereits seit Jahren in Entwicklung. Indem diese Forschung immer fundierter und komplexer wird, können erste „Real- Laboratorien“ entstehen als Modelle für eine neue Gesellschaft des strukturellen Friedens.
Es sind neue Wege der Sozialisierung, neue Formen des menschlichen Zusammenlebens, neue Gemeinschaften, die ein stabiles Vertrauen unter Menschen möglich machen. Vertrauen ist der Schlüssel zu einer humanen Kultur. Man stelle sich vor, was das konkret bedeutet: echtes Vertrauen zwischen Eltern und Kindern, Vertrauen zwischen Liebenden, Vertrauen zwischen Mensch und Natur – eine absolute Revolution nach 6000 Jahren Patriarchat! Duhm schreibt in „Terra Nova“: „Es waren historische Vorgänge von Gewalt und Vernichtung, durch welche der genetische Schalter der Menschheit auf Angst und Verschluss gestellt wurde – und es sind elementare Vorgänge von Vertrauen und neuer Gemeinschaftsbildung, durch welche er umgestellt wird auf Kooperation und Solidarität. Wir können der Evolution eine neue Richtung geben, wenn es gelingt, [in diesem] Kernbereich den Schalter zu drehen und neue genetische Informationen aufzubauen.”

Gleichzeitig brauchen wir neue ökonomische, ökologische und technologische Systeme, die eine autarke Versorgung mit Wasser, Nahrung und Energie und ein gewaltfreies Verhältnis zu Tieren und allen Mitgeschöpfen der Biosphäre möglich machen. Sobald es den ersten Modellen gelingt, eine funktionierende Alternative auch für das soziale und menschliche Thema aufzubauen, kann diese Erfahrung auch an vielen anderen Stellen gemacht werden. Da, wo die Angst verschwindet, verschwinden die Feindschaft und die Gewalt. Menschen können nicht mehr gegeneinander aufgewiegelt werden. Es beginnt ein neues Kapitel in unserer Evolution – die Ära des autonomen Menschen.

Ich schließe mit einem bewegenden Wort von der jungen holländischen Jüdin Etty Hillesum, das sie kurz vor ihrem Tod im KZ 1943 in ihr Tagebuch schrieb: „Das Elend ist wirklich groß, und dennoch laufe ich oft am Abend, wenn der Tag hinter mir in der Tiefe versunken ist, mit federnden Schritten am Stacheldraht entlang, und dann quillt es mir immer wieder aus dem Herzen herauf – ich kann nichts dafür, es ist nun einmal so, es ist von elementarer Gewalt: Das Leben ist etwas Herrliches und Großes, wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen – und jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selbst erobern müssen.”
Ihre Worte sind ein Vermächtnis und Auftrag an uns alle.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

 

Literatur
Duhm, Dieter: Terra Nova. Globale Revolution und Heilung der Liebe Hillesum, Etty: Das denkende Herz
Miller, Alice: Am Anfang war Erziehung
Reich, Wilhelm: Massenpsychologie des Faschismus
Strasser, Todd: Die Welle

2 thoughts on “AUFLÖSUNG DES FASCHISMUS

  1. Pingback: Der Weg nach Ananda | Frankgerloff's Blog - Mentoring * inner awakening

  2. Lieber Martin,
    einmal mehr ein komplexes Thema verständlich und aufs Wesentliche reduziert auf ein paar Seiten kondensiert.
    Ich verbreite den Text. Vielen Dank!
    Christoph

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