Philip Munyasia: Warum ich immer wieder nach Afrika zurückkehre

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Die Leute fragen mich,
warum ich immer wieder zurückkehre in den Slum von Kitale in Kenia, in dem ich lebe… 

Ich war der jüngste von acht Brüdern einer armen Familie und wusste nie, wann ich das nächste Mal wieder etwas zu essen bekommen würde. Wie durch ein Wunder erhielt ich die Chance, zur Schule zu gehen und später in der USA für sechs Monate an einem Permakultur-Institut zu studieren. Ich war das erste Mal im Ausland. Ein Junge aus dem Slum in den USA, das war ein Traum! Von den sechs jungen Männern, die mit mir reisten, bin ich der einzige, der zurückkehrte. Meine Familie und Freunde glaubten, ich sei verrückt, freiwillig in diese Armut zurückzukehren.
Aber ich glaubte, dass all diese Zufälle, die mir geschehen waren, einen Sinn hatten. Ich hatte die Chance zum Lernen erhalten, das hieß für mich, dass ich die Verantwortung hatte, dieses Wissen dort weiterzugeben, wo es am meisten gebraucht wird. Und das war der Platz, von dem ich kam.
Ich wusste, ich könnte wirklich etwas verändern. Ich könnte jungen Menschen helfen, Ausbildung und Arbeit zu finden, ich könnte Frauen helfen, nicht mehr so ausgeliefert zu sein.
Dafür gründete ich die Selbsthilfeorganisation OTEPIC. Mittlerweile hatte ich mehrmals die Gelegenheit, nach Europa zu reisen, mein Wissen zu erweitern und Spenden zu erhalten, von denen ich mehrere Demonstrationsgärten anlegte. Ich sehe die Resultate meiner Arbeit, die Veränderung in meiner Gemeinde und den Vorteil, das mein Wissen meinen Nachbarn gebracht hat. Wenn ich in Europa bleiben würde, wäre das wieder ein Brain-Drain und würde das Ungleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden weiter verstärken.
Menschen werden zu Flüchtlingen entweder aus wirtschaftlichen oder aus politischen Gründen. Als ich kürzlich in Kassel in Deutschland war, zeigten meine Gastgeber mir eine Waffenfabrik. Die Waffen, die dort produziert werden, werden in Afrika und dem Nahen Osten eingesetzt. Da liegt der Grund für die Flucht!
Wir müssen die Lösung zusammen finden, in der globalen Gemeinschaft. Es gibt in Afrika viele kleine Initiativen, die versuchen, die Lebensverhältnisse zu verbessern und die Armut zu bekämpfen. Aber wir werden es nicht allein schaffen. Die internationale Gemeinschaft muss aktiv werden und das Kriegs- und Waffensystem beenden. Das ist ein Muss. Wir müssen von beiden Seiten zusammenarbeiten und machbare Lösungen finden, um die Herausforderungen der Migration zu beenden.
Viele Menschen in Kenia sind gehirngewaschen. Sie denken, Europas Straßen sind aus Gold gemacht. Ich versuche, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir unseren Lebensstandard dort verbessern können, wo wir sind.
Gleichzeitig sehe ich tatsächlich in Europa das leichte Leben. Die Menschen haben keine großen Sorgen. Du drückst auf einen Knopf und hast heißes Wasser. Essen ist etwas, das einfach da ist, wenn du den Kühlschrank öffnest. Das ist bei uns anders. Aber es nützt nichts, vor seinen Problemen wegzulaufen. Wir müssen sie lösen, dort wo wir sind.
In meiner Weltsicht gibt es global vernetzte Kette, durch deren Zusammenwirken die Probleme entstehen, und eine andere, aus der die Lösungen gefunden werden. Ich möchte Teil der Lösungskette sein. Ich möchte mein Leben als Brücke leben. Die Brücke ist klein, aber sehr wertvoll, ich möchte sie nicht zerbrechen, indem ich weggehe.
Ich möchte alle Flüchtlinge ermutigen, in ihre Länder zurückzukehren und ihr Wissen zu teilen. Sie haben ja gesehen, dass auch in Europa nicht alle Menschen glücklich sind. Ich sehe Menschen auf der Straße liegen, ich sehe viel Einsamkeit. Ich sehe Orte, die wie Paradiese aussehen, aber die Menschen todunglücklich sind.
Glück ist dort, wo du bist. Mit der Natur kannst du dich dort verbinden, wo du lebst. An jedem Ort der Erde war die Natur einmal ausbalanciert und gesund – und kann wieder so werden. Lasst uns der Natur helfen, wieder zu heilen.

Ich will nicht der Menge folgen. Ich will es anders machen. Ich will meine Rolle als Katalysator des Wandels einnehmen und mein Leben als Fackel leben, die so hell brennt wie möglich. Das heißt, gute Beispiele zu zeigen. Manchmal ist das schwierig. Besonders Politiker machen einem das Leben schwer. Manche Menschen müssen sogar ins Gefängnis, weil sie gute Dinge tun. Aber wir müssen zusammen kommen und uns gegenseitig unterstützen und Kraft geben, und immer für das Positive eintreten. Wir glauben, dass man durch Angst Kraft verliert. Darum versuchen wir zu lächeln und weiterzumachen, unsere Angst zu überwinden und die Energie zu erzeugen, die uns weitermachen lässt trotz aller Widerstände.)

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Philip Munyasia, 32, ist Gründer von OTEPIC, eine gemeinde-getragene Organisation in einem Slum von Kitale, Kenia. Kolonialisierung und Globalisierung haben das Land ausgenutzt und die Menschen ihres ursprünglichen Wohlstands und Wissens beraubt. Während die große Mehrheit des Landes Agrarkonzernen gehört, bleiben den meisten Familien winzige Grundstücke, auf denen sie anbauen, was sie brauchen. Viele Männer gehen weg, viele Jugendliche haben keine Perspektive: Es ist dieselbe Situation wie in einem Großteil der Erde. Hier wuchs Philip auf. Während der letzten Jahre haben er und sein Team einige tausend Frauen, Bauern und Jugendliche in ökologischer Landwirtschaft, Konfliktlösung und Gemeinschaftsaufbau unterrichtet. Ihr Traum ist es, ein Ökodorf und eine Schule für Permakultur aufzubauen.

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