Wasser: Das fehlende Puzzlestück zur Lösung des Klimawandels?

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Ein globaler Aktionsplan. Ein Artikel von Martin Winiecki und Leila Dregger

Waterretention_Tamera_Rainer_DuhmWasserrentionsraum in Tamera/Portugal    Photo: Rainer Duhm

Während sich Regierungen auf eine nächste Runde der Klimagespräche vorbereiten, arbeiten Pioniere an vielen Orten der Welt bereits an den unterschiedlichsten Lösungen. Während viele Umweltbewegungen noch darauf hoffen, dass sich an den Verhandlungstischen von Paris Entscheidungen anbahnen könnten, sind lokale Initiativen dabei, konkrete Maßnahmen mit großem Erfolg umzusetzen. Sie haben die Bedeutung eines Faktors erkannt, der in den Klima-Debatten immer noch unterschätzt wird: Wasser. Ein wachsender Kreis von Experten bestätigt diese Pionierarbeit. Wasser ist das Puzzle-Stück, das global zu einer schnellen und effizienten Lösung der Klimakatastrophe führen könnte.

November 2015: Nach 3-jähriger extremer Dürre in Kalifornien fällt endlich der erhoffte Regen. Doch was eigentlich ein Segen hätte sein können, entwickelt sich gleich zur nächsten Katastrophe. Ganze Wassermassen fallen auf das ausgetrocknete Land. In Lancaster waren es innerhalb von 30 Minuten 80 Liter Regen auf den Quadratmeter. Sie fallen auf asphaltierte, bebaute, überweidete, ausgetrocknete und verhärtete Flächen. Wo früher humose Waldböden dieses Wasser aufgenommen und gespeichert hätten, rauscht es heute hangabwärts und nimmt auch noch die letzten Reste fruchtbaren Ackerbodens mit sich. Schlammlawinen entwickeln sich. Kanalisierte Flussbetten füllen sich mit braunen Fluten, überschwemmen Straßen und Keller, richten Schäden in Millionenhöhe an. Das Land bleibt noch kahler und unfruchtbarer zurück.
Was in Kalifornien geschehen ist, ist ein weltweites Phänomen – und summiert sich zu einem globalen Effekt. Wälder werden abgeholzt, Felder drainiert, Wasser wird so schnell wie möglich abgeleitet, Flächen werden versiegelt – Städte bilden Hot Spots, deren Thermik Wolken nicht abregnen lässt.
Michael Kravcik nennt dies das alte Wasser-Paradigma. Der Wasseringenieur aus der Slowakei sammelt seit Jahrzehnten Datenmaterial und praktische Erfahrung. Sein Ergebnis, das er zum Weltklimagipfel vorlegt: Die Ableitung von Regenwasser weltweit vernichtet nicht nur Boden. Sie ist auch für den Anstieg des Meeresspiegels und die globale Erwärmung verantwortlich. Sein Vorschlag ist so einfach wie bestechend: Würde jeder Mensch auf der Erde 100 m³ Regenwasser speichern, könnten wir den Klimawandel aufhalten. Das ist der Kern seines vorgeschlagenen Global Action Plans.

Welche Beobachtungen liegen seinem Vorschlag zugrunde?
Zunächst in der Slowakei sah er, wie durch Flächenversiegelung und Drainierung infolge industrieller Landwirtschaft mehr Wasser abfloss. Mit seinem Team sammelte und analysierte er die Daten, rechnete sie auf globale Verhältnisse hoch und verglich sie mit weltweit gemessenen Daten. Das Ergebnis ist deutlich: Der jährliche Verlust von 127.000 Quadratkilometern Wald und die zusätzlich 55.000 Quadratmeter Flächenversiegelung pro Jahr reduzieren das Wasser, das in kleinen Regenwasserkreisläufen zirkulieren kann. Im letzten Jahrhundert, so schätzt er, gingen diesen für das Klima so wichtigen Kreisläufen weltweit 37.000 Kubikkilometer Wasser verloren: tausendmal die Menge des Lago Maggiore. Rechnet man das Volumen auf alle Ozeane um, kommt man auf ungefähr 10 cm Anstieg.

Noch eine andere Rechnung macht Kravcik: Regenwasser und Luftfeuchtigkeit gehören zum Kühlungssystem der Atmosphäre. Ein Kubikmeter Wasser verbraucht bei der Verdunstung 680 Kilowattstunden Solarenergie. Der Verlust von signifikanten Wassermengen und die Austrocknung von Böden und Luft produzieren umgekehrt potentielle Wärme, und zwar, wie Kravcik errechnete, über 25 Millionen Tera-Wattstunden – und damit über 1.600 mal mehr als die jährliche Produktion aller Kraftwerke der Erde zusammengenommen. Dies ist eine stichhaltige alternative Erklärung für die globale Erwärmung.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Meteorologe Prof. Millan Millan Munoz aus Spanien. Nach 30 Jahren Datenerfassung stellte er fest, dass Entwaldung, Intensiv-Landwirtschaft bzw. Versiegelung küstennaher Flächen für eine Veränderung der Regenmuster in großem Umfang sorgt und Einfluss auf Erderwärmung und den Anstieg der Meeresspiegel hat. Mehr Informationen hier.

Neben der Problemanalyse der Wissenschaft existieren in fast allen Erdteilen beeindruckende Lösungsansätze, die nun weltweit Schule machen könnten. Rajendra Singh, der „Wasser-Gandhi“ aus dem indischen Rajasthan, ist einer von ihnen. Vor 25 Jahren begann er, Teile der Wüste Thar wiederzubegrünen und hat erfolgreich ca. 8600 Quadratkilometer trockenster Wüste komplett revitalisiert. Singh mobilisierte die Dorfgemeinschaften, um mit traditionellen Methoden tausende Wasser-Retentionsräume zu bauen – sog. „Johads“. Der geringe Niederschlag (ca. 200 mm pro Jahr), der in solchen Regionen oft innerhalb kürzester Zeit als Sturzregen über die Erde bricht, kann so aufgefangen werden und genügt, um die zerstörte Natur wieder zu beleben und das Land von Neuem zu begrünen. Seine Initiative gab 1200 Dörfern wieder eine Lebensgrundlage. Die ganze Region kann heute hunderttausend Menschen wasser- und lebensmittelautark versorgen. Fünf vollkommen ausgetrocknete Flüsse wurden wieder ganzjährig zum Fließen gebracht. Um diese Gewässer vor erneuter Ausbeutung durch Regierung und Konzerne zu schützen, gründeten die Dorfbewohner ein „Flussparlament“ und behielten damit das Wasser in ihrer Hand. Singhs Initiative bestätigt Kravciks Beobachtungen: Dadurch, dass weiträumig in einer ganzen Region das Regenwasser wieder in den Erdkörper einziehen und dieser sich dadurch mit Vegetation bedecken konnte, veränderten sich die Wettermuster grundsätzlich. Die Niederschläge kamen zurück und vermehrten sich. Heute sind sie wieder so ausgewogen wie in früheren Zeiten. 2015 erhielt Rajendra Singh für seine Arbeit den renommierten Stockholmer Wasserpreis, der auch der „Nobelpreis für Wasser“ genannt wird.

Auch Kravcik beschäftigte sich mit Lösungen. In der Slowakei konnte er den Bau neuer Staudämme verhindern, indem er mit dem „Water and People“-Programm eine Alternative testete. In einer großen Bürgerinitiative, finanziert von der Regierung, beteiligten sich Tausende von Menschen an vielen Orten daran, kleine „Checkdams“ aus Steinen und Holz zu bauen und genau das Gegenteil von dem zu tun, was normalerweise mit Wasser gemacht wird: Sie verlangsamten den Abfluss des Regenwassers und gaben ihm somit Zeit, in den Erdkörper einzudringen. Die Aktion war ein großer Erfolg. Nicht nur Hunderte von Arbeitsplätzen wurden geschaffen, es wurden auch Dörfer revitalisiert und das Land fruchtbar gemacht. Eine Fortsetzung des Programms auf nationaler Ebene wurde allerdings von der neuen Regierung der Slowakei im Jahre 2007 verhindert. Im September 2015 wurde seine NGO von Seiten der Regierungsbehörden finanziell so in die Enge getrieben, dass sein Projekt nun vor dem Aus steht. Projekte, die den Menschen die Möglichkeit zu autarker Versorgung und damit zu Dezentralisierung und Autarkie geben, sind anscheinend zu revolutionär in einer Welt, in der die bestehenden Machtsysteme auf Zentralisierung und Abhängigkeit beruhen. Sie werden daher systematisch verfolgt, verschwiegen und oft sogar zerstört.

Ähnlich wie Singh und Kravcik lehrt auch der Österreicher “Agrar-Rebell” Sepp Holzer Regenwasser-Retention durch den Aufbau von Wasser-Retentionslandschaften. Überall auf der Welt wurden mit seiner Hilfe und Beratung solche Projekte umgesetzt. Eines davon befindet sich im Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal. Hier kann gezeigt werden, wie durch Wasser-Retentionsmaßnahmen eine von Wüstenbildung bedrohte Landschaft mit recht einfachen Mitteln und innerhalb kurzer Zeit wieder fruchtbar gemacht werden kann. Sie haben Retentionsräume, in denen sich der Winterregen sammelt, in die Erde einsickern kann und so den Grundwasservorrat auffüllt. Bernd W. Müller, Leiter von Tameras globalem Ökologie-Institut, sagt: “Seitdem wir den Winterregen auf dem Land halten können, kann das Wasser seine volle Heilkraft entfalten. Die Wildtierwelt antwortet und kommt zurück, die Flora blüht auf und wir können wieder Nahrungsmittel anbauen. Das Wasser, was früher abgeflossen ist und jetzt hier gespeichert ist, wirkt auch auf das Grundwassersystem. Innerhalb von einem ist eine Quelle unter dem ersten See entstanden, wo seitdem konstant das ganze Jahr lang Wasser fließt, was natürlich ein riesiger Gewinn für die ganze Natur ist.” Mehr Informationen in dem Film: Wasser ist Leben

Eine andere Methode zur Wasserretention ist das von Alan Savory entwickelte Holistic Planned Grazing. Die Retentionsräume werden dabei von großen Weidetier-Herden in das Land hineingetreten, die nach einem ganz speziellen Weideplan über die Flächen geführt werden.

In dem Film „Hoffnung in einem sich wandelnden Klima“ dokumentiert der Filmemacher John D. Liu, wie auf dem chinesische Löß-Plateau eine Fläche in der Größe Belgiens durch ein verändertes Wassermanagement wieder fruchtbar gemacht werden konnte.

In den USA zeigt Andy Lipkis von „Tree People“, dass es möglich ist, Wasser-Retention sogar in Großstädten zu betreiben. Durch ein intelligentes System, das Regenwasser von den Dächern und Straßen in geöffnete Räume an Straßenseiten und Gärten in den Boden lenkt, demonstriert er einen Schlüsselaspekt für eine nachhaltige Stadtgestaltung.

Nach vielen gescheiterten Klimagipfeln und angesichts der sich dramatisch zuspitzenden globalen Wettersituation bekommen solch unerwartete Antworten auf den Klimawandel eine herausragende Bedeutung. Die renommierte kanadische Umweltaktivistin und Autorin Maude Barlow schreibt: „Während es außer Zweifel steht, dass der Ausstoß von Treibhausgasen einen wichtigen und negativen Einfluss auf Wasserkörper, Erderwärmung und steigende Verdunstung hat, gibt es noch einen anderen Aspekt, den wir nicht vergessen dürfen. Die Tatsache, dass die Zerstörung des Wasserkreislaufs selbst ein Hauptgrund des Klimawandels ist, wird in den Analysen und Diskussionen der Klima-Konferenzen gar nicht bedacht. (…) Was wir daher dringend benötigen, ist ein globaler Plan für die Wiederherstellung des Wassers
(Quelle: //www.huffingtonpost.ca/maude-barlow/world-water-day_b_6911660.html)

Das Wissen für einen solchen Plan liegt vor. Im Kern beruht es auf einem ebenso simplen wie neuen Wasser-Paradigma, welches allen beschriebenen Methoden zugrunde liegt: Kein Regenwasser darf oberflächlich abfließen! Nach all der Zerstörung, die wir Menschen der Erde zugefügt haben, müssen wir „heilend“ eingreifen, um sie wieder zu befähigen, den Regen, den sie empfängt, in den Erdkörper ganz aufzunehmen. Jedes Grundstück, jede Region, jedes Land muss in das verwandelt werden, was sie von Natur her sowieso einmal waren: eine Wasser-Retentionslandschaft. Dadurch kann sich der Grundwasserspeicher füllen und Quellen können die Natur, die Tiere und die Menschen ganzjährig mit hochqualitativem Wasser versorgen. Wo sich wieder Vegetation entfalten kann, wird CO2 organisch gebunden. Dann gibt es weder Fluten noch Wüstenbildung, weder Klimakatastrophe noch Hunger, sondern Artenvielfalt, stabile Ökosysteme und eine Fülle von Wasser, Nahrung und Energie.

Würde der Flutregen des El Niño, der sich diesen Winter über Kalifornien und über andere Regionen ergießt, in vorbereitete Wasser-Retentionsbecken fallen, könnten dort schon ab nächstem Frühling Naturparadiese erblühen. Wasser-Retention ist die Grundlage einer freien Menschheit auf einer freien Erde.
Wir können nicht mehr auf Regierungen warten, um den Klimawandel zu lösen. Während Konferenz um Konferenz ohne Lösung vergeht und die Wetterkatastrophen immer schlimmer und tödlicher werden, liegen konkrete Lösungen vor. Bitte helfen Sie mit, die Information darüber zu verbreiten und das Wissen in die Welt zu bringen! Die Zeit ist reif für eine große Veränderung. Mögen sich überall auf der Welt neue Gruppen und Gemeinschaften von Menschen zusammenschließen, um gemeinsam ihre und unsere Lebensgrundlage zu sichern: gesundes Wasser und eine gesunde Natur.

 

2 thoughts on “Wasser: Das fehlende Puzzlestück zur Lösung des Klimawandels?

  1. Danke für den inspirierenden Text und die guten Beispiele!

    Ein kleiner Fehler hat sich im Text eingeschlichen: Das Regenerationsprojekt auf dem Löss-Plateau wurde auf einer Fläche so gross wie Belgien (ca. 35’000km2) durchgeführt, das ganze Löss-Plateau ist 640’000km2.

    (Text:
    In dem Film „Hoffnung in einem sich wandelnden Klima“ dokumentiert der Filmemacher John D. Liu, wie das chinesische Löß-Plateau mit einer Größe von der Fläche Belgiens durch ein verändertes Wassermanagement wieder fruchtbar gemacht werden konnte.)

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