Dezember-Brief

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Liebe StudentInnen der Schule Terra Nova, liebe MitstreiterInnen für eine neue Erde!

Wir grüßen euch aus der beginnenden Winterzeit in Tamera, in der wir uns als Träger des „Heilungsbiotops I“ Zeit nehmen für Reflexion, Tiefenschau, Visionsbildung und Neukalibrierung unserer Prioritäten. Nach den erfolgreichen Reisen in diesem Herbst (v.a. USA und Deutschland/Österreich/Schweiz) fühlen wir uns bestärkt und wollen Tamera in einer Weise umbauen und verändern, dass es seine globale Heilungsaufgabe immer mehr annehmen kann.

Die christliche Welt feiert Advent, eine Zeit der Besinnung und Vorbereitung auf die Ankunft des Lichts. Die Zeit um Christi Geburt ist, zumindest auf der Nordhalbkugel, diejenige Zeit des Jahres, in der die Nacht und Dunkelheit am längsten sind. In dieser Zeit der größten Dunkelheit liegt der Umschlagspunkt, von dem aus das Licht wieder zurückkehrt. Dieser Rhythmus der Jahreszeit wurde in vielen alten Mythologien gefeiert; die Christenwelt hat ihn symbolisch in der Vorweihnachtszeit aufgegriffen. Wir können den Vorgang heute auch noch weiter auf die ganze Menschheit übertragen und sagen: Wir leben in einem planetarischen Advent in Erwartung und Vorbereitung auf ein neues Licht nach einer so langen Zeit von Gewalt, Angst und Trennung.

In ihrem Buch „Quellen der Liebe und des Friedens“, lässt Sabine Lichtenfels die „Göttin“ oder „Weltenseele“ durch sich sprechen. Die Göttin sagt: „ICH kann im Menschen nicht voll wirken ohne die volle Geburtsstunde des Menschen, und die besteht darin, dass der Mensch Mich in sich wiederentdeckt und annimmt und ganz wirken lässt. Sie besteht darin, dass der Mensch seine Vollmacht, die er durch Mich hat, wieder erkennt und annimmt, auch in schwierigen Situationen. Sie tritt ein, wenn die Verbindung mit Mir wieder hergestellt ist.“

Die Geburt, vor der wir stehen, ist heute nicht mehr die eines individuellen Erlösers, sondern eines kollektiven Messias. Unsere göttliche Natur will menschheitlich neu geboren werden und das Licht der Welt berühren. Der Philosoph Ernst Bloch sprach hier vom „Adventsbewusstsein“ im Übergang von unserer alten Ego-Identität hin zu unserer eigentlichen göttlichen Natur. Wir können sie unsere „Christusnatur“ oder „innere Scheschina“, „Atman“ oder schlicht das „höhere Selbst“ nennen. Mit dem Aufbau von Heilungsbiotopen, Gemeinschaften, Studiengruppen, geistigen Räumen und globalen Netzwerken wollen wir diesem göttlichen Potential im Menschen einen Geburtsweg bahnen, auf „dass der Geist herab auf Erde komme“ (Hesse). Diese Geburt kann nur gemeinsam geschehen, in dem wir uns planetarisch vernetzen, unterstützen, zusammenhalten, auf ein gemeinsames Ziel hin ausrichten.

Wie sich diese Transformation in uns und auf der Erde vollziehen könnte, hat Dieter Duhm vor einigen Jahren in einer wunderschönen, ebenso poetischen wie intimen Sprache in seinem Aufsatz „Vision der Seele“ beschrieben. Wir senden ihn euch für euer Studium und eure Inspiration in dieser Dezember-Zeit.

Der planetarische Advent ist auch ein politischer; eine dringend nötige Besinnung angesichts der globalen Katastrophen, die längst nicht mehr mit den bekannten Lösungsmustern beantwortet werden können. Von dem sich diesen Winter anbahnenden „El Niño“, über Klimawandel bis zu den grausamen Kriegen im Nahen Osten und dem nicht abreißenden Flüchtlingsstrom in Europa…
Immer mehr AktivistInnen weltweit spüren, dass wir viel tiefer gehen müssen, um auf all diese alarmierenden Nachrichten eine Antwort zu finden.

Vor kurzem veröffentlichte die indische Autorin und Globalisierungskritikerin Arundhati Roy einen bewegenden Aufsatz über ihre Begegnung mit dem amerikanischen „Whistleblower“ Edward Snowden in Moskau. Nach Snowdens Ausführungen darüber, wie die westlichen Gesellschaften gerade „schlafwandelnd“ in einen „totalen Überwachungsstaat“ laufen und nach Gesprächen über die „Liebe zu Nationen“, welche Menschen zu den schlimmsten Taten veranlasst, schrieb Arundhati Roy: „Und was mit unserem eigenen Scheitern? Das der Schriftsteller, Künstler, Radikalen, Anti-Nationalisten, Rebellen: Warum sind unsere Vorstellungen gescheitert? Warum konnten wir die Idee der Fahnen und Länder nicht durch ein weniger tödliches Objekt der Liebe ersetzen? Menschen scheinen nicht in der Lage zu sein, ohne Krieg zu leben, aber sie sind auch nicht fähig, ohne Liebe zu leben. Demnach ist doch die Frage: Was sollen wir lieben?“

Der ganze Artikel auf Englisch (lohnenswert!): //bit.ly/1LEQy9b

Ein zeitgemäßer politischer Aktivismus kommt offensichtlich nicht mehr daran vorbei, sich mit den tieferen, existentiellen Themen des menschlichen Lebens auseinanderzusetzen. Um die dringend erforderlichen Lösungen für die Welt zu finden, sind wir herausgefordert, unsere eigenen Glaubenssätze über Leben, Liebe, Eros, Sinn, Gott und Zukunft zu hinterfragen.

Wir freuen uns, von euch zu hören und senden euch herzliche Grüße in dieser Zeit der (inneren) Neugeburt!

Mit besten Wünschen,

Martin Winiecki, Monika Berghoff, Nora Czajkowski, Rui Braga, Dara Silverman

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