Herzenskommunikation mit Geflüchteten

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Wie können wir mit Menschen aus fremden Kulturen kommunizieren, die alles verloren haben?

Dolores Richter, ein Mitglied der ZEGG Gemeinschaft, ist Teil einer Gruppe in Bad Belzig, die nach der “Deep Listening”-Methode mit Flüchtlingen kommuniziert.

Lesvos

Ich lebe an einem Ort, in dem viele Asylbewerber leben. Wir begegnen uns täglich im Lebensmittelgeschäft, auf der Straße. Es werden spürbar mehr. Wir haben in Erfahrung gebracht, wann die Busse aus Eisenhüttenstadt kommen. Haben befreundete Musiker zusammengetrommelt und für ihren Empfang Kuchen gebacken und musiziert. Wir wollten sie willkommen heißen. Die Sozialarbeiterin im Heim war teils aufgeschlossen, teils überfordert. Einige Tage später sagte sie: ihr könnt gerne wieder kommen für den nächsten Bus. Aber kommt ihr dann auch wieder? Sonst fragen die sich doch, wo sind denn all die netten Menschen geblieben?
Es sind daraus etliche Einladungen und Treffen entstanden. Wir machen Namens- und Wortspiele zusammen, mal mit deutschen, mal mit syrischen Wörtern. Da kommt jeder mal in die Situation zu radebrechen und gleichzeitig bricht das Eis unter uns.

Im Gespräch mit einigen Syrern werden wir gefragt: wie ist es für euch Deutsche, dass jetzt so viele Flüchtlinge kommen? – Ich spüre Dankbarkeit für diese Frage. Ich habe darauf viele Antworten. Aber die erste ist, dass ich sehr traurig bin, wenn ich daran denke, was ihr erlebt habt und warum ihr fliehen musstet. In dem Moment kehrt Stille ein. Sie schauen mich an, wir alle haben feuchte Augen. Wir teilen einen Moment, gemeinsam dem nachzuempfinden, was mit Worten gar nicht fassbar ist. Alles, was sie nach einem Moment der Stille sagen, ist: Danke.

In mir überwiegt, seit so viele Menschen in unserem Land Zuflucht suchen, die Anteilnahme an dem Schicksal dieser Menschen. Was ich hier an meinem Lebensort tun kann, ist Kontakt aufzunehmen. Ein kleiner Beitrag des Willkommens, dafür, dass Integration möglich wird. Ich tue das nicht nur für die Geflüchteten, ich spüre, dass ich es auch für mich tue. Ich komme bewegt aus diesen Begegnungen zurück. Das, was mich durch die Weltnachrichten beschäftigt und beunruhigt, kommt in realen Kontakt. Die Geflüchteten bekommen Gesichter und Namen, es entsteht Verbindung. Ein 19 Jähriger, den ich nach seinem Namen und Herkunft frage, antwortet scheu. Dann sagt er, dass er gerade zum ersten Mal mit einer Deutschen spricht. Es fühlt sich gut an, diese Deutsche zu sein.

Dann gibt es auch in mir Beunruhigung, Sorge, Angst. Was gerade auf der Welt geschieht – bzw. uns jetzt durch die Geflüchteten näher rückt, lässt uns hautnah begreifen, wie explosiv unsere Zeitsituation ist. Ich nehme auch Gedanken in mir wahr, die sich verschließen wollen, Begrenzungen schaffen, ein „sicheres Terrain“ bewahren wollen. Ich erlebe unsere Freiheit als unglaublich kostbares Gut dieser Tage. Wie wichtig es ist, mit der Angst, dieses Gut als gefährdet zu empfinden, genauso in Kontakt zu gehen wie mit der Anteilnahme in mir.
Wenn ich der Angst in mir nicht begegne, bin ich allzu schnell bereit, sie auf die anderen zu projizieren. Diese „anderen“ sind dann die, die Sicherheit und Begrenzung fordern. Bin ich in der Lage, mit den Teilen unserer Bevölkerung – und in mir -, die „gegen Flüchtlinge sind“, auch empathisch zu sein? Oder hört meine Empathie da auf? Es gibt scheinbar eine Art Übereinkunft in bestimmten Kreisen, die dies geradezu verlangt. Wer für eine Willkommenskultur ist, müsste gegen die sein, die dagegen sind. …? Aber tragen wir nicht genau damit wieder zu einer Polarisierung bei, die auch Zäune baut?

Empathie heißt nicht, gleicher Meinung zu sein. Aber wenn wir, die wir Willkommenskultur vertreten, auch unseren Ängsten bewusst und offen begegnen, schmilzt nach meinem Gefühl die Art von Abgrenzung, die sich vom eigenen Inneren abschneidet, und deshalb zu einer Art Gegnerschaft wird.
Was ich in mir in Beziehung bringen kann, kann heilen. Heißt dann Integration von Flüchtlingen nicht auch, dass wir die Unterschiede in unserem Land wahrnehmen, ihnen in uns selbst Raum geben, statt sie äußerlich nicht haben zu wollen? Wir sind gefordert, unser lang gepflegtes spirituelles Wissen jetzt gesellschaftlich umzusetzen.

 

 

 

 

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