Gemeinschaft und Solidarität

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Selbst die besten Projekte scheitern,
wenn der menschliche Faktor nicht berücksichtigt wird…. 

Abschrift einer freien Rede, Februar 2016

Aus dem Buch “Terra Nova – globale Revolution und Heilung der Liebe”, aus dem Kapitel “Das Von-Selbst-Prinzip”:
“Die Selbststeuerung findet auch in einer Gemeinschaft statt, sobald das Lebensfeld des Vertrauens hergestellt ist. An die Stelle der individuellen Entscheidungsträger tritt dann jene höhere Intelligenz, die wir als ´kommunitäres Ich` bezeichnen können. Das kommunitäre Ich wirkt durch die einzelnen Teilnehmer hindurch und organisiert auf diese Weise zwanglos die Dinge, die im Interesse der Gemeinschaft getan werden müssen.”
Mein Buch “Terra Nova” trägt den Untertitel: “Globale Revolution und Heilung der Liebe“. Heute spreche ich über globale Revolution und Heilung der Gemeinschaft. Ich werde nicht viel über Liebe reden. Bei dem Wort Liebe werden wir oft zurückgeworfen auf unser eigenes privates Leben und Denken. Bei dem Wort Gemeinschaft werden wir hinausgeworfen auf das Miteinander-Leben. Deswegen helfen die Begriffe von Liebe, Partnerschaft, Eros, Sexualität uns nicht, einer Gemeinschaft eine dauerhafte Grundlage zu geben. Auch die Begriffe von Gott und anderen religiösen Ikonen bieten keine dauerhafte Grundlage. Was also könnte eine Grundlage sein?
Ich sage das, um die Tamera-Gemeinschaft zu befreien von allen ideologischen Festlegungen. Denn wir sind hier in einem Forschungsvorgang. Wir wollen herausfinden, wie unter Menschen Vertrauen entsteht. Vertrauen ist die Grundlage der Gemeinschaft. Nicht Religion ist die Grundlage der Gemeinschaft. Ihr könnt an Gott glauben oder nicht, an eine politische Theorie oder nicht. Aber der entscheidende Würfel fällt woanders. Er fällt bei denen, die merken, warum wir das Ganze machen. Er fällt im Angesicht von Lesbos. Angesichts eines Jahrtausende langen Dramas der Menschheit wollen wir erkennen, wie wir es auflösen können.
Die ursprüngliche Heimat des Menschen ist die Gemeinschaft. Die Gemeinschaften aber wurden in einer jahrtausendelangen Kriegsgeschichte zerstört. Und zwar so tief, dass kein Imperium mehr glaubte, dass unter dem Bann der globalen Macht noch einmal eine echte Menschengemeinschaft entstehen könnte, die den Herrschenden die Macht entreißt und das System zum Kippen bringt.
Kein Mensch glaubt das noch. Denkt an die Occupy-Bewegung! Es gab eine kurze Gemeinschaft neben der Wall Street von New York und an anderen Orten. Aber es war ebenso wie in der Studentenrevolution von 1968: Die kurzfristige Revolution bringt die Menschen zusammen. Wenn sie aufhört, kommt das alte Gegeneinander in ihnen zurück. Es ist eine Macht der Zerstörung, die viel stärker ist als ein privater Wille zur Gemeinschaft.
Es fehlte das Wissen für die Gemeinschaft. Gemeinschaftswissen ist Mysterienwissen von der höchsten Stufe. Das Liebeswissen ist darin eingebunden. Das Wissen von Mann und Frau.
Die Grundlage einer funktionierenden kommenden Gemeinschaft ist das Vertrauen zwischen Menschen. Und das Vertrauen zwischen Mensch und Tier. Und das Vertrauen zwischen unserer sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt. Das alles zusammen bildet eine Gemeinschaft.
Ich behaupte, sobald unter den ersten Menschen wirkliches Vertrauen entsteht, wird ein Heilungswissen heruntergeladen, welches uns in eine neue Beziehung zueinander bringt: Die Männer in ein anderes Verhältnis zu den Frauen und umgekehrt. Die Menschen in ein anderes Verhältnis zu den Tieren und umgekehrt. Sobald die Lunte des Vertrauens glimmt und zu leuchten beginnt und an den ersten Orten der Erde aufgeht, wird ein bestimmtes Feld im Schöpfungsplan aktiviert.
Wir sind geboren, um einander zu vertrauen. Das ist die Heilige Matrix. Ich brauche dafür kein religiöses Bekenntnis. Ich brauche auch keine marxistische Ideologie, auch wenn sie vielleicht richtig ist, keinen Konfuzius, keine Gesetze.
Wer denkt, wir bauen die Ökologie und das Zusammenleben mit der Natur auf, in dem wir uns streng an bestimmte Gesetze halten, der betreibt nach und nach eine Inquisition. Denn automatisch wird der Ärger generiert, dass sich andere eben nicht an die Gesetze halten. Wer hält sich denn schon auf Dauer an irgendwelche Gesetze? Kein Mensch. Es sei denn, dieses Gesetz ist verankert in einer höheren Ordnung des Lebens und der Liebe. Aber dann ist es kein Gesetz mehr. Dann ist es eine autonome Kraft, die man eben nicht so justizförmig irgendwo hinschreibt, damit alle sich daran halten. Sondern eine Kraft, der man innerlich folgt, mit anderen Menschen zusammen, die dieser Kraft ebenfalls folgen. So entsteht Gemeinschaft.
Die Kraft des Vertrauens ist die Grundlage von Gemeinschaft. Es lohnt sich immer wieder, darüber nachzudenken. In dem Augenblick, wo in einer Beziehung zwischen Mensch und Mensch Vertrauen eintritt, in dem Augenblick verwandelt sich die Beziehung. Auf einmal freut man sich, wenn dieser Mensch in den Raum eintritt. Man hat ihn oder sie gerne in der Nähe. Vorher eher nicht. Der ganze Organismus reagiert. Es ist eine Freude, die physiologische Reaktion des Vertrauens zu erkennen. Das ist eine Heilungsreaktion. Sie geschieht von selbst. Aber wir Menschen sind aufgerufen zu verstehen, worauf sie basiert und wie wir sie bewusst erzeugen können. Kreiert Vertrauen! Hört auf mit allen Ideologien, Konzepten und Religionen der Vergangenheit. Tretet aus! Lasst uns zusammenarbeiten auf der Ebene von Solidarität und einem gemeinsamen Ziel.
Wenn ich als Mann die Solidarität gegenüber einer Frau entdecke, ist das ein überwältigendes Erlebnis. Auf einmal trete ich aus allen emotionalen Verklebungen aus. Dort wo Emotionalität war, entsteht auf einmal Bewusstsein und Wille. Wo bisher das Rückenmark regiert hat, regiert jetzt die Verantwortung. Das Denken. Das Bewusstsein.
Die Leidenschaft in der Liebe wurde bisher vom Rückenmark gesteuert. Einstein hat gesagt: Die bisherige Menschheit hat aus dem Rückenmark gedacht, nicht aus dem Kopf. Das stimmt. Aber zum Kopf würde ich gerne das Herz hinzufügen, denn dann sind wir beim Thema des Vertrauens. Hier entsteht eine Durchhaltekraft, die Hindernisse überwindet. Wenn ich anfange, bestimmten Menschen zu vertrauen, entsteht mit diesen Menschen eine Gemeinschaft, die tendenziell alle Widerstände überwindet. Wenn ich mit solchen Menschen eingesperrt würde und mir gesagt würde, sie hätten mich verraten, dann würde ich einfach sagen, es stimmt nicht. Denn ich weiß, dass es nicht stimmt. Dann können die Wärter nichts machen. Das heißt Vertrauen. Und dagegen ist jede Geheimpolizei machtlos.
Wir können anfangen in einer kleinen Gemeinschaft wie Tamera. Wenn nur 100 Menschen in diese Kraft des Vertrauens treten, dann entsteht etwas Unangreifbares. Etwas, das Bestand hat gegenüber allen privaten Wünschen und Konkurrenzkämpfen. Mit der Gemeinschaft entsteht eine neue Stufe der Konsistenz und Kohärenz. Eine neue Stufe des Zusammenhaltens. Ich bin darin ein Stückweit befreit von der Frage, ob meine persönlichen Triebe befriedigt werden. Denn die wechseln langsam über auf eine andere Ebene. Ich merke dann, dass sich in einer Gemeinschaft etwas verwirklichen lässt, was wir bisher durch Moral und Religion nicht verwirklichen konnten. Nämlich dieser Welt einen Spiegel entgegen halten, der nicht nur ihre Zerstörung widerspiegelt, sondern gleichzeitig die Lösung. Die Heilung.
Dafür kommen die Menschen nach Tamera. Und je mehr wir das verstehen, desto überzeugender wird unsere Arbeit für den Modellaufbau – für Blueprint, für Wasserheilung, für Kinderaufwachsen und Schule, für alles. Wenn im Inneren der Gemeinschaft Vertrauen und diese Zusammenarbeit bestehen. Das ist eine große Herausforderung für alle Bereiche. Wir sollten das Jahr 2016 benutzen, um definitiv die Weichen neu zu stellen.
Zerwürfnisse, Konkurrenzen und Streitereien sollten wir uns nicht mehr erlauben, höchstens noch zum Spaß, damit wir ein Thema haben fürs Forum. Aber bitte nicht im Ernst. Schaut nach Lesbos. Lest die Briefe, die unsere Mitarbeiterinnen von dort geschickt haben. Wisst, was in diesem Moment dort passiert zwischen der türkischen Westküste und den Inseln der Ägäis. Man stelle sich vor, man wäre auf so einem Boot. Und dann stelle man sich vor, man geht nicht unter. Man weiß, man wird gerettet. Und man kann wieder zurück nach Tamera. Was will man dann in Tamera machen? In der Situation befinden wir uns gerade.
Wenn sich Freiwillige und Organisationen zusammentun, um den Flüchtlingen zu helfen, dann entwickeln sich sehr interessante Ideen, z.B. dieses Zentrum in Hamburg, wo sie ein ganzes Viertel aufkaufen wollen, um daraus eine Siedlung für Asylbewerber zu machen. Es sind wunderbare Ideen, wir können die nur unterstützen. Trotzdem, keine wird funktionieren. Weil der Faktor Mensch nicht berücksichtigt ist. Die ganzen Leidenschaften, die Sehnsucht, der Schmerz, alles was aufgewirbelt wurde in den vielen Jahren und Jahrzehnten in den Heimatländern der Flüchtlinge und dann auf der Flucht, alles das ist viel zu stark. Wenn sie nicht wissen, wie man das zwischenmenschliche Vertrauen erzeugt und stabilisiert. Sie haben keine Orientierung. Wir haben keine Orientierung. Sie sind wir, wir sind sie. Es entstehen wilde Leidenschaften, wenn man überlebt als Flüchtling. Oder auch wenn man als Helfer unterwegs ist, das ist auch vorübergehend ein großes Erlebnis. Aber es fehlt noch das Bewusstsein, wie man es halten kann. Alle Menschen helfen gerne, aber wie geht es dann weiter?
Wir treten dann ein in eine viel schwierigere Arbeit, nämlich den Aufbau von Heilungsbiotopen. Den Aufbau von konkreten funktionierenden Modellen für Blueprint. Funktionieren tun all die Modelle langfristig nicht durch technologisches und ökologisches Wissen. Sondern wenn sie funktionieren, dann auf menschlicher Ebene. Das sollte mit Großbuchstaben geschrieben sein: Auf menschlicher Ebene. Erst dann kommt die Ökologie, die Technologie, die Kooperation mit den Devas, die Freude der Kinder, das wiedergefundene Vertrauen der Kinder zu den Erwachsenen.
Damit es auf der menschlichen Ebene wieder funktioniert, müssen wir austreten aus einer falschen Vorstellung von Sex, Liebe, Partnerschaft und eintreten in eine richtige. Dafür soll man keine Gesetze machen, dafür wollen wir in der Gemeinschaft ein Feld aufbauen, welches uns befähigt, nicht mehr ganz so viel zu schwindeln, sondern ein bisschen mehr Wahrheit zu riskieren.
Aber lasst uns zunächst einmal eintreten in einen gemeinsamen Willen zu helfen, bevor wir in die Tiefen steigen, die uns fast immer wieder in Berührung bringen mit dem kollektiven Trauma. Eine Gemeinschaft lebt von der Zusammenarbeit. Als wir mit 30 Menschen zusammen den Ashram gebaut haben, war es einfach eine Freude, an dem Platz zu leben. Jedenfalls für die Zeit des Baus. Leute, die zusammen ein Haus bauen, bilden eine Gemeinschaft – meistens genauso lange, wie sie brauchen, um das Haus zu bauen. Danach geht sie wieder kaputt. Zuerst die Gemeinschaft, und dann das Haus. Was beim Hausbau der Zement und der Beton und meinetwegen der Stahl ist, das ist das Vertrauen für den Aufbau von Gemeinschaft. Das ist der Stahl der Menschen, aber dieser Stahl ist weich.
Es geht darum, Heimat zu schaffen in einer Welt, die fast nur noch aus Flüchtlingen besteht. Und deswegen soll man eine der wichtigsten Prioritäten darauf setzen, einen globalen Heimatort zu schaffen, eine Art von Mekka für Friedensarbeiter. Viel Lust und Visionskraft investieren für den Ausbau des ganzen Gästebereiches, so dass Gäste sich wirklich voll willkommen fühlen. Das wir eine echte Willkommenskultur hier aufbauen.
Wir haben viel viel Potential hier. Die Menschen sind zu vielem bereit. Es genügt, wenn wenige Menschen in Verbindung mit der politischen Theorie an einem umfassenden Blueprint-Prinzip arbeiten, wenn dahinter 100 Leute voll im Einsatz sind für den Aufbau des Gästezentrums, des Kinderprojektes, der Wasserretentionslandschaft, der neuen Energietechnologie und all den Dingen. Aber immer unter der Voraussetzung, dass diese Mitarbeiter untereinander zusammenkommen, nicht eintreten in Konkurrenz, in Bruderstreit und sonstigem Streit. Immer wenn sich Türme bilden – Menschentürme, Männer- und Frauentürme, Brudertürme – sollen sie austreten aus der Konkurrenz, sich voll sehen und lieben und in eine solidarische Beziehung zueinander treten. Dann haben wir gewonnen.

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