Nach dem Brexit: Zeit für eine neue europäische Gemeinschaft

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Wir leben am Anfang einer globalen Revolution, die unsere gesellschaftlichen Lebensbedingungen auf den Kopf stellen wird.

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Die Nachricht vom Brexit löste eine Schockwelle aus, die sich über den ganzen Erdball ausbreitete. Sie verursachte Chaos an den Börsen und ließ die Wechselkurse von Pfund und Euro abstürzen. Als die erste Überraschung sich legte, trat eine nüchterne und noch unangenehmere Erkenntnis ins Bewußtsein: die Auflösung der globalisierten Machtblöcke könnte sich möglicherweise schneller vollziehen, als wir uns das vorgestellt hatten. Wir haben uns auf die Stabilität und Zuverlässigkeit unserer politischen und sozialen Ordnung verlassen. Doch nun müssen wir uns an die Vorstellung gewöhnen, dass das vielleicht nicht mehr unsere Wirklichkeit ist.

Das britische Referendum hat die Büchse der Pandora geöffnet: auch in anderen Ländern bilden sich jetzt Initiativen mit dem Ziel, den EU-Austritt zu bewirken, wohingegen Schottland, Nordirland und sogar London in Erwägung ziehen, das Vereinigte Königreich zu verlassen, um in der EU zu bleiben. Es ist, als seien wir in eine Achterbahn eingestiegen, deren Ziel wir nicht kennen. Die EU ist ein komplexes ökonomisches und politisches Bündnis, das auch ohne Brexit unter vielen Krisen leidet. Niemand kann genau vorhersehen, wie lange die EU noch in der Lage sein wird, sich zu erhalten oder ob ihr Zerfall bereits in vollem Gang ist.

Nach ihrer Wahl mussten die Briten eine Menge Gespött für ihre Entscheidung einstecken. Sie kam aus aller Welt. Warum haben die Briten bloß so entschieden? Eine satirische Schlagzeile des „The New Yorker“ lautete: „Jetzt haben die Briten endgültig das Recht verloren zu behaupten, die Amerikaner seien dümmer“. Möglicherweise war es den 17 Millionen britischen Befürwortern des Brexit nicht bewusst, welche Konsequenzen ihre Entscheidung nach sich ziehen würde. Sie gingen den Lügen, der nationalistischen Propaganda und der ausländerfeindlicher Hetze im Vorfeld der Wahl auf den Leim. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Machen wir uns nichts vor: Die Europäische Union hat Millionen von Menschen auf dem ganzen Kontinent verprellt und verraten; für viele ist die EU heute ein Begriff, der gleichbedeutend ist mit einer „feindlichen Elite“. Dabei begann die EU einst als fortschrittliches Unterfangen. Sie fühlte sich der Freiheit und Solidarität zwischen den europäischen Völkern und Nationen verpflichtet. Sie nahm den historischen Auftrag an, die schrecklichen Kriege des 20. Jahrhunderts niemals zu wiederholen und stattdessen Humanität an oberste Stelle zu setzen. Doch dann entwickelte sich das europäische Bündnis mehr und mehr zu einer antidemokratischen, neoliberalen Technokratie, die immer weniger Menschen wirklichen Nutzen bringt und Rechte überträgt. Während die Machthaber der EU auf der einen Seite Werte wie Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Frieden predigen, realisieren sie auf der anderen eine skrupellose Spar-Politik, die Schritt für Schritt prekäre Arbeitsbedingungen für Millionen von Menschen schafft. Der große Graben zwischen dem, was öffentlich gesagt wird, und dem, was mit dem Freihandelsdogmatismus wirklich ausgeführt wird, gibt vielen Menschen das Gefühl, permanent von einem anonymen System betrogen zu werden, an dem sie nicht teilhaben und das sie nicht beeinflussen können.

Mit ihrem blinden Gehorsam gegenüber den Vorgaben Washingtons hat die europäischen Führung die eigene Bevölkerung schwerstens betrogen. So hat sie unter Ausschluß der Öffentlichkeit die letzten Reste von Demokratie und Unabhängigkeit an multinationale Konzernen übergeben, sie hat mit der Einleitung der TTIP-Verhandlungen fundamentale Umwelt-, Verbraucher- und Arbeitsrechte abgeschafft, sie hat die eigenen Handelsmärkte ruiniert, indem sie Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängte; sie hat der extrem gefährlichen Aussendung von NATO-Truppen nach Osteuropa zugestimmt – es scheint offenbar keine Forderung der USA zu geben, die die europäischen Regierungen nicht zu erfüllen bereit sind, egal wie verheerend die Konsequenzen für Europa auch sein mögen. Wie gering die ideologische Toleranz innerhalb Europas geworden ist, konnte man vor Kurzem sehen, als der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier wagte, die Militärmanöver in Osteuropa als „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ gegen Russland zu verurteilen. Indem er das Offensichtliche benannte, provozierte er einen Aufschrei unter Kollegen und den westlichen Medien.

Schauen wir auf Griechenland: Vor einem Jahr vollzog die Troika (EU, EZB, IWF) eine kollektive Bestrafung gegen eine ganze Nation, weil diese die Unverschämtheit besaß, ein Ende der auferlegten Sparmaßnahmen zu fordern. Wie enthusiastisch sind Länder wie Griechenland, Portugal und Irland einst der EU beigetreten! Sie träumten von wirtschaftlichem Fortschritt, kontinentaler Integration und Solidarität. Stattdessen wurden diese Länder durch die altbekannte Falle astronomischer Schulden in bittere Armut gedrängt und ihrer Souveränität beraubt.
Doch dieser Konflikt spielt sich nicht primär zwischen Süd- und Nordeuropa ab, es handelt sich vielmehr um eine Umverteilung des Wohlstands von den 99% zu den reichsten 1% der Bevölkerung. Und dies geschieht europaweit, die Menschen spüren es in Athen genauso wie in Liverpool. „Austerität ist“, wie Noam Chomsky sagt „realer Klassenkampf“.

Die kapitalistische Globalisierung hat die sozialen Strukturen der Gesellschaften rund um den Globus zerrüttet, die Solidarität unter den Menschen zerstört und an deren Stelle ein anonymes hyper-individualisiertes Klima von Konkurrenzdenken, Einsamkeit und Überlebenskampf gesetzt. Die Menschen haben keine positive Zukunftsperspektive mehr, sie fühlen sich betrogen, ohne genau benennen zu können, von wem oder wodurch. In den Herzen der Menschen wächst eine enorme Wut. Die soziale Spannung, die sich durch ein extremes Maß an Ungleichheit, Korruption und Mangel an Perspektive im Untergrund sammelt, ist in fast allen westlichen Ländern massiv geworden. Die Gesellschaften – sowohl in Europa als auch in Nordamerika und im Grunde weltweit – können nicht mehr lange auf der Grundlage der gegenwärtig vorherrschenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungen zusammengehalten werden.

In Frankreich gibt es seit Monaten Massenproteste und Streiks gegen die neoliberale Arbeitsmarktreform von Präsident Hollande. Seit Jahrzehnten hat das Land nicht mehr dieses Ausmaß von Widerstand erlebt. Einige sprechen bereits von einer „Zweiten Französischen Revolution“. Vor einigen Tagen hat die von den Straßenschlachten erschöpfte Polizei die Protestierenden um eine Pause gebeten.

Dazu kommt die tickende Zeitbombe der griechischen Schuldenkrise, ein sich global abzeichnender Zusammenbruch der Finanzmärkte, die Flüchtlingskrise, die wir lediglich aus unserem Blickfeld verbannt, aber noch nicht gelöst haben und ein ökologisches Disaster von planetarischem Ausmaß, das unser Überleben existentiell bedroht. Brexit ist nur ein kleines Puzzlestück in einem viel größeren Prozess der Entropie, der mittlerweile in der ganzen Welt stattfindet. Die Systeme von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, aber auch Kultur und menschlichem Zusammenleben sind dabei, sich aufzulösen. Sie können auf Dauer keinen Bestand haben, weil sie die soziale und materielle Lebensgrundlage auf diesem Planeten zerstören.

Wir leben in der Anfangsphase einer globalen Revolution, die unsere Lebensbedingungen auf den Kopf stellen wird. Wir können diese Umwandlung nicht stoppen, aber wir können mitbestimmen, wohin sie führen wird. Wird der Zerfall der globalen Systeme zu faschistischer Gewalt und molekularen Bürgerkriegen führen, wie einige befürchten, oder wird er einen Erneuerungsprozess unseres Planeten und Befreiungsvorgang für uns Menschen einleiten?

Trotz des Zusammenbruchs der alten Systeme und dem Aufstieg rechtsradikaler Gespenster gibt es die Vision einer positiven Zukunft. Die Auflösung der zentralisierten Machtgefüge muss nicht unbedingt in Chaos und Zerstörung enden, sondern könnte zu einem neuen Typ einer freien Gesellschaft führen. Sie basiert auf einem Netzwerk autonomer Gemeinschaften. Gemeinschaft ist das Schlüsselwort für eine menschliche Zukunft in Europa und weltweit. Wir Menschen sind von unserer inneren Mitgift her kommunikative Wesen, wir können uns dann am besten entwickeln, wenn wir mit unseren Mitmenschen in Solidarität und Vertrauen zusammenleben. Der Wahnsinn des Kapitalismus, wie wir ihn heute in seinen späten Stadien vorfinden, kann nur ausgeführt werden von Menschen, die ihren gemeinschaftlichen und damit ethischen Anker verloren haben. Die Ära, aus der wir kommen, die Epoche des Patriarchats, des Imperialismus und Kapitalismus hat die Gemeinschaft und Zwischenmenschlichkeit systematisch zerstört, die Menschen voneinander isoliert. Man stelle sich jetzt vor, der Zusammenbruch dieses Systems wäre überall verbunden mit dem Entstehung einer neuen Art von Gemeinschaft sowohl in den Städten als auch auf dem Land; Menschen würden ein autonomes kulturelles Leben entwickeln; sie würden neue Netzwerke organisieren für regionale Selbstversorgung und wieder Verantwortung übernehmen für die grundlegenden Ressourcen wie Nahrung, Wasser und Energie und so von der Basis her eine authentische Form der Demokratie entwickeln. Sie würden neue Formen des sozialen Zusammenlebens aufbauen, die auf Transparenz basieren; Menschen hätten Interesse aneinander, anstatt sich hinter privaten Türen zu verschließen. Man stelle sich vor, Menschen würden sich mit so viel Aufrichtigkeit und Anteilnahme begegnen, dass ihre Gesellschaften nicht länger durch strikte Gesetze, Polizei oder autoritäre Apparate reglementiert werden müssten, sondern durch die Lebensqualität, nach der sich alle sehnen: Vertrauen. Man stelle sich vor, es würde sich eine neue europäische oder vielleicht auch eine neue globale Gemeinschaft entwickeln, in der die zentralisierten Machtsysteme ersetzt worden sind durch ein Netzwerk von Gemeinschaften. Es könnte den Beginn einer neuen Epoche markieren, die auf Solidarität zwischen Menschen und der Kooperation mit Naturkräften basiert. Man stelle sich vor, diese wachsende weltweite Bewegung würde sich an gemeinsamen ethischen Leitgedanken orientieren und würde das persönliche Profitstreben ersetzen durch das Streben nach Hilfe und Unterstützung zum Wohle aller und des Planeten Erde. Man stelle sich vor, diese Bewegung würde allmählich die alten Nationalstaaten, Supermächte und kulturellen Schranken auflösen. Die Gemeinschaften wären dann Heimat für alle Menschen, auch für Flüchtlinge aus Krisengebieten. Sobald Menschen wieder Heimat in einer lebendigen Gemeinschaft gefunden haben, brauchen sie nicht länger das Konstrukt genannt „Vaterland“ mit Gewalt gegen „Feinde von aussen“ zu verteidigen. (Ist Nationalsozialismus nicht sowieso nur eine Kompensation für das Gefühl von Heimat, die wir als Menschheit verloren haben?)

Um eine solche Bewegung in Gang zu setzen, brauchen wir Modelle, die zeigen, dass eine solche neue Gesellschaft überhaupt möglich ist: eine Gesellschaft, die auf einem echten Miteinander, auf Vertrauen unter Menschen und Autonomie in unserer materiellen Grundversorgung basiert. Wir brauchen Orte für eine ganzheitliche Forschung an den ökonomischen, technischen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen, spirituellen und sexuellen Strukturen, die für unsere Gesellschaft notwendig sind, damit wir wieder eins werden mit dem Leben, der Natur, unseren menschlichen Bedürfnissen und unserer Sehnsucht. Es gibt in vielen Bereichen bereits ein großes Wissen und viele praktische Lösungen. Sie alle müssen jedoch in einer Blaupause zusammengeführt werden, damit das Gesamtkonzept einer globalen Kultur sichtbar wird und seine Wirkung entfalten kann. Das ist der Gedanke, der dem Plan der Heilungsbiotope zugrunde liegt.

Ist dies zu utopisch und weitgegriffen? Je mehr wir die Dimensionen der aktuellen globalen Krise erkennen, desto mehr sehen wir die Notwendigkeit, unsere Lebensweise auf diesem Planeten fundamental umzugestalten.Es bleibt uns keine Zeit mehr, im konventionellen Sinn „realistisch“ zu argumentieren. Wer in diesem Denkrahmen verweilen will, braucht gar nicht erst anzufangen. Es bleibt uns keine Zeit mehr, über einen allmählichen Wandel nachzudenken. Wir brauchen Gedanken für eine komplette Revolution, für die gewagtesten Träume und schönsten Visionen, wie unsere Welt aussehen könnte. Das ist Radikalität in Zeiten von solch gewaltigen Umwandlungsprozessen wie heute.

Evolution geschieht nicht geradlinig, sondern in Sprüngen. Lebendige Systeme durchlaufen eine Phase voller Turbulenzen, sobald ein Organisationsprinzip nicht mehr mit dem Entwicklungsziel übereinstimmt, bis sie plötzlich den Sprung in ein neues, komplexeres Muster geschafft haben. Das ist der Prozess, den wir als Spezies gerade durchlaufen. Es ist ein Prozess, in den wir hineingeworfen werden, den wir aber auch mitgestalten können. Je klarer unsere Vision ist, umso mehr können wir diejenige Zukunft erschaffen, die wir wollen. Wir können dies nicht einem Präsidenten, einer Organisation oder einem Guru überlassen; niemand sonst wird es für uns tun. Die Zeit ist gekommen, eine neue humane Kultur aufzubauen. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem wir erkennen, dass uns die Möglichkeit dafür tatsächlich gegeben ist.

2 thoughts on “Nach dem Brexit: Zeit für eine neue europäische Gemeinschaft

  1. Lieber Martin,
    ich danke dir für deine klaren Worte, die sich mit meinem inneren Gefühl decken. Diese Art Gemeinschaft sehe ich auch schon eine ganze Weile vor mir. Jetzt dürfen sich die Menschen zusammen finden, die dies in die Realisierung bringen wollen, um vorzuleben, wie es geht. Ich bin dabei :-)
    Liebe Grüße
    Heike

  2. JA,
    eine Zukunft der Schönheit, der Lebensfreude, des Miteinander, …
    im Einklang mit dieser wundervollen lebendigen Erde.

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