Walking Water Portugal

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Pilgerschaft bringt neue Visionen für das Sado-Fluss-System 

32Photo: Der jüngste Teilnehmer der Pilgerschaft wird über den Fluss Sado getragen

Indem die Bewohner und Elemente eines Flusssystems sich kennenlernen, zuhören, kooperieren und sich als ein Ganzes verstehen, kann das Wasser sinnvoll genutzt und die Natur bewahrt werden. Walking Water ist eine Bewegung und eine Aktionsplattform, die die Bewohner eines Flusssystems  zusammenbringt, um voneinander zu lernen und Beziehungen aufzubauen. Walking Water Portugal kam im Oktober zu einer Pilgerschaft entlang des Flusss Sado zusammen.

Nach zehn intensiven Tagen des Wanderns, des Zuhörens und der Visionsbildung erreichen wir – eine Gruppe von 30 Menschen aus Tamera und einigen Freunden der Region – das Meer, in Troia, unserem Zielort. Die Pilgerschaft wurde inspiriert und geleitet von Sabine Lichtenfels und Bernd Müller aus Tamera und organisiert von Aida Shibli und ihrem Team. Wir hatten alle Altersstufen mit uns: zwei Babies im Alter von zwei Monaten, eine Frau von über siebzig Jahren – und alles dazwischen. Wir schliefen in alten Schulen und Kulturzentren, in Bauernhöfen und Sporthallen und oft auch draußen. Fast jeden Abend wurden wir mit großer Gastfreundschaft und Offenheit empfangen. Wir begannen jeden Morgen vor Sonnenaufgang mit einem Gebet und leitenden Gedanken von Sabine und wanderten die ersten beiden Stunden in Stille. Wir versuchten, die Frequenz der “Grace-Pilgerschaften” unter uns aufzubauen, wie Sabine sie bereits oft geleitet hat: Zeugnis ablegen von allem, was innerhalb und außerhalb von uns geschieht, die Verbundenheit mit allem erspüren und mit jedem Schritt Willenskraft für Frieden und Transformation aufbauen.
“Diese ersten beiden Stunden waren für mich am wichtigsten”, erzählt eine Pilgerin. “Durch das Gehen in Schweigen tauchte ich tief ein in die Beobachtung der Landschaft um uns herum, in ihre Schönheit und ihren Schmerz. Manchmal war ich den Tränen nahe, und ich entschuldigte mich in Gedanken für das, was die Menschheit der Natur antut. Aber dann gibt es wieder Augenblicke reiner Schönheit und Dankbarkeit, und ich erkannte, dass Heilung immer noch möglich ist.”
Viele Male überquerten wir den Fluss Sado und sahen ihn von einem fast trockenen Bachbett zu einem am Ende mächtigen Flussdelta anwachsen. In Alcacer do Sal, nach 130 km, setzten wir die Reise auf einem Boot fort, bis Setúbal. Die Hafenstadt war besitzt noch den Flair alten Wohlstandes: sie verband einst die Produkte des Meeres und des Inlandes.
Wir sahen vom Boot aus viele Vögel und Fische – aber keine Delphine. Es war ja die Gruppe von Flaschenhalsdelphinen, die in der Bucht von Setúbal leben, die uns erst auf diese Pilgerschaft gelockt hatten. Sie waren in Sabines Meditation aufgetaucht, und wir wollten die Verbindung von unserem abgelegenen Ort im Inland zu ihrer Lebensumgebung sehen und fühlen. Was verbindet die Landschaft – von den trockenen und kahlen Gebieten bis zu den Feuchtgebieten, durch die am Ende der Fluss fließt?

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Das eigene Flusssystem kennenzulernen, war eine Inspiration von Rajendrah Singh, dem “Wasser Gandhi” aus Rajasthan gewesen. Mit seiner Graswurzel-Bewegung konnte er eine ganze Wüstenregion wieder in fruchtbares Land und Wälder umwandeln – durch dezentrale Wasserretention. Während seines letzten Besuches in Tamera betonte er, dass jede Gemeinschaft ihr Flusssystem kennen sollte, d.h. die Menschen und die Natur, die flussabwärts leben, und die gemeinsame Verantwortung übernehmen: Wenn Menschen eines Flusssystems zusammenarbeiten, wenn sie verstehen, dass jede Aktion alle betrifft, dann können sie wieder sauberes Wasser im Überfluss haben.

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Wir begannen den Gang mit dem kleinen Bach, der aus Tameras See 1 herausfließt und bald im Boden versinkt. Wir gingen entlang trockener Flussbeten und sahen, wie tief menschliches Eingreifen den freien Fluss des Wassers behindert und verändert hat. Schon am ersten Tag trafen wir die Bürgermeister unserer Nachbargemeinden Colos und Relíquias. Sie sprachen über ihre bedrohliche Wassersituation: Die eine Gemeinde hat Wasserüberfluss durch ihr Grundwasser, die andere muss per Tanklastern mit Trinkwasser versorgt werden. Anstatt sich gegenseitig helfen zu dürfen, werden beide Gemeinden politisch dazu gezwungen, sich an das zentrale Wassersystem der großen Staudämme anzuschließen. Dabei hat der Staudamm Monte da Rocha am Ende einer langen Trockenperiode eine sehr niedrige Wasserqualität. Die Privatisierung der Wasserversorgung hat die Dörfer abhängig gemacht von einer teuren und schlechten Wasserversorgung.
Bernd Müller, Wasserspezialist aus Tamera, machte uns auf die Möglichkeiten aufmerksam, die in unserer Region trotz allem noch existieren. Immer noch pflegen alte Leute die Brunnen ihrer Dörfer und holen sich dort ihr Wasser. Doch das jeweilige Schild: “Unkontrollierte Wasserqualität” zeigte, dass die Behörden nicht in deren Aufrechterhaltung und Qualitätsprüfung investiert, sondern statt dessen die Bevölkerung verunsichert und sie dazu drängt, das schlechtere Staudamm-Wasser zu nutzen.

Nach zwei Tagen, in Alvalade, sahen wir zum ersten Mal fließendes Wasser im Fluss. Der Sado bildet hier ein natürlich wirkendes Flussbett. Aber sein Wasser stammt nicht aus einer Quelle: Es sind Abwässer aus Reisfeldern und Kläranlagen. Trotzdem war es ein Segen, frei fließendes Wasser zu sehen und die Bäume, Pflanzen, Tiere zu erleben, die sein Biotop bilden.

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Wir besuchten den Verein der Nutzer des Oberen Sado und des Campilha-Flusses (Associação de Regantes e Beneficiários de Campilhas e Alto Sado) und verstanden, dass die Flüsse hauptsächlich als Faktoren für industrielle Landwirtschaft betrachtet werden. Der Verein versorgt große Monokulturen von Tomaten, Oliven, Mais und Reis ganzjährig mit Wasser; ohne die großen Staudämme könnte diese Form der Landwirtschaft nicht funktionieren. Wir berichteten ihnen von der Wasserretention, die wir in Tamera anwenden und die Bernd Müller in vielen Ländern der Welt lehrt: das dezentrale Sammeln von Regenwasser hinter Erddämmen und in Gräben, durch das die Böden und das Grundwasser wieder aufgefüllt werden, die Fruchtbarkeit wieder entsteht und Ökosysteme restauriert werden können.
Die Manager und Ingenieure waren beeindruckt, aber sie und wir wussten, dass diese beiden Wege des Wassermanagements zu ganz anderen Gesellschaftssystemen gehören: Das eine dient der möglichst effizienten Nahrungsmittelproduktion und dem Export, das andere der Landschaftsheilung und regionalen Lebensmittelautonomie in Kooperation mit der Natur.

Auf unserem Weg sahen wir ausgebeutete und verlassene Sulfatminen für Kunstdünger, verlassene Bauernhäuser inmitten von bewässerten Olivenmonokulturen, riesige Betonröhren, in denen Grundwasser zur Kühlung der petrochemischen Industrie an der Küste abgeleitet wurde. Sabine Lichtenfels erinnerte uns: “Die Wege der Globalisierung sind dieselben überall, ob in Kolumbien, Palästina oder Portugal.” Trotz dieser immensen Zerstörung waren wir immer wieder sehr berührt durch die Kraft der Natur, die wir an abgelegenen Plätzen spürten. An einem Ort war der Wald so dicht, dass wir hindurchkriechen mussten, und der Fluss war so hoch, dass er bis an die Brust reichte – und wir Kinder und das Gepäck auf unseren hoch ausgestreckten Armen hinübertragen mussten.
Und wir schlossen Freundschaften: Mit alten Menschen, die immer noch ihre Brunnen und Gärten pflegen und begeistert auf unseren Slogan reagieren: Wasser ist ein Menschenrecht. Mit jungen Leuten, die die Stadt hinter sich gelassen haben und inmitten von Monokulturen einen kleine Bio-Höfe bewirtschaften. Mit Söhnen früherer Bergarbeiter, die nach einer neuen Perspektive suchen. Mit Jägern, die sich als Hüter der Wildnis verstehen. Mit Erben von Großgrundgrundbesitzern, die ihre stillgelegten “Herdades” in Treffpunkte für Visionäre umbauen und die Ideen von Permakultur, Mischkultur, Schönheit und Kunst in ihre Region bringen. Mit Bewohnern von Dörfern, die fast vergessen wirken, aber durch den Kontakt mit uns eine neue Idee und eine neue Zugehörigkeit fanden: die Idee eines vereinigten Flusssystems. Am Abend, wenn wir Pilger uns gegenseitig und unseren Gastgebern unsere Eindrücke und Visionen mitteilten, konnten wir immer öfter all diese Menschen und Plätze als Perlen einer lebendigen Kette sehen: Wir alle leben in demselben Flusssystem, wir alle profitieren von ihm und dienen ihm in unterschiedlicher Form. Wenn wir alle unsere unterschiedlichen Funktionen, unserer Rolle sehen und einnehmen würden, könnten wir wieder einen frei fließenden Fluss haben. “Stellt euch vor, unsere politische Verwaltung würde sich nicht an Grenzen, Ideologien und Religionen orientieren, sondern an dem Flusssystem. Das sind die natürlichen Verwaltungseinheiten”, sagte die Palästinenserin Aida Shibli.

Einer der Mitpilger, Landschaftsplaner Duarte Sobral aus Odemira, erklärte, wie ein gesundes Flusssystem aussehen könnte: Am oberen Flusslauf gedeihen Mischwälder, gefolgt von extensiverer Produktion mit Fruchtbäumen und Waldweiden, dem Montado. Im mittleren Flusslauf mit seinen fruchtbaren Ebenen wird die Lebensmittelproduktion intensiver, aber immer noch in Mischkultur und mit vielen Bäumen: Tiefwurzelnde Bäume im unteren Flusslauf machen das Grundwasser für das ganze Ökosystem verfügbar. Und in den Feuchtgebieten im Mündungsbereich gibt es Salzproduktion, Fischerei und Sammeln von bestimmten Pflanzen und Muscheln. Der ganze Überfluss, den es im Flusssystem des Sado einmal gab, spiegelt sich in der Stadt Setúbal, wo die alten Häuser immer noch den früheren Reichtum offenbaren. Es waren die Produkte des Binnenlandes und des Meeres, die hier gehandelt wurden, und der Sado formte eine lebendige Ader, die Meer und Land verband – mit Wasser, Gütern und Information.

Am Montagmorgen zu Sonnenaufgang halten wir die Meditation im Ring der Kraft mit vielen Gruppen und Einzelpersonen weltweit: Wir schicken unsere Gebete und Gedanken ganz besonders an unsere Freunde von Walking Water California, an unsere Nachbarn von Sao Luis, die ebenfalls durch ihr Flusssystem wandern, an den Frauenmarsch “Women Waging Peace” in Israel-Palästina sowie nach Kolumbien mit der dringenden Bitte, den dortigen Friedensprozess zu unterstützen. An diesem Morgen sind wir in Porches bei unserem Freund José Arantes und genießen das besondere Geschenk, um ein Feuer herum zu sitzen – was während vieler Trockenmonate nicht möglich war. Es ist eine reiche Ernte von Erkenntnissen und Visionen. Das sind Momente, in denen Hoffnung entsteht: die Hoffnung, dass wir uns tatsächlich weltweit verbinden und diese Welt doch noch in das Paradies verwandeln, als das sie gemeint ist.

Es ist ein kühler Tag, als wir die Fähre besteigen, die uns an den letzten Ort unserer Pilgerschaft bringt, zum Strand von Troia. Gerade als wir mit dem Abschlussritual beginnen, trifft uns ein kurzer, aber intensiver Regenguss. Und als wir die letzte Austausch-Runde unter uns gerade beendet haben, kommen die Delphine! Dutzende schwimmen sehr nahe an der Küste vorbei, von der Bucht in den offenen Ozean, und viele von ihnen springen hoch aus dem Wasser. Wir nehmen es als einen Abschiedsgruß und als eine Botschaft: Wie weit auch immer die Zerstörung der Erde schon gekommen ist, wir sind immer noch hier! Wenn wir kooperieren, ist die Heilung unseres Ökosystems immer noch möglich.

Danke für die Leitung, Sabine and Bernd! Danke an Aida und ihr Organisationsteam und die vielen Wunder, die sie erzeugt haben. Danke an alle Teilnehmer, Gastgeber und alle Menschen, die uns unterwegs mit Wasser, regionalen Bio-Lebensmitteln und Liebe versorgt haben. Ein ganz besonderer Dank geht an Sebastiao Antunes und Nuno Moreno für die wunderbare Musik am letzten Abend.

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