Tamera-Delegation reist nach Kolumbien

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Die Situation in Kolumbien und insbesondere auch in der Friedensgemeinschaft spitzt sich in den letzten Wochen immer weiter zu

Photo: Sabine Lichtenfels (r)im Gespräch mit Donna Brigida von der Friedensgemeinschaft San José de Apartadó in Kolumbien

 

Tamera-Mitbegründerin Sabine Lichtenfels wird im März 2017 zusammen mit Martin Winiecki (Koordinator unseres Instituts für globale Friedensarbeit), Andrea Regelmann (Koordinatorin unseres Kolumbiennetzwerks) und Laura von Raffay nach Kolumbien reisen, um die Friedensgemeinschaft San José de Apartadó zu besuchen. San José braucht im Moment sehr dringend unsere Unterstützung und wir möchten mit dieser Reise dazu beitragen, dass ihre Arbeit den politischen Schutz und eine kraftvolle Perspektive bekommt, die sie jetzt so sehr brauchen.

Alnoor Ladha, Freund von Tamera und Direktor von „The Rules“, einer internationalen NGO, die mit großen sozialen Bewegungen im globalen Süden und für eine postkapitalistische Zukunft arbeitet, wird mit uns kommen.

Wir reisen anlässlich ihres 20. Gründungstags, den die Friedensgemeinschaft mit zahlreichen Gästen aus dem Land und der Welt am 23. März feiert, nach Kolumbien. 1997 schloßen sich ca. 1350 vertriebene Bauern in der Region Urabá im Norden des Landes zu einer Friedensgemeinschaft zusammen und erklärten sich als „neutral“ im Krieg – sie verpflichteten sich zu Gewaltfreiheit, Gemeinschaft und gemeinsamer Arbeit, zum Aufbau einer Insel der Menschlichkeit inmitten von Massakern. Zu ihren Grundprinzipien gehört ein rigoroses Nein zu Drogen, Alkohol, Waffen und die Nicht-Zusammenarbeit mit allen bewaffneten Akteuren. Für ihren mutigen Einsatz wurden sie zum Ziel gnadenloser Verfolgung: über 200 Gemeinschaftsmitglieder, darunter viele ihrer Anführer, wurden auf teilweise brutalste Art ermordet, v.a. von Paramilitär und Armee, aber auch von der Guerilla. Trotz allem, was sie durchlitten haben, haben sie sich rückhaltlos für einen Weg des Friedens und der Versöhnung entschieden, und sie machen weiter.
Wir begleiten die Friedensgemeinschaft seit 2005. Wir haben „Grace“-Pilgerschaften, Solidaritätsaktionen und Technologie-Transfers für sie initiiert und kooperieren mit ihnen im Rahmen des „Globalen Campus“, einer weltweiten Ausbildungsinitiative für den Aufbau von autarken Zukunftszentren. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft mit San José. Obwohl beide Gemeinschaften – Tamera und San José – in vieler Hinsicht nicht unterschiedlicher sein könnten, so arbeiten wir doch für das gleiche Ziel einer Zukunft ohne Krieg, einer neuen Erde, in der alle Wesen in Würde, Gerechtigkeit und Vertrauen leben können.

Nachdem sich die Situation in Kolumbien und insbesondere auch in der Friedensgemeinschaft in den letzten Wochen immer weiter zugespitzt hat, haben wir uns im letzten Moment trotz vieler wichtiger Aufgaben hier in Tamera für diese Reise entschieden.

Als Sabine Lichtenfels vor zwei Jahren das letzte Mal in Kolumbien war, entstand in ihr die Vision, Präsident Santos dafür zu gewinnen, öffentlich Partei für San José und andere Friedensgemeinschaften im Land zu beziehen und diesen Gruppen dadurch den Schutz zu geben, den die brauchen. In den letzten Wochen wurde diese Vision so zwingend, dass wir sie nicht mehr beiseite schieben konnten.

Zum Hintergrund: Obwohl wir die Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den Rebellen der FARC Ende letzten Jahres als historischen Durchbruch begrüßt haben, werden wir im Moment Zeuge, wie der so genannte „Friede“ in Kolumbien jetzt von paramilitärischen Todesschwadronen, multinationalen Konzernen und korrupten Politikern als Deckmantel benutzt wird, um den Krieg gegen die Zivilbevölkerung und alle, die Widerstand leisten, umso heftiger weiterzuführen. Jetzt, da die Welt glaubt, Frieden sei in Kolumbien eingezogen, und sich die Aufmerksamkeit auf andere Krisengebiete richtet, können Paramilitärs relativ ungestört die von den FARC abgegebenen Gebiete besetzen, Aktivisten ermorden und Friedensgruppen bedrohen. Die Zahl der politischen Morde ist in den letzten Monaten stark angestiegen und auch unsere Freunde in San José waren verstärkt Drohungen und Besatzungen von Paramilitärs ausgesetzt.

Kolumbien steht jetzt vor einer Entscheidung: Wird im Land ein wirklicher Vorgang von Frieden und Versöhnung beginnen oder wird der „Frieden“ in Wirklichkeit ein heimlicher Krieg bleiben? Wir sehen, dass die Friedensgemeinschaft San José de Apartadó eine Schlüsselrolle für die Zukunft Kolumbiens einnehmen könnte. Mit allem, was sie durchlitten und erfahren haben, mit ihrem tiefen Wissen über Versöhnung, Gewaltfreiheit und Gemeinschaftsaufbau könnten sie zu Lehrern in der Friedensausbildung für entwaffnete Guerilla-Kämpfer werden. In den entmilitarisierten Zonen könnten auf diesem Weg autarke Friedensdörfer entstehen. Ehemalige Kämpfer würden nicht mehr für den Krieg, sondern für die ökologische Restaurierung des Landes arbeiten. Kolumbien könnte Beispiel für einen wahren Frieden werden, der auf andere Länder wirken kann. Wir in Tamera möchten mit unserer ökologischen, technologischen und vor allem sozialen Expertise dazu beitragen, dass es gelingt.
Wir werden neben dem Besuch in San José Vertreter von Regierung, Kirche, Indigenen, Menschenrechtsgruppen, internationalen Beobachtern und Diplomaten treffen, um auf diese Vision aufmerksam zu machen und unsere Unterstützung anzubieten – und wenn es klappt, werden wir auch Präsident Santos selbst treffen.

Im letzten Jahr initiierten wir einen Aufruf für die Rechte der kolumbianischen Friedensgemeinschaften, dem sich u.a. der amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky, Brasiliens Ex-Außenminister Celso Amorim, der bolivianische Wasseraktivist Oscar Olivera und viele andere anschlossen und der bei den Friedensgesprächen in Havanna diskutiert wurde. Wir wollen mit dieser Reise mithelfen, einen nächsten Schritt für den Schutz von San José und allen Friedensgruppen Kolumbien einzuleiten.

Möge es gelingen. Für eine Zukunft ohne Krieg!

One thought on “Tamera-Delegation reist nach Kolumbien

  1. Herzlichen Dank für Euer Wirken! Ihr bewegt sehr viel Gutes in der Welt und fördert den Frieden. – Dies tun wir auch mit unseren Gedanken und Worten. Erlaubt mir bitte einen Hinweis: Immer, wenn ich ein Wort verwende “füttere” ich diesen Begriff mit Energie. Deshalb wünsche ich uns allen “eine Zukunft in Frieden”! Herzliche Grüße

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