DAS URTRAUMA DER MENSCHHEIT

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Erst wenn wir anfangen, das kollektive Urtrauma zu verstehen, haben wir eine Chance auf Befreiung und Erlösung.

Wilhelm Reich hat mit seiner sexuellen Aufklärungsarbeit eine wichtige Rolle gespielt in der Entwicklung der Neuen Linken in Deutschland. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel “Christusmord”. Mit diesem Wort bezieht er sich auf ein historisches Ereignis, nämlich die Kreuzigung des Jesus von Nazareth. Nehmen wir einmal an, diese Geschichte sei wahr. Jesus hat eine Frau geliebt, Maria Magdalena. Und diese Frau hat Jesus geliebt, voll und ganz geliebt. Dann hat sie erlebt, wie ihr Geliebter ans Kreuz geschlagen wurde. Wissen wir, was das heißt, lebendig an ein Kreuz genagelt zu werden? Was hat Maria Magdalena in diesem Augenblick erlebt? Es war aus für sie. Da war nur noch ein ohnmächtiger Schmerz. Von da an war alles erloschen, ihr Glaube an die Liebe, ihr Glaube an Gott, ihr Glaube an ein Leben in Liebe und Wahrheit. Alles versank in einer ohnmächtigen, endgültigen Verzweiflung. Es ging ihr wie Millionen anderen von damals bis heute. Es ist das Urtrauma einer zerstörten Liebe.

Nehmen wir ein anderes Beispiel aus unserer heutigen Zeit. Eine Stammesgemeinschaft im brasilianischen Urwald wird durch die Holzfäller schwedischer Holzkonzerne ihrer Lebensgrundlagen beraubt. In dieser indigenen Gemeinschaft lebt ein Liebespaar, ein junger Mann und eine junge Frau. Der Mann geht zu den Holzfällern, um Geld für sich und den Stamm zu verdienen. In den Augen des Stammes hat er damit einen Verrat begangen. Es kommt zum Streit, der junge Mann wird umgebracht. Die junge Frau aber hat ihn über alles geliebt, jetzt steht sie da wie Maria Magdalena, in einem ohnmächtigen Schmerz ohne Ausweg. Wen könnte sie hassen? Gegen wen oder was könnte sie ihren Schmerz in Wut verwandeln? Weder gegen ihren Stamm, noch gegen ihren Geliebten. Oder gegen die Holzfäller? Sie kamen ja meistens auch aus ähnlichen Stämmen. Also bliebe nur die Wut auf den Holzkonzern. Der aber ist Teil eines imperialistischen Systems, gegen das sie keine Chancen hat. Es bleibt nur noch eine tiefe, endgültige Resignation. Die Resignation vor einer imperialen Gewalt, gegen die ein einzelner Mensch oder eine einzelne indigene Gemeinschaft tatsächlich keine Chancen hat.

Solange der Mensch, Mann und Frau, unter der Fremdeinwirkung solcher Mächte stehen, haben Liebe und Glaube keine Chance. In allen Ländern der Erde, egal ob Grönland oder China oder Philippinen oder Sudan, egal ob im Osten, Süden, Westen oder Norden, überall vollzieht sich dasselbe Urdrama der Vernichtung von Liebe, Solidarität und Vertrauen im Namen der einzigen Weltreligion, welche heute die Erde beherrscht: die Religion des globalen Kapitalismus. Der aber besteht aus Menschen, die ebenfalls das Trauma in sich tragen. Bloße Anklage und Opposition haben hier keinen Sinn mehr. Keine Befreiungsbewegung, keine linke Politik kann das bestehende System überwinden, solange sie auf den bisherigen Positionen beharrt, denn das sind immer – egal ob rechts oder links – die Postionen eines ungelösten inneren Schmerzes, einer ewig unerfüllten Liebe und einer unaufgelösten inneren Wut, die keinen Ausweg hat. Es sind die Positionen einer Menschheit, die tief gelernt hat, dass Liebe, Vertrauen und Gemeinschaft immer in einer Katastrophe enden. Das ist die Hypnose, der gewaltige Azetontropfen, der über unserem Planeten liegt.

Die Aufgabe heute besteht in der Befreiung von dieser kollektiven Hypnose. Enthypnotisierung, Neukonditionierung, Erlösung vom Glauben an das Kreuz. Es gibt nur eine einzige Aufgabe der globalen Revolution: die Liebe für immer vom Kreuz zu befreien. Erst wenn wir anfangen, das kollektive Urtrauma zu verstehen, erst wenn wir anfangen, eine Welt aufzubauen, die stärker ist als das Urtrauma, haben wir eine Chance auf Befreiung und Erlösung. Eine solche Welt beginnt mit dem Aufbau von Vertrauensgemeinschaften, die in der Lage sind, den Punkt der Wahrheit zu erkennen und das Urtrauma zu sehen. Von da an beginnt eine neue Richtung des Denkens und ein fundamentaler Paradigmenwechsel der notwendigen Revolution. Dies ist der Sinn vom Projekt der globalen Heilungsbiotope, das wir vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen haben. Ökologie und alternative Technologien für Wasser, Energie und Nahrung sind gewiss ein notwendiger Einstieg in eine neue Richtung des Denkens, global wirksam werden sie aber erst, wenn wir diesen Einstieg verbunden haben mit dem inneren Punkt der Wahrheit. Der liegt im Bereich von Sex, Liebe, Partnerschaft und Gemeinschaft. Hier erleben wir die Kraft eines tieferen Vertrauens, die Kraft eines Glaubens, welcher das Kreuz überwindet und uns zum Durchhalten befähigt.

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