Standing Rock in Kolumbien

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eine reale Friedensvision nach Jahrzehnten von Krieg und Vertreibung

Photo: 20. Jahrestag der Friedensgemeinschaft San José de Apartadó, Kolumbien

Ich schreibe diesen Text aus Kolumbien, wo wir mit einer kleinen Gruppe des Globalen Campus – aus Tamera/Portugal, aus Bolivien, Brasilien und Kanada – zu den Feierlichkeiten des zwanzigsten Geburtstags der Friedensgemeinschaft San José de Apartadó eingeladen sind. In der abgelegenen Region im tropischen Norden des Landes treffen sich Friedensaktivisten, Bauern, Indianer, Botschaftsvertreter verschiedener Länder, UN-Repräsentanten, Menschenrechtsanwälte, um eine Friedensgemeinde zu ehren, die seit zwanzig Jahren besteht – trotz aller Angriffe, trotz Gewalt und Mord. Erschütternd sind die Berichte der Kleinbauern und Indigenen, der Frauen und Männer, die täglich ihr Leben aufs Spiel setzen, um der Politik der Vertreibung etwas entgegen zu setzen: ihre Entscheidung für das Leben und die Hoffnung.

In diesem Land, in dem vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit dem Entwaffnungsvertrag der FARC Guerilla der Beginn eines neuen Friedens gefeiert wird, hat sich in Wirklichkeit das Elend der Armen, der Indigenen und Verfolgten verstärkt. Es ist wie an vielen Orten dieser Erde: Diejenigen, die eigentlich den Friedensnobelpreis verdient haben, die seit vielen Jahrzehnten den gewaltfreien Widerstand praktizieren, Gemeinschaften und engagierte Friedensarbeiter, werden verfolgt, verleumdet oder müssen sogar mit ihrem Leben bezahlen.
Aber sie lassen sich nicht zum Schweigen bringen. Sie sind von der gleichen Kraft motiviert wie die Widerstandsbewegung in den USA: Standing Rock – „Defend the Sacred“. Ihre Herausforderung, ihr Leiden und ihre Überlebenschancen sind hier wie dort die gleichen. Alleine werden sie es nicht schaffen, aber mit Hilfe einer planetarischen Vernetzung, die diesen Überlebenskampf erkennt und mit allen Kräften unterstützt, können wir den globalen Systemwechsel vorbereiten: von der globalisierten Gewalt hin zu dezentral organisierten Friedensgemeinschaften, die eine neue Grundlage für die Zukunft dieser Erde entwickeln.

„Standing Rock“ in den USA ging in den letzen Monaten weltweit durch die Presse. Es scheint wieder einmal, als sei eine Bewegung besiegt worden. Doch was für viele als trauriges Ende erscheint, ist für uns erst der Beginn – der Beginn einer weltweiten Friedensbewegung, die sich nicht mehr zum Schweigen bringen lassen wird.

Was geschah in Standing Rock?

Die Reservatsregierung von Standing Rock und mit ihnen mehrere hundert indianischer Nationen führten die Proteste gegen die Dakota Access Pipeline an, die in der Nähe des Cannon Ball Creek unter dem Missouri hindurch geführt werden soll. Was mit einer kleinen Mahnwache in North Dakota begann, wo sich ca. 600 Menschen seit April letzen Jahres versammelt hatten, weitete sich rasant zu einem Camp von bis zu 20.000 Menschen aus und mündete in eine weltweite Solidaritätsbewegung. In Wahrheit ging es um viel mehr als die Verhinderung einer Pipeline. Ihre Devise „Defend the Sacred“ – „das Heilige verteidigen“ entfachte einen ungewöhnlichen Zauber für politische Aktivisten. Die spirituelle und die politische Welt waren auf eine Weise vereint wie vielleicht nie zuvor. Dies war die hohe Magie, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat. Auf einmal kamen politisches Handeln und spirituelle Gebetspraxis zusammen. Und das wurde möglich, ohne einer Religion anzugehören. Trotz schwierigster Wetterumstände, trotz gewaltsamer Eingriffe von Regierung und Konzernen ließ sich die Gruppe nicht vertreiben – im Gegenteil, der Strom von Unterstützern wurde immer mächtiger. Im Zentrum hüteten sie das heilige Feuer. Ihre verblüffende Souveränität und verbindliche Art, bei der Gewaltlosigkeit zu bleiben, schenkte ihnen eine Macht, die immer mehr Sympathisanten anzog. Anfang Dezember kamen über 2000 Veteranen der US-Armee nach Standing Rock, um ihre Solidarität mit den indigenen Stämmen zu zeigen. Sie baten öffentlich um Vergebung dafür, dass sie falschen Befehlen Gehorsam geleistet haben, die sie heute tief bereuen. Sie mussten einsehen, dass die Vereinigten Staaten auf einem Genozid aufgebaut wurden, und baten demütig und aufrichtig um Vergebung. Fast schien es so, als hätte der gewaltfreie Widerstand gesiegt: Der zu der Zeit noch amtierende Präsident Obama versprach, den Bau der Pipeline vorerst zu stoppen und gerichtlich zu überprüfen.
Mit dem Regierungswechsel wurden alle errungenen Erfolge zunichte gemacht. Es genügte eine Unterschrift von Präsident Trump, um den Weiterbau der Pipeline anzuordnen und alle Bemühungen der Bewegung um Standing Rock zunichte zu machen.
War es das Ende einer aufkeimenden Bewegung, wie es sie vielleicht nie zuvor gab? Wurde uns wieder einmal die Ohnmacht der Gewaltfreiheit demonstriert? Oder lag in dieser mutigen Aktion weniger radikaler Menschen erst der Anfang eines umfassenden Systemwechsels, der sich auf der Erde vollziehen wird?
Was hier geschah, geschieht gerade weltweit. Es erscheint wie der Kampf zwischen zwei Mächten – der Kampf zwischen weißer und schwarzer Magie; die eine Macht, die sich auf die Heiligkeit des Lebens besinnt, auf Wahrheit, Mitmenschlichkeit und Kooperation mit den Kräften dieser Erde, und die andere Macht ist die Macht der gewaltsamen Globalisierung, der Egomanie, der Herrschaft und des Geldes.
Die Situation auf dieser Erde spitzt sich so zu, dass es immer mehr um die Frage geht: Wird die Menschheit überleben oder nicht?

Die Geschichte der Friedensgemeinschaft San José de Apartadó und der trügerische Friedensprozess in Kolumbien

Ein ähnliches Drama erleben wir bei unserem Besuch in der Friedensgemeinschaft San José de Apartadó. Am 23. März 1997 hatte eine Gruppe von 1350 Kleinbauern, die sich nicht wie so viele anderevon ihren Fincas vertreiben lassen wollten, die Friedensgemeinschaft als eine neutrale Zone gegründet, die mit keiner der Kriegsparteien kooperiert. Bei der Gründung waren aktive Friedenskräfte aus dem ganzen Land anwesend, u.a. der Jesuitenpater Javier Giraldo und der Philosoph Eduar Lanchero sowie die damalige Friedensbürgermeisterin von Apartadó, Gloria Quartas. Sie unterstützten und schützen seither den Entschluss und die Aktivitäten der Bauern, die sich im gewaltfreien Widerstand mit großer eigener Konsequenz gegen Korruption und Gewalt in Kolumbien arbeiten. Was sie geschaffen haben, ist eine Insel der Menschlichkeit inmitten eines brutalen Krieges. Über 200 Mitglieder der Gemeinschaft wurden seitdem ermordet, denn die Gemeinde steht im Weg von Wirtschaftsinteressen: Wie im ganzen Land werden auch hier Kleinbauern von Militär und Paramiliär vertrieben, damit multinationale Konzerne ihre Ländereien ausbeuten können – für Palmöl und Bananen, Erdöl, Minen und Staudämme. Auch Teile der Guerilla – einst angetreten, um die Kleinbauern zu verteidigen – nahmen anfänglich an der gewaltsamen Verfolgung der Friedensgemeinde teil und sind für mehrere Morde verantwortlich.

Für Menschen, die nicht mit der Geschichte dieses Landes vertraut sind, könnte es so aussehen, als sei der Krieg nun beendet. Präsident Juan Manuel Santos wird weltweit als Friedenspräsident gefeiert. Die Welt atmet auf. Nur wenige blicken hinter die Kulissen, was in Wirklichkeit in diesem Land geschieht. Seit 2012 läuft der so genannte Friedensprozess zwischen der Regierung und der Guerilla-Organisation FARC. Einem Wunder gleich, blieb die FARC bei ihrem Entschluss, ihre Waffen niederzulegen und innerhalb des Landes autonome Zonen für Bauern zu errichten. Ihr Vorschlag, für den sie den bewaffneten Kampf aufgegeben haben, besteht in einer großen Vision: Sie möchten innerhalb des Landes autonome Zonen für die ehemaligen Kämpfer errichten, in denen sie sich zusammen mit Bauern und Teilen der indigenen Bevölkerung zu Dorfgemeinschaften zusammenschließen wollen, die sich gemeinsam um die Nachhaltigkeit der jeweiligen Regionen kümmern werden. Sie sprechen dabei von einem dezentralen „Mikrosozialismus“.
Aber fast alle ihre Vorschläge wurden in den Verhandlungen von Havanna nivelliert. Es ist immer offensichtlicher, dass die Bereitschaft zu einer wirklichen Transformation nur einseitig ist. Die Einlösung der Versprechen, die die Regierungen gegeben hat, blieb weitgehend aus, auch bei so einfachen Dingen wie dem Aufbau von Camps, in denen die Guerilleros zwischenzeitlich leben und ihre Waffen abgeben können. Das Misstrauen wächst, und viele der linken Kräfte glauben mittlerweile, dass man die Guerilla entwaffnet, um die Bevölkerung in die Arme von Paramilitärs und multinationalen Großkonzernen rennen zu lassen. Es scheint, als wolle Präsident Santos es den Reichen der Erde, wie Europa und USA ermöglichen, in Kolumbien ungestört zu investieren, als wolle er der Ölindustrie und allen anderen Kapitalinteressen Tür und Tor öffnen, damit diese ohne allzu viel Gegenwehr das Land einnehmen können.
Da ist wenig Sorge um die Erde spürbar, um ökologische Heilung oder gar um Versöhnung mit all denen, die seit Jahrzehnten Krieg und Folter zum Opfer fielen. Es ist immer noch dasselbe Lied: die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer.
Ist der Traum von sozialer Gerechtigkeit, der Lösung der Wasserkatastrophe, der Anerkennung der indigenen Traditionen dieses Landes und der lebendigen Stimme dieser Erde ausgeträumt? Auch der Traum von mehr Gerechtigkeit gegenüber den Frauen? Etwa 80% der Opfer dieses Krieges sind Frauen.

Anscheinend kann das Paramilitär – offiziell verharmlosend “kriminelle Gruppierungen” genannt – sich nun ungehindert in den Gebieten bewegen, die von der Guerilla befreit wurden. Alles, was noch Mut hatte zu rebellieren, wird vereinnahmt. Zunächst mit Geld zum Schweigen gebracht, wenn das nicht funktioniert, verleumdet, und schließlich wird auch nicht vor Mord zurückgeschreckt. In den letzten Monaten wurden sogar noch mehr Anführer der Widerstandsbewegung umgebracht als in den Jahren zuvor. Und nach wie vor werden die meisten Taten des Paramilitärs von Militär und Justiz gedeckt. Auch die Gebiete der Friedensgemeinschaft werden von Paramilitär umzingelt und besetzt, ihre Leiter bedroht und erpresst. Wir selbst haben lange Gespräche geführt mit einem der Leiter der Friedensgemeinschaft, der kürzlich – möglicherweise von Paramilitärs – ausgeraubt wurde, während ihm Pistolen an den Kopf gehalten wurden.
„Vielleicht müssen weiterhin einige von uns das Leben lassen, aber wir sehen keinen anderen Weg als den des gewaltfreien Widerstands,“ sagt er. Diese Worte zerrissen uns fast das Herz. Wir wurden in den letzten Jahren Zeugen, wie ihre Kinder und Jugendlichen durch den Aufbau einer Vertrauensgemeinschaft aufblühten und ihre Traumatisierung überwanden. Wir können unter keinen Umständen zulassen, dass es aufs Neue losgeht und sie oder ihre Eltern bedroht oder ermordet werden.
Die Armee versucht unterdessen, internationale Hilfsorganisationen aus den bedrohten Gebieten abzuziehen. Der vorgeschobene Grund ist, Eskalationen zu verhindern. Angeblich werden sie nicht mehr gebraucht, da der Krieg vorbei sei. In Wirklichkeit, so glauben viele Oppositionsgruppen des Landes, sollen sie ausgewiesen werden, damit Paramilitärische Einheiten ungehindert agieren können.

Was heißt jetzt Friedensarbeit?

Gibt es eine Weltöffentlichkeit, die Anteil nimmt und sieht, dass die Bedrohungen gegenüber der unterdrückten Bevölkerung zu- und nicht abnehmen, und zwar nicht von Seiten der Guerilla, aber durch das Paramilitär? Sind die faschistischen Kräfte wieder einmal dabei zu siegen? Haben die Friedenskräfte verloren – so wie sie in Standing Rock verloren haben?
Was heißt jetzt Friedensarbeit? Wie sehr kann man die Menschen verstehen, die in solchen Momenten einer grenzenlosen Wut erliegen! Doch wir alle wissen, dass Rache und Wut keine Wege sind, die uns ans gewünschte Ziel führen.
Was heißt hier Überwindung von Feindbildern? Was ist zu tun, wenn man nicht als Märtyrer enden möchte und auch nicht in hoffnungslose Ohnmacht und Depression verfallen will?
Es meldet sich eine Stimme in uns, die vielen als grenzenlos naiv erscheinen wird: Es muss eine Macht existieren, die höher ist als alle Gewalt. Etwas will und muss in uns aufstehen. In allen, deren Herzen noch offen sind.
Was mit der Bewegung von Standing Rock begonnen hat, muss jetzt noch entschlossener und mächtiger werden und um den ganzen Erdball gehen! Es soll ein Netzwerk der entschlossenen Herzen entstehen, die überall mithelfen werden, dass neue fundierte Lösungen entwickelt werden können. Dies wird nur funktionieren, wenn wir lernen, uns in solidarischen Friedensgemeinschaften zusammenzuschließen. Der Ausstieg aus dem System der Gewalt und der Korruption wird zu einem Muss. Der wirkliche Ausstieg ist ein Unternehmen, dass alle Lebensbereiche umfasst, es beinhaltet andere Konsumgewohnheiten, andere Produktionsweisen, ein anderes Zusammenleben und eine völlig neue Basis des Vertrauens zwischen Menschen. Das ist die Voraussetzung, um das Heilige des Lebens überhaupt erkennen und uns dafür einsetzen zu können. 
Das heißt nicht, dass alle, die sich tatsächlich für Frieden einsetzen, gleich zusammen leben müssen – aber sie alle verbindet das Engagement für die Heilung dieser Erde, und in diesem Sinne schließen sie sich zusammen.

Heilkraft des Lebens

Der Einsatz für die Heiligkeit allen Lebens wird dann als transformatorische Welle durch alle Parteien und Organisationen gehen und alle Ideologien und äußeren Glaubensbekenntnisse auflösen. Das erfordert von uns die Bereitschaft, dem Prozess der globalen Heilung wirklich zu dienen. Wir besinnen uns wieder auf die höhere Ordnungsebene des Lebens, wir nennen sie die “heilige Matrix”.
„Die heilige Matrix ist die ursprüngliche, übergeschichtliche, nicht-entfremdete, kosmische oder göttliche Matrix des universellen Lebens“, schreibt Dieter Duhm in seinem gleichnamigen Buch. 
Als Kinder dieser Erde und ihre verantwortlichen Bewohner sind wir alle miteinander verbunden. Es ist dieselbe Sonne, derselbe Mond, dasselbe Wasser, dieselbe Erde, dieselbe Luft, für die wir alle gemeinsam Verantwortung tragen. Die Erde ist reich und beschenkt uns alle, wenn wir mit ihr kooperieren. Es existiert nur eine Menschheit. Nach Jahrtausenden von Trennung und Gewalt muss diese Art der Kooperation neu gelernt werden. Deswegen wird sich die neu aufkeimende Bewegung für den Aufbau dezentraler Gemeinschaftsmodelle einsetzen und sie schützen. Gemeinschaft unter Menschen, Wahrheit in der Liebe, Kooperation mit allen Mitgeschöpfen – all dies will erlernt und verstanden werden. Deswegen brauchen wir erste Orte auf dieser Erde, an denen Modelle entstehen, die der Heilung dieser Erde dienen. Wir nennen diese Orte Heilungsbiotope.

Wie organisiert sich das Leben, das immer wieder seine Wunden zu heilen vermag? Überall, wo die Erde verletzt wurde, lässt die Natur von selbst Biotope der Heilung wachsen. Wie geschieht das?
Dieses Heilungswunder gilt nicht nur für Pflanzen, sondern auch für uns Menschen. Das Leben selbst kennt eine Macht, die höher ist als alle Gewalt. Es liegt an uns, Heilungsbiotope zu bilden, die in der Lage sind, alte Verletzungen zu heilen: Orte, wo Menschen eine neue Art des Zusammenlebens entwickeln, in Vertrauen miteinander und Kooperation mit allem Lebendigen. Sie leben von höchstmöglicher Vielfalt und Komplexität und gleichzeitig vom dem Wissen um die Einheitlichkeit allen Lebens.

Es gibt dabei Gesetzmäßigkeiten, die wir erkennen und anwenden können. Eine davon heißt: Alles Leben organisiert sich in Gemeinschaft. Die weltweite Zerstörung ursprünglicher Gemeinschaftsformen ist eine der größten Wunden, die uns menschheitlich zugefügt wurden. Das hat uns alle regierbar gemacht und in Zivilisationen gezwungen, die wir nicht wirklich lieben. Wenn wir wieder lernen, uns gemeinschaftlich zu organisieren, können an vielen Stellen dieser Erde „Standing Rocks“ entstehen. Standing Rock bedeutet in der Sprache der Ahnen: Ort der Verbindung zwischen Himmel und Erde. Überall, wo heilige Orte errichtet werden sollten, wurden Steine aufgestellt für die Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Die Notsituation der Erde fordert uns auf, heilige Orte zu errichten, in denen die Urbedeutung der Gemeinschaft wieder erfahrbar wird: Gemeinschaften, die auf Vertrauen und Wahrheit basieren. Dies erscheint als eine absolute Notwendigkeit, um das Leben zu verteidigen.
Unvermeidlich dabei ist: Sie müssen im Kern von Wahrheit und Liebe getragen sein. Es muss den ersten Menschen gelingen, aus den Mustern der Konkurrenz und des egomanischen Verhaltens vollkommen auszusteigen. Das Wort Vertrauen wird oft benutzt, aber kaum jemand kennt mehr seinen wirklichen Wert. Es müssen Vertrauensgemeinschaften entstehen. Das fordert das Leben von uns.

Eine weltweite Solidaritätsbewegung für das Heilige – und eine konkrete Utopie für Kolumbien

Die Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó ist im Grunde eine Gemeinschaft von Vertriebenen sowie Menschen, die sich gegen die Vertreibung von ihrem Land zur Wehr setzen. Was hier gewachsen ist, braucht unsere internationale Aufmerksamkeit und unseren Schutz. Dann kann sich die Gemeinschaft zu einer Keimzelle für den Frieden im ganzen Land entwickeln. Wir müssen ihren aufrichtigen Widerstand und ihren unendlichen Einsatz erkennen und anerkennen, um ihre Kraft zu stärken, die sie jetzt brauchen. “Selbstbewusstsein gibt es nur als Anerkanntes”, sagte Hegel. Hier können wir diese Wahrheit nachvollziehen.
Wir alle sind herausgefordert, uns auf ein einfaches und anteilnehmendes Leben zu besinnen. Es muss eine Bewegung entstehen, die bereit ist, allen Vertriebenen wieder eine Heimat zu bieten. Die bestehenden Gemeinschaften können in diesem Vorgang eine wichtige Rolle einnehmen – in Kolumbien und weltweit.

Ohne diese weltweite Solidarität werden weiterhin indigene Völker vernichtet, Widerstandsgemeinschaften zerstört oder ausgehungert werden – wenn nicht durch direkte Gewalt, dann durch das Machtmittel von Verleumdung und Korruption. Und die Wohlstandsgesellschaften errichten immer größere Mauern, um sich vor ihrer eigenen Angst und vor der Wahrheit des Lebens zu schützen.

Wir alle müssen erkennen: Die kapitalistischen Gesellschaften werden so nicht mehr lange funktionieren können. Die Erde lässt sich nicht mehr so behandeln. Sie wehrt sich – es geht jetzt um Auf- oder Untergang.
Doch die ureigene Kraft des Lebens macht auch vor Regierungen nicht halt. Im Folgenden beschreibe ich eine Utopie, die mir immer wieder Kraft gibt, in den schwierigen Konflikten durchzuhalten und keinen alten Feindbildern zu erliegen:

Der Systemwechsel geht durch alle Reihen! Lasst uns erkennen: Es wurde genug gestorben. Es geht jetzt nicht um den Aufbau von neuen Feindbildern. Auch ein Präsident Santos hat in seinem Ursprung ein liebendes Herz. Lasst uns unsere Wut wandeln in die unbedingte militante Entschlossenheit, an dem alten System zu rütteln und die verschlossenen Herzen zu wecken. Und lasst uns den Mut finden, unser eigenes Herz wieder zu öffnen für die bedingungslose Anteilnahme an den Kräften des Lebens.
Ich stelle mir vor, dass Präsident Santos plötzlich erreicht wird von einer Flut des Mitgefühls. Er fühlt sich auf einmal väterlich berührt von der ursprünglichen und reinen Hoffnung, die er in vielen durch seinen Friedensprozess ausgelöst hat. Er kann den Blicken der Kogi-Indianer, denen er ein großes Friedensversprechen gegeben hat, nicht mehr ausweichen. Er spürt, dass er etwas unternehmen muss, wenn er nicht will, dass Gewalt und Krieg jetzt noch einmal mächtig aufflammen in einem Land, in dem er als Vorreiter eines Friedensprozesses gilt. Vielleicht heftiger und unerbittlicher als zuvor.
Die Art, wie wir über ihn denken, ist mitverantwortlich für das, was er tun wird. Er soll sich nicht mehr vor der Rache all derer fürchten, die seit Jahrhunderten unterdrückt wurden, sondern sein Herz öffnen für die Möglichkeit einer echten Vergebung. Er spürt, dass auch der Aufschrei der Natur in seinem Land von ihm etwas einfordert, die nahende Wasserkatastrophe, drohende Überschwemmungen und Wüstenbildung lassen sich nur verhindern, wenn es Raum für ein großes Umdenken gibt.

Noch ist es schwer vorstellbar und doch könnte es geschehen: Juan Manuel Santos nimmt Anteil am Schicksal der Menschen seines Landes. Frieden ist nicht mehr nur ein Wort für ihn. Er leitet einen verantwortungsvollen Prozess der Versöhnung in seinem Land ein. Offiziere und führende Kräfte des Paramilitärs werden von dieser Kraft angesteckt. Sie selbst waren ja ursprünglich Unterdrückte und Misshandelte. Oft wurden sie sehr jung vom Paramilitär rekrutiert, weil sie keine andere Perspektive kannten. Was, wenn sie plötzlich berührt werden von einer großen Vision der Heilung? Schon lange hat sich in ihnen ein Zweifel geregt. Schon lange wussten sie, dass das, was sie taten, unrecht war. Schon lange suchten sie einen Weg des wirklichen Ausstieges. Sollte es tatsächlich Vergebung geben – auch bei ihren Verbrechen? Sie kommen – zunächst zu wenigen, dann zu Hunderten – um die Gemeinschaftsbewegung im Land zu stärken. Es war ja nur ihre Angst, die sie hart werden ließ. Jetzt, wo sie keine Rache mehr fürchten müssen, erkennen sie, was sie getan haben. Ähnlich wie die amerikanischen Veteranen, die zu Standing Rock kamen, bitten sie aufrichtig um Vergebung. Jetzt kann der wahre Friedensprozess beginnen. Es werden Schutzzonen errichtet, in denen es keine Waffen gibt und in denen nachhaltige Gemeinschaftsformen ökologisch, technologisch und sozial erprobt werden können.

Wenn wir uns von einer solchen Vision berühren lassen, müssen wir unseren eigenen Traum verändern. Auf einmal erkennen wir die Möglichkeit einer globalen Friedenswelle, die uns alle in einen gewaltigen Vorgang der Transformation hineinnehmen wird. Wenn wir wirklich bereit sind zu einer tief greifenden Selbstveränderung, wird sich auch an anderen Orten etwas verändern. Dieter Duhm schreibt in seinem erschütternden Text „Defend the Sacred – Wie könnte die Friedensbewegung gewinnen?“:
“Können wir uns vorstellen, dass neue Gemeinschaften auf der Erde entstehen, wo Menschen und Tiere, Kinder und Eltern in Freundschaft aufwachsen? Gemeinschaften, in denen es keine Angst und keine Feindschaft mehr gibt unter Menschen und allen Mitgeschöpfen? Können wir uns eine Welt vorstellen, in der das Konzept der Feindschaft vollkommen erloschen ist? Sind wir in der Lage, die ethischen, sozialen, ökologischen und spirituellen Voraussetzungen zu erkennen und zu erschaffen, aus denen eine solche Welt tatsächlich hervorgeht? Ist es nicht ein nahe liegender Gedanke, einen solchen Versuch zu starten?“
Unsere Antwort lautet ja: Lasst uns alles dafür tun, dass Ausbildungsstätten entstehen, an denen Friede erprobt und gelernt werden kann.Wenn es an den ersten Orten gelingt, Frieden real zu leben, wird es eine Auswirkung haben auf den ganzen Planeten. Die Friedensgemeinschaft von San José könnte eine zentrale Rolle darin übernehmen, den Prozess von Vergebung und wirklicher Gewaltfreiheit einzuleiten. Sie praktizieren es seit Jahren, ihren Feind nicht zu hassen und auch keine falschen Kompromisse zu machen. Wir können von ihrer Kompromisslosigkeit lernen und ihnen unser Wissen, dass wir erarbeitet haben, zur Verfügung stellen.

Für unsere Kinder und die Generationen, die nach uns kommen.
Defend the Sacred – verteidigt das Heilige!

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